Soziale Ungleichheit

Sozialatlas: Wo Berlin abrutscht - und wo es aufwärts geht

Der Atlas zur sozialen Ungleichheit zeigt: Moabit wird immer beliebter, Probleme gibt es in Staaken, Reinickendorf und Lichtenrade.

Berlin mit Blick Richtung Oberbaumbrücke und Mitte

Berlin mit Blick Richtung Oberbaumbrücke und Mitte

Foto: picture alliance / Eventpress Hoensch

Die Zahl der Stadtquartiere mit schlechtem sozialen Status sinkt, vor allem in der Innenstadt wächst, aber der Verdrängungsdruck für sozial schwächere Berliner. Das ist das Ergebnis des Atlas zur sozialen Ungleichheit, den Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD) jetzt vorgestellt hat. Gewinner der Untersuchung ist Moabit. In fast allen Wohngebieten des Ortsteils steigt der Lebensstandard, auch Kreuzberg verzeichnet in vielen Quartieren einen sozialen Aufstieg seiner Bewohner.

Insgesamt sind die Gebiete mit sozialen Problemlagen von 51 auf 43 zurückgegangen. Der Bericht unterteilt die Stadt in insgesamt 435 sogenannte Planungsräume. Als Gebiete mit sozialen Problemlagen bezeichnen die Stadtplaner Wohnquartiere mit hoher Arbeitslosigkeit, hoher Kinderarmut und hohem Transferleistungsbezug der Bewohner.

In sechs Planungsräumen, die schon jetzt als besonders problembelastet gelten, verzeichnen die Stadtplaner zudem eine negative Dynamik, sodass sich die Situation verschärft. Dazu zählen Wohnquartiere in Staaken, Reinickendorf, Lichtenberg, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg. Stadtentwicklungssenator Geisel kündigte an, den negativen Trend in den betroffenen Gebieten durch gezielte Förderungen umzukehren. „Der soziale Zusammenhalt in unserer Stadt gelingt nur, wenn wir alle Menschen mitnehmen“, sagte Geisel.

Um den negativen Trends entgegenzuwirken, plant der Senat eine Neuordnung des sozialen Wohnungsbaus. Eine Rückkehr zu dem bis 1997 geltenden Förderungssystem lehnt Geisel allerdings ab. Das alte Fördersystem sei für 22 Milliarden der 60 Milliarden Euro Schulden Berlins verantwortlich.

Darlehen für Bauherren für den sozialen Wohnungsbau

Das neue System soll den Bauherren nur Darlehen gewähren, die nach 20 Jahren an das Land zurückgezahlt würden. In Berlin gibt es noch 120.000 Sozialwohnungen. In diesem Jahr sollen 2500 und nächstes Jahr 3000 Wohnungen neu gefördert werden, viele davon in den Problemgebieten.

In 24 der 43 Gebiete mit besonderen Problemlagen besteht bereits ein Quartiermanagement, um sie vor einem weiteren Abrutschen zu bewahren. In weiteren 13 Gebieten erfolgt eine Unterstützung mit anderen Förderprogrammen wie der Sozialen Stadt oder Strukturförderungen der Europäischen Union. Für die übrigen sechs Wohnquartiere sollen neue Förderprogramme entwickelt werden.

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Der Atlas zur sozialen Ungleichheit zeigt aber auch, dass der Verdrängungsdruck in attraktiven Lagen weiter dramatisch steigt. Die Zahl der Arbeitslosen und Hilfeempfänger sinkt dort weiter. Vor allem in der Innenstadt wird es für sozial Schwächere immer schwieriger, eine Wohnung zu finden. In Planungsräumen wie der Wilhelmsaue in Wilmersdorf oder dem Karl-August-Platz in Charlottenburg verzeichnen die Stadtplaner einen weiteren Wegzug von Arbeitslosen und sozial Schwachen. Aber auch in ehemaligen Problemgegenden im Kreuzberger Norden, wie dem Askanischen Platz und dem Mehringplatz verbessert sich der soziale Status der Bewohner kontinuierlich.

Die Grünen fordern, vor allem den sozialen Wohnungsbau in den begehrten Wohnlagen voranzutreiben, um Vertreibungstendenzen aufzuhalten. „Die räumliche Spaltung in Arm und Reich verlangt eine aktive Wohnungspolitik, besonders der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften“, sagt der Wohnungsexperte der Fraktion, Andreas Otto. „Gewobag und Degewo müssen in den nachgefragten Vierteln wie Prenzlauer Berg oder Wilmersdorf gerade auch Haushalte mit geringen Einkommen aufnehmen.“

Neun Problemquartierekamen neu dazu

In den Gebieten mit schwieriger Sozialstruktur müsste dagegen das Wohnen so attraktiv werden, dass auch Familien mit mittleren Einkommen dort hinzögen. Durch umfangreiche Sanierungen hatte die Gesobau es so in den vergangenen Jahren geschafft, das Märkische Viertel aufzuwerten und für Familien aus dem Reinickendorfer Umfeld attraktiver zu gestalten.

Insgesamt schieden 17 Wohngegenden aus dem Kreis der Problemgebiete aus, vor allem in Moabit und Marzahn-Hellersdorf (Kaulsdorf-Nord, Marzahn-West, Wuhletalstraße). Allerdings gerieten neun Gebiete neu in den Fokus der Stadplaner, darunter die Jungfernheide und die Paul-Hertz-Siedlung in Charlottenburg und der Dannenwalder Weg in Reinickendorf.

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Für die Diakonie ist der Rückgang der Problemgebiete in Berlin kein Grund für eine Entwarnung. „Die Zahl derer, die auf Transferleistungen angewiesen sind, bleibt leider gleich hoch“, sagt die Direktorin des Diakonischen Werkes, Barbara Eschen. „Vor allem macht der knappe Wohnungsmarkt, mit steigenden Mieten vielen Menschen Druck.“ Die Mieten stiegen schneller als die Leistungen der Jobcenter. „Und wenn eine Familie die Wohnung wechseln muss, weil ein erwachsenes Kind auszieht, kann das aufgrund des knappen günstigen Wohnraums zu einer Katastrophe werden“, sagt Eschen. Nach wie vor sei jedes dritte Kind in Berlin auf Hartz-IV-Zahlungen angewiesen. Vor allem die Überschuldung vieler Elternhäuser sei dafür verantwortlich.

Nach Jahren der Stagnation auf dem Berliner Mietenmarkt, hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verschärft. Der Mittelwert der im Jahr 2015 angebotenen Mieten in der Hauptstadt stieg auf 8,80 Euro. Lediglich in den beiden Stadtrandbezirken Marzahn-Hellersdorf und Spandau ist noch ein nennenswertes Angebot an Wohnungen mit Kaltmieten von unter sechs Euro zu finden.

Moabit boomt

Das „Moorjebiet“, wie Berliner den Ortsteil Moabit früher nannten, war lange eines der Sorgenkinder der Berliner Wohngegenden. Die Quartiere rund um den Stephankiez, Lübecker Straße und Thomasiusstraße waren wenig beliebt, die Sozialstruktur eher schwach. Das hat sich in den vergangenen Jahren spürbar geändert. Mit den steigenden Mieten in der Innenstadt drängten neue Bewohner von Süden und Westen aus Charlottenburg und von Osten aus Mitte nach Moabit. Der Ortsteil verfügt über einen großen Anteil Altbauten.

Die Birkenstraße, die viele Wohnquartiere durchkreuzt, hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert und ist inzwischen von Straßenzügen in Prenzlauer Berg kaum zu unterscheiden. Der neue Hauptbahnhof und das entstehende Quartier in der Heidestraße werten Moabit zusätzlich auf.

Problemzone in Lichtenrade

Nach den Untersuchungen der Stadtplaner in der Stadtentwicklungsverwaltung hat sich das Wohnquartier an der Nahariyastraße im Südosten Lichtenrades zu einem Planungsraum mit „besonderem Aufmerksamkeitsbedarf“ entwickelt. Die ohnehin problematische Sozialstruktur hat sich auch im vergangenen Jahr weiter verschlechtert, das heißt, der Anteil an Bewohnern, die arbeitslos sind oder auf andere staatliche Hilfsleistungen angewiesen sind, erhöht sich weiter. Bislang gilt Lichtenrade als bürgerlicher Ortsteil mit einer Mischung aus Ein- und Mehrfamilienhäusern und größeren Wohnsiedlungen.

Problematisch entwickelt sich die Situation vor allem in den Neubausiedlungen der späten 60er- und frühen 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die sich zum Teil in einem schlechten Zustand befinden.