Terror in Belgien

Debatte um Brandenburger Tor in belgischen Farben

Die belgische Flagge leuchtet auf dem Brandenburger Tor - nicht aber die türkische, irakische oder syrische. Warum ist das so?

In Brüssel hat es einen schlimmen Terror-Angriff gegeben. Dutzende Menschen sind tot. Mehr als 270 verletzt. Die Terrormiliz "Islamischer Staat" bekannte sich zu den Anschlägen, hinter ihnen steckt - nach allem, was wir wissen - ein Brüderpaar.

Die Reaktionen bei uns in Deutschland: Schock. Entsetzen. Trauer. Wie schon nach den Anschlägen von Paris im November des vergangenen Jahres bekundeten die Menschen ihr Mitgefühl, legten Blumen vor der Botschaft nieder, posteten in den sozialen Netzwerken. In Berlin wurde das Brandenburger Tor – wie auch andere Wahrzeichen in Europa – in den belgischen Nationalfarben angestrahlt: Schwarz, Gelb, Rot.

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Eine Geste der Solidarität. Ein Zeichen, dass Berlin Seite an Seite mit seinen europäischen Nachbarn steht, vereint gegen den Terror. Und doch: Es gibt Kritik.

Es ist nicht möglich, um die ganze Welt zu trauern

Auch Leser der Berliner Morgenpost stellen vor allem bei Facebook die Frage: Warum wird offen so sehr um die Opfer von Brüssel und Paris getrauert - und nicht um die Opfer der Anschläge in Ankara oder Istanbul?

"Wann erstrahlt das Brandenburger Tor in den Farben des Iraks, Syriens, des Kongos?", fragt etwa Nutzer Jan H. angesichts der Gewalt in diesen Ländern. Als "Heuchelei" empfinden die Kritiker diese Form der öffentlichen Beileidsbekundung.

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Ist da etwas dran? Sind wir Heuchler, wenn wir am Brandenburger Tor den Tod der einen beweinen und der anderen nicht? Peter Walschburger, Professor für Psychologie an der Freien Universität (FU) Berlin, widerspricht. "Es passieren überall schreckliche Dinge. Aber die Menschen sind überfordert damit, mit dem Herzen um die ganze Welt zu trauern", sagt er.

Belgien ist uns näher als Indien und Peru

Vor allem geht es um Identifikation. "Je näher einem etwas steht, desto eher kann man sich darin hineinversetzen. Deshalb ist das Mitgefühl mit den Opfern von Brüssel oder auch Paris besonders groß", sagt Walschburger - und erklärt: "Am meisten identifizieren wir uns mit unserer eigenen Familie, dann kommt die Verwandtschaft, dann die Regionalgruppe – etwa der eigene Kiez oder die Stadt. Wenn dort etwas geschieht, ist es uns viel näher als an einem anderen Teil der Welt."

Das kennt wohl jeder: Ein Elbe-Hochwasser ruft in Berlin mehr Interesse hervor als eine Überschwemmung in Peru. Ein Busunfall in Brandenburg sorgt bei uns für mehr Entsetzen als ein Busunfall in Indien.

"Immer dann, wenn man das Gefühl hat: 'Das hätte auch mir passieren können' fällt uns die Identifikation leicht", sagt Walschburger. "Belgien und Frankreich grenzen an Deutschland an. Viele waren schon einmal dort, manche haben sogar Freunde oder Verwandte dort."

Ritualisierte Beileidsbekundungen aus der Politik

Für privates Mitgefühl mag das eine einleuchtende Erklärung sein. Schwerer ist es bei öffentlichen Institutionen, bei der Bundesregierung und eben auch bei der Verwaltung in Berlin. In der Hauptstadt entscheidet die Senatskanzlei darüber, wann das Brandenburger Tor wie im Falle Frankreichs oder Belgiens angestrahlt wird. Bis zum Abend gab es keine Stellungnahme zu der Frage, nach welchen Kriterien die Senatskanzlei über eine Beleuchtung des Tores entscheidet.

Wenn Trauer zum Ritual wird

Wohl überlegt müssen die Worte sein, die Spitzenpolitiker nach einer Katastrophe wie der von Brüssel wählen – und unemotional. Von einem "Angriff auf unsere Freiheit" sprach Innenminister Thomas de Maizière (CDU). Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte die Terroristen "Feinde aller Werte, für die Europa heute steht" – und sicherte Belgien Solidarität zu.

>>> Was die Anschläge von Brüssel für Berlin bedeuten

"Es kann sein, dass die oft ritualisierten und sehr formellen Beileidsbekundungen der Spitzenpolitiker als nicht so ernst erlebt werden – und das Trauer deshalb auch als nicht ganz echt erlebt werden kann", vermutet Psychologe Walschburger.

Doch trotz der Kritik schöpft er auch Hoffnung aus der gemeinsamen Trauer. "Nach den Ereignissen in Brüssel und Paris identifizieren wir uns alle spontan als Europäer – und das in einer Zeit, in der Europa zu zerbrechen droht", sagt er. "Ich habe in so einem Moment die Hoffnung, dass Europa doch noch die Kurve kriegt, sich im Herzen als Gemeinschaft zu verstehen."

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