Gestorbener FDP-Politiker

Genscher und Berlin - das Adlon war sein Wohnzimmer

Die Beziehung Hans-Dietrich Genschers zu Berlin war geprägt von politischer Überzeugung. Er blieb der Stadt immer verbunden.

Hans-Dietrich Genscher neben einem Ölbild mit seinem Porträt im Berliner Abgeordnetenhaus. Das Kunstwerk des Malers Uwe Pfeifer wurde in Anwesenheit von Genscher in die Galerie der Ehrenbürger der Stadt im Preußischen Landtag aufgenommen

Hans-Dietrich Genscher neben einem Ölbild mit seinem Porträt im Berliner Abgeordnetenhaus. Das Kunstwerk des Malers Uwe Pfeifer wurde in Anwesenheit von Genscher in die Galerie der Ehrenbürger der Stadt im Preußischen Landtag aufgenommen

Foto: dpa Picture-Alliance / Peer Grimm / picture-alliance / ZB

Er hatte immer ein Gespür für die große Bühne. Auch bei seinem letzten Auftritt in Berlin. Um sein nun letztes Buch („Meine Sicht der Dinge“) vorzustellen, wählte er das Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm. Sein politisches Vermächtnis auf den Punkt gebracht, formulierte er damals so: Eine globalisierte Welt braucht eine Weltnachbarschaftsordnung, die auf ein Miteinander voller Respekt setzt, statt wie derzeit auf Abgrenzung und Egoismus.

Für Genscher war es keine Frage, dass seit der Wiedervereinigung und besonders nach dem Umzug von Regierung und Parlament an die Spree die Musik in Berlin spielt. Politisch gewirkt hat er bis zu seinem Rücktritt 1992 von Bonn aus, hatte in seiner Außenpolitik des Interessenausgleichs, insbesondere seit dem politischen Kurswechsel in der Ex-Sowjetunion, aber immer auch Berlin im Blick. Der Senat dankte ihm dies 1993 mit der Ernennung zum Ehrenbürger. Begründung: Hans-Dietrich Genscher habe sich als Antwort auf die Perestroika von Michail Gorbatschow um eine aktivere Entspannungspolitik verdient gemacht und damit letztlich auch um das Ende der geteilten Stadt.

>>>Trauer um Hans-Dietrich Genscher<<<

Dass er, ein geborener Hallenser, der in Bremen zunächst als Anwalt gearbeitet hat bevor er in Bonn ganz große politische Karriere machte, bezüglich Berlins ein Überzeugungstäter war, bewies er am 20 Juni 1991. Entgegen den Warnungen und Forderungen vieler seiner Parteifreunde aus der FDP, ja nicht für Berlin zu stimmen, entschied sich Genscher für die neue alte Hauptstadt und gegen Bonn, wo er als einer der ganz wenigen Politiker auch privat lebte. Dass der dem massiven Druck widerstand, hätte ihn in der FDP politisch fast den Kopf gekostet, langjährig vertraute Freunde wendeten sich von ihm ab. Schlimmer als diese menschlichen Enttäuschungen war für Genscher, dass die Anfeindungen selbst in der privaten Nachbarschaft und vor seiner Frau Barbara nicht Halt machten. Genscher ließ sich nicht beirren: „Die Regierung gehört nach Berlin – wohin denn sonst?“

Wenn er in Berlin war, und das war er sehr oft, bezog er im „Hotel Adlon“ immer dieselbe Suite. Besuchte man ihn in seinem Berliner Wohnzimmer, zog er die schweren Vorhänge zurück, der Blick fiel auf das Brandenburger Tor. Dann pflegte er immer wieder zu sagen: „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich diesen Ausblick einmal genießen darf …“

>>>Nachruf: Politprofi, der für Europa kämpfte<<<

Weltweit vernetzt wie er war, blieben seine Dienste auch in Berlin bis zuletzt sehr gefragt. 1997 trat er als Anwalt wieder der Berliner Niederlassung seiner alten Bremer Sozietät bei, mit dem Ex-Intendanten des ZDF Dieter Stolte und dem Journalisten Hans-Erich Bilges gründete er das Beratungsunternehmen Consultum Communications, im Verein der Freunde und Förderer der Staatsoper unter den Linden war er Ehrenmitglied.

Berlins Ehrenbürger haben das Anrecht auf ein Porträt im Abgeordnetenhaus. Dort hängt der Mann mit dem gelben Pullunder seit einigen Jahren – und bleibt so Berlin erhalten.