Geschäftsidee

Wie ein Berliner Start-up Leben retten kann

Immer mehr Menschen leiden unter Depressionen. Zwei Berliner Psychologinnen gründeten ein Start-up und bieten Therapien via Internet an

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Als die Frau damals am Telefon sagte, sie könne nicht mehr, sie wolle nicht mehr, da wusste Kati Bermbach: Das ist jetzt richtig ernst. Sie wusste, dass die Frau am anderen Ende auf keinen Fall auflegen darf, auch wenn sie nur noch leise schluchzte und nichts sagte. Die Frau blieb dran, Kati Bermbach redete ruhig auf sie ein. Irgendwann nahm sie ihr das Versprechen ab, sich nichts anzutun. Später überzeugte Bermbach die Anruferin, ihr die Nummer ihrer Schwester zu geben. Die rief Kati Bermbach parallel an und wartete so lange, bis sie die Frau abholte und in eine Klinik brachte.

Das Telefonat dauerte vier Stunden, wahrscheinlich rettete Kati Bermbach so im vergangenen Mai das Leben einer hochgradig depressiven Unbekannten vor dem Suizid – mitten in der Testphase ihres digitalen Selbsthilfekurses gegen Depressionen, den sie gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Nora Blum entwickelte. "Dieses Erlebnis war das krasseste, das wir bislang hatten", erzählt Kati Bermbach. "Danach war uns klar, dass wir jetzt endlich richtig loslegen müssen."

Durch Digitalisierung lange Wartezeiten vermeiden

Die Psychologinnen Kati Bermbach und Nora Blum, beide 24 Jahre alt, haben im vergangenen August das Start­up "Selfapy" in Kreuzberg gegründet. Der Name setzt sich aus den englischen Worten "self" und "therapy" zusammen, aktuell bieten sie den neunwöchigen Kurs "Raus aus der Traurigkeit" für Depressive an. Neben Fragebögen und Übungen am Computer telefonieren Kursteilnehmer einmal pro Woche mit einem Psychologen. Zusätzlich können sie sich in einem Forum untereinander austauschen. Die Vision der Gründerinnen: "Wir wollen Psychotherapie digitalisieren und so die langen Wartezeiten für Therapieplätze sinnvoll überbrücken", erklärt Nora Blum. "Auf keinen Fall wollen wir mit dem Kurs der klassischen Therapie ihren Rang ablaufen."

Nora Blum ist in einem Hamburger Psychologenhaushalt aufgewachsen. Schon als Kind hatte sie gesehen, dass ihre Mutter immer wieder Patienten ablehnen musste. Derzeit warten Patienten in Deutschland durchschnittlich fünf Monate auf einen Therapieplatz. "Viel zu lange, wenn es einem richtig schlecht geht", sagt Nora Blum. Die Idee, gegen diesen Missstand anzugehen, hatte sie schon früh. Konkret wurde es, als die damalige Cambridge-Studentin 2014 ihre Kommilitonin Kati Bermbach während eines Sommerkurses an der Universität in Cambridge kennenlernte. Auch Kati Bermbach, die an der International Psychoanalytic University (IPU) in Berlin studierte, hatte darüber nachgedacht, wie man den Zugang zur Psychotherapie verbessern kann. Die jungen Frauen tauschten sich einen langen Abend aus, dann merkten sie: Zusammen könnten sie etwas schaffen.

Ihr Projekt gingen die beiden strikt strategisch an

Zu dem Zeitpunkt standen beide kurz vorm Studienabschluss, ihr gemeinsames Projekt gingen sie ganz strategisch an: Nora Blum suchte sich eine Anstellung bei Rocket Internet und lernte in den Abteilungen Marketing, Vertrieb und Personal, wie man ein Start-up gründet und aufbaut. Kati Bermbach arbeitete währenddessen als wissenschaftliche Hilfskraft mit depressiven Patienten in der Charité und beschäftigte sich mit der inhaltlichen Umsetzung des Projekts.

Das Konzept zur geleiteten Selbsthilfe ist laut Bermbach nicht neu, aber es ist für Betroffene kaum zugänglich und schwer verständlich. Also suchte sie monatelang passende Übungen aus der Fachliteratur heraus, schrieb sie in eine lebendige Sprache um und fügte lebensnahe Beispiele hinzu. "Psychologie kann so trocken und langweilig klingen, das wollen wir vermeiden", sagt Kati Bermbach. In den Texten duzt sie die Patienten, um mehr Nähe zu schaffen.

Der Kurs besteht aus neun Modulen. Alle Module wurden von erfahrenen Psychotherapeuten überprüft. Nora Blums Mutter Sabine Blum steht den jungen Psychologinnen als fachliche Beraterin zur Seite. Als sie vor gut einem Jahr den ersten Testlauf starteten, vermittelte sie ihnen die ersten Patienten. Über eine Google-Anzeige und Mund-zu-Mund-Propaganda kamen immer mehr dazu.

In akuten Notfällen hilft die Telefonseelsorge

Insgesamt haben 380 Patienten den Onlinekurs begonnen, 94 Prozent schlossen ihn ab. Über wissenschaftliche Verfahren stellten Bermbach und Blum eine gute Wirksamkeit des Kurses fest. "Wir bekommen viele positive Rückmeldungen von den Patienten", erzählt Kati Bermbach. Auch die Frau, die sich im Mai umbringen wollte, meldete sich später bei ihr und bedankte sich. Die Patienten sind sehr verschieden. "Vom Hartz-IV-Empfänger bis zum Manager, von 20 bis 69 Jahre war schon alles dabei", erzählt Nora Blum. Männer und Frauen seien zu gleichen Teilen angemeldet. In akuten Notfällen verweisen die Psychologinnen auf die Nummer der Telefonseelsorge.

Bislang erhielt das Start-up Selfapy eine Investition, eine weitere wird derzeit verhandelt. Die Gründerinnen wollen erreichen, dass die Krankenkassen den Depressionskurs übernehmen. Bis jetzt war der Kurs kostenlos, da die Teilnehmer noch viele Techniken evaluierten. Seit dieser Woche kostet er 125 Euro, langfristig soll er bei 500 Euro liegen. Derzeit arbeiten Kati Bermbach und Nora Blum an einem weiteren Kurs für Burnout-Patienten.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.