Bücher-Detektive

Uni Potsdam stöbert von Nazis geraubte Bücher auf

Die Uni Potsdam stöbert in ihren Regalen von den Nazis geraubte Bücher auf, um sie zurückzugeben. Es sind weit mehr, als angenommen.

Zwei Raubkunst-Bücher aus der Universitätsbibliothek

Zwei Raubkunst-Bücher aus der Universitätsbibliothek

Foto: Katrin Starke

Die Handschrift ist leicht zu entziffern. Die schwarze Tinte auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels ist noch nicht verblichen, obwohl es Jahrzehnte her ist, seit die Widmung geschrieben wurde: "Carmen Harf zu ihrem 11. Geburtstage". Notiert von Onkel Julius und Tante Alice am 23. September 1934 in Wiesbaden. Die "Übersetzung der fünf Bücher Moses" war ein Geschenk an ihr Patenkind.

Welche verschlungenen Wege das Buch genommen hat, kann Andreas Kennecke, Fachreferent der Universitätsbibliothek Potsdam (UB), nur vermuten. Sicher ist: Heute gehört der 1905 in Frankfurt am Main gedruckte Band zum Bestand der Potsdamer Uni-Bibliothek.

Aber nur so lange, bis Kennecke die Eigentümer, deren Erben oder Rechtsnachfolger ausfindig gemacht hat. Basis ist die Washingtoner Erklärung von 1998 über die Rückgabe von NS-Raubgut. Kein Muss, aber eine Selbstverpflichtung Deutschlands. Die Moses-Übersetzung ist eines unter Tausenden von Büchern, die zwischen 1933 und 1945 von den Nationalsozialisten ihren Besitzern entwendet wurden. "Die Bücher wurden beschlagnahmt, aus Wohnungen von Deportierten gestohlen. Manche mussten ihre wertvollen Bücher auch unter Druck verkaufen", erklärt Kennecke.

5000 Bücher aus jüdischen Beständen geprüft

Seit 2014 bemüht sich die Potsdamer Universitätsbibliothek gezielt darum, NS-Raubgut in den eigenen Regalen aufzustöbern und zurückzugeben. 5000 Bücher und Publikationen aus jüdischen Beständen hat Kennecke seither geprüft. "500 Titel haben wir bislang schon als NS-Raubgut identifiziert", sagt der 50-Jährige. Das Fazit nach zwei Jahren Detektivarbeit: "Ich bin anfangs von zwei bis drei Prozent Raubgut in unseren Beständen ausgegangen. Ein Irrtum. Mittlerweile vermute ich über zehn Prozent."

Die Bibliothek in Potsdam kooperiert seit zwei Jahren mit drei Berliner Institutionen – der Zentral- und Landesbibliothek, der Bibliothek der Stiftung Neue Synagoge Berlin und der Bibliothek der Freien Universität (FU). Das Ergebnis: Seit Sommer 2015 arbeiten die Einrichtungen an der gemeinsamen Datenbank "Looted Cultural Assets".

"Darin werden alle bisher bearbeiteten Fälle von Büchern mit Provenienzhinweisen, ihre Herkunft und die Angaben zu den Besitzern erfasst", erläutert Sina Latza von der Stabsstelle NS-Raub- und Beutegut der FU Berlin. Knapp 123.000 Bücher führt die Datenbank aktuell auf. Was die Ermittler auf die Spur bringt, sind Stempel, Widmungen, Autogramme, Namenseintragungen, Kommentare an den Seitenrändern oder Ex Libris. Alle Informationsschnipsel werden in die Datenbank eingepflegt. "Doppelrecherchen werden auf diese Weise vermieden", benennt Latza den Vorteil. Dann beginnt die eigentliche Arbeit: die Suche nach den ursprünglichen Besitzern der Bände im Internet, in Archiven, Adressverzeichnissen, Zeitungsinseraten, Beschaffungslisten der Nationalsozialisten und der Roten Armee oder Passagierlisten von Schiffen.

Auch Angehörige können wertvolle Hinweise liefern

"Das Besondere an unserer Arbeit ist, dass auch Auskunft über Bücher gegeben wird, bei denen sich der Verdacht auf Raubgut nicht erhärtet hat", ergänzt Sebastian Finsterwalder, Mitarbeiter der Berliner Zentral- und Landesbibliothek, die das Projekt mit ins Rollen gebracht hat. Die Datenbank sei bewusst für die Öffentlichkeit transparent aufgebaut worden, die Nachweise für jeden Nutzer gut einsehbar. Finsterwalder geht es dabei vor allem um die Suchfunktion in der Datenbank, über die mögliche Besitzer ausfindig gemacht werden können. "Wenn Angehörige oder Freunde Betroffener auf einen ihnen bekannten Namen stoßen, können sie uns wertvolle Hinweise liefern", sagt Finsterwalder.

Unterstützung, auf die er und seine Kollegen setzen. "Wir hatten nicht mit dieser großen Zahl möglicher Restitutionen gerechnet", begründet Finsterwalder. Hilfe von außen, auf die auch Kennecke hofft – gerade wenn es um schwer entzifferbare Schriften oder Einträge auf Hebräisch oder Jiddisch geht. Die Datenbank ermöglicht eine aktive Teilnahme der Nutzer.

Mit der Einführung des interdisziplinären Studiengangs "Jüdische Studien" zum Wintersemester 1994 haben sich die Buchreihen der Uni-Bibliothek mit reichlich Judaika gefüllt. Kennecke spricht von wahren Schätzen: 1995 wurden die Sammlung des israelischen Bibliothekars Dr. Israel Mehlmann (1900–1989) aus Jerusalem, Werke der Kabbala, des Chassidismus und hebräische Volkserzählungen erworben. Zwei Jahre später kam die Privatbibliothek des ehemaligen Chefdramaturgen des Jiddischen Theaters Bukarest, Israil Bercovici (1921-1988), hinzu.

2005 wurde die Bibliothek des niederländischen Rabbiners Yehuda Aschkenasy (1924-2011) gekauft. Für zwei Jahre wurde das Potsdamer Projekt vom Deutschen Zentrum für Kulturgutverlust gefördert. Geld, das bald fehlen wird. "Dann machen wir mit eigenen Mitteln weiter", erklärt der Wissenschaftler. "Letztlich geht es darum, Opfern ihren Namen und ihre Geschichte zurückzugeben."

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