Integration in Berlin

Tausende Flüchtlinge arbeiten als gemeinnützige Helfer

Kinder betreuen, Essen ausgeben oder Müll trennen: 4000 Asylbewerber in Berlin haben einen Ein-Euro-Job. Und die Zahl steigt.

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) herzt drei Monate alte Drillinge in der Notunterkunft für Flüchtlinge am Groß-Berliner Damm

Sozialsenator Mario Czaja (CDU) herzt drei Monate alte Drillinge in der Notunterkunft für Flüchtlinge am Groß-Berliner Damm

Foto: dpa

Ali Alloulou lebt seit gut vier Monaten in Berlin. Der 35 Jahre alte Syrer floh aus seiner Heimatstadt Damaskus nach Deutschland. In seinem neuen Zuhause, einer Notunterkunft am Groß-Berliner-Damm in Treptow-Köpenick, bestand sein Alltag in erster Linie aus Warten. Wie viele andere Asylbewerber klagte er über Langeweile, über die „verschwendete Zeit“.

Alloulou wollte so schnell es irgendwie geht wieder arbeiten. Und so griff er sofort zu, als er das Angebot bekam, in seiner Unterkunft einen Ein-Euro-Job zu übernehmen. Nun hilft er jeden Tag zwei bis drei Stunden bei der Ausgabe des Mittagessens und kontrolliert, dass die Bon-Karten seiner Mitbewohner auch ordentlich abknipst werden, wenn sie ihre Essensportion erhalten haben.

Zuverdienst wird nicht auf das Taschengeld angerechnet

Er mache den Job, der offiziell gemeinnützige Arbeitsgelegenheit heißt, aus mehreren Gründen sagte Alloulou am Dienstag bei einem Pressegespräch. Er biete ihm nicht nur eine sinnvolle Beschäftigung, sondern auch die Möglichkeit, dem Staat zu helfen. Als Flüchtling wisse er, was anderen Flüchtlingen wichtig ist. Obendrein bekommt er 1,05 Euro pro Arbeitsstunde, die nicht auf sein Taschengeld angerechnet werden, also ein echter Zuverdienst und auch eine spürbare Anerkennung sind.

Fast 4000 Flüchtlinge haben in Berlin einen solchen Ein-Euro-Job. Die Zahl ist sprunghaft gestiegen, im Februar waren es noch 2500. Mehr als 3500 gemeinnützige Arbeitsgelegenheiten wurden in Unterkünften geschaffen, weitere rund 400 in gemeinnützigen Vereinen. Nach Angaben der Sozial-verwaltung machen 75 Unterkünfte – und damit die Hälfte der Berliner Einrichtungen – mit durchschnittlich je 25 Arbeitsstellen von der Möglichkeit Gebrauch, Asylsuchende zu beschäftigen.

Das Heim am Groß-Berliner Damm mit rund 500 Bewohnern wird vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschland (CJD) betrieben. Dort gibt es sogar schon 60 dieser Ein-Euro-Jobs. Flüchtlinge helfen in der Küche, etwa bei der Essensausgabe oder im Spülbereich. Dort hätten alle Mitarbeiter eine Hygieneschulung im Gesundheitsamt absolviert und verfügten über die „rote Karte“, versicherte Petra Densborn, die Berliner CJD-Vorsitzende. Diese Karte ist in Deutschland für alle vorgeschrieben, die beruflich mit Lebensmitteln in Berührung kommen.

Andere Flüchtlinge übernähmen Reinigungsarbeiten im Haus oder auf dem Außengelände, erzählte Densborn. Die Entsorgung und Trennung des Mülls funktioniere wesentlich besser, seit die Helfer den professionellen Reinigungsdienst unterstützten. Schließlich gebe es gemeinnützige Arbeitsmöglichkeiten bei Sprachmittlern und bei der Betreuung von Kindern und Senioren. Dort seien die Flüchtlinge nie mit den Kindern oder alten Menschen allein, betonte die CJD-Chefin. Demnächst sollen Jobs in einer Fahrradwerkstatt und einem Kräutergarten hinzukommen

Mehr Verantwortung, weniger Streitigkeiten

Die Arbeitsmöglichkeiten wirkten in den Einrichtungen deeskalierend, die Menschen fühlten sich für ihre Unterkunft mehr verantwortlich, sagte Petra Densborn. Das Jugenddorfwerk, das in Berlin fünf Flüchtlingsunterkünfte betreibt, setzt allerdings in jüngster Zeit verstärkt auf sogenannte Cross-over-Arbeitsplätze. Dann üben die Flüchtlinge ihre Ein-Euro-Jobs in einem anderen Heim aus. Das biete den Vorteil, so Densborn, dass die Flüchtlinge zum Arbeiten aus dem Haus gehen, und lasse Reibereien, die manchmal entstünden, wenn Flüchtlinge sich von einem Mitbewohner „nichts sagen lassen wollen“, gar nicht erst aufkommen.

Das nächste Ziel müsse sein, die gemeinnützige Arbeit mit Jobcoaching zu verbinden, sagte Sozialsenator Mario Czaja (CDU). In den Notunterkünften würden in den kommenden Monaten vermehrt anerkannte Flüchtlinge leben, für die dann die Jobcenter zuständig seien. Zudem zögen viele dieser anerkannten Flüchtlinge aus anderen Bundesländern nach Berlin. Für diesen Personenkreis gilt keine Residenzpflicht. Czaja sprach sich für eine Zuzugsbeschränkung für Großstädte aus.