Brennpunkt in Berlin

Leben am Kottbusser Tor: "Die schrecken vor nichts zurück"

Gewerbetreibende und Anwohner berichten von täglicher Gewalt am Kottbusser Tor. Die Straftaten haben sich verdoppelt. Ein Ortsbesuch.

Stephanie Steger hat keine Angst, wenn sie am Kottbusser Tor unterwegs ist. Sie habe dort noch keine brenzlige Situation erlebt, sagt sie

Stephanie Steger hat keine Angst, wenn sie am Kottbusser Tor unterwegs ist. Sie habe dort noch keine brenzlige Situation erlebt, sagt sie

Foto: Marion / Marion Hunger

Berlin.  Auffällig viel Polizei ist unterwegs am Kottbusser Tor in Kreuzberg an diesem Dienstagmorgen. In Gruppen gehen die Beamten Streife. „Kaum kommen die, sind Dealer und Straßendiebe verschwunden. Aber zwei Minuten, nachdem die Polizei weg ist, sind die wieder da“, sagt ein Händler vom „Kotti“, der seinen Namen nicht nennen möchte. Er beobachte das Schauspiel nicht zum ersten Mal und habe schon selber bei Konflikten oder Raubüberfällen eingreifen müssen, sagt er.

>> Kommentar: Gewalt am Kottbusser Tor - Berlins Wahlkampf hat begonnen

Drogenhandel, Taschendiebstahl, Straßenraub – wenn es in Berlin einen Ort gibt, der Tag für Tag von Kriminellen unterschiedlichster Art heimgesucht wird, dann ist es die Gegend rund um den U-Bahnhof Kottbusser Tor.

Mehr als 2100 Diebstähle

Der Platz steht in diesen Tagen im Blickpunkt des politischen Interesses, nicht nur wegen des dramatischen Anstiegs der Straftaten, sondern auch – und das hängt zusammen – wegen der zunehmenden Differenzen innerhalb der rot-schwarzen Koalition. Schließlich hat der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) seinen Innensenator Frank Henkel (CDU) unmissverständlich aufgefordert, etwas gegen die Kriminalität am Kottbusser Tor zu unternehmen.

Mehr als 2100 Diebstähle wurden vergangenes Jahr in dem Bereich angezeigt, gegenüber dem Vorjahr hat sich die Zahl damit nahezu verdoppelt. Die Polizei spricht außerdem von einem Anstieg der Gewaltdelikte um 30 Prozent und der Raubtaten um 55 Prozent. Auch die Drogenkriminalität nimmt einem Lagebild des Landeskriminalamtes zufolge immer noch weiter zu.

Die Kriminellen "kennt man schon"

An diesem Dienstagmorgen stört sich ein schlaksiger Mann nicht an der Polizeipräsenz: Ungerührt klettert er auf eine Telefonsäule, richtet sich auf dem magentaroten Dach ein und lässt den Blick über den Platz schweifen. Sein gelegentliches, vermeintlich an die Vögel gerichtetes Trillern wird aus der Adalbertstraße beantwortet.

Ein Code? Ein Warnzeichen für andere? Von den Passanten jedenfalls beachtet ihn niemand. Die Kriminellen, die hier ihren Stammplatz haben, „die kennt man schon“, sagt Ursula Schröder. Die 61-Jährige lebt seit 35 Jahren im Kiez. Seit ein, zwei Jahren, sagt sie, sei die Atmosphäre aggressiver geworden. „Jetzt wird gefordert, Henkel solle durchgreifen“, sagt Ursula Schröder. „Dabei müsste viel mehr präventiv gemacht werden“, so bei der Integration sozialer Randgruppen. Stephanie Steger kommt aus dem Bergmannstraßenkiez und hat keine Angst, wenn sie am „Kotti“ unterwegs ist.

Streitereien auf offener Straße gebe es zwar häufig. Auch die Dealer seien augenfällig. Sie selbst habe aber noch keine brenzlige Situation erlebt, erzählt die 34-Jährige, die ihren kleinen Sohn im Kinderwagen schiebt. „Ich glaube, die Brennpunkte sind gerade eher woanders, zum Beispiel am RAW-Gelände.“

Straßenkriminalität "enorm zugenommen"

Tanja Kapp zeichnet ein anderes Bild der Lage. Die Leiterin des zuständigen Polizeiabschnitts 53 fand vor einigen Wochen bei einer Veranstaltung von Gewerbetreibenden aus dem Kiez eindeutige Worte: Die Straßenkriminalität habe „enorm zugenommen“, vor allem die Gewaltbereitschaft der Täter sei immens gestiegen. Das entspricht den Beobachtungen und Erfahrungen von Gewerbetreibenden und Anwohnern. Mehrfach sind in den vergangenen Monaten Passanten rund um den Platz von Straßenräubern oder Taschendieben mit Messern bedroht oder attackiert worden, wenn sie sich gegen die Übergriffe der Täter zur Wehr setzen. Besonders die Taschendiebe sind bestens organisiert. Stößt der mit der Ausführung des Diebstahls betraute Täter auf Widerstand, eilen ihm sofort mehrere in der Nähe wartende Komplizen zu Hilfe. „Die sind völlig skrupellos und schrecken vor nichts zurück“, beschreibt ein Anwohner solche Vorfälle, wie er sie eigenen Angaben zufolge tagtäglich erlebt.

Ermittler berichten davon, dass es zunehmend zu Konkurrenzkämpfen zwischen kriminellen Familienclans und osteuropäischen Banden auf der einen Seite sowie Tätergruppen aus Nordafrika, die erst vor Kurzem aufgetaucht sind, kommt. Anwohner und Gewerbetreibende monieren außerdem, dass die Polizei nicht ausreichend Präsenz zeige. Das Einsatzaufkommen der Behörde in jüngster Vergangenheit scheint diese Kritik zu bestärken. 62 Großeinsätze hat die Polizei nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr am Kottbusser Tor durchgeführt, dabei kamen 3400 Einsatzstunden zustande. Zum Vergleich: Bei der Bekämpfung der Drogenkriminalität im nahe gelegenen Görlitzer Park brachte es die Polizei im gleichen Zeitraum auf 31.000 Einsatzstunden.