Segeln

Der Härtetest auf See

Mit dem Abend der Schiffergilde zu Berlin ist der Auszeichnungsreigen der besten Segelreisen des vergangenen Jahres abgeschlossen.

Mitglieder der Berliner Schiffergilde sind überall auf der Welt zu Hause: Gemeinsam mit anderen wird geankert ­– wie hier vor der englischen Küste.

Mitglieder der Berliner Schiffergilde sind überall auf der Welt zu Hause: Gemeinsam mit anderen wird geankert ­– wie hier vor der englischen Küste.

Foto: Peter Lühr / BM

„Als Segler bin ich weitergekommen, vielleicht auch ein wenig als Mensch.“ Viele Deutsche kennen ihn als kernigen Berliner Tatort-Kommissar, doch auch auf hoher See ist Schauspieler Boris Aljinovic ein wahrer Held. Im Sommer 2015 segelte er von der Kanareninsel Lanzarote in die Weite des Atlantiks, vorbei an Madeira und den Azoren in den englischen Kanal hinein, dann in die Nordsee und von dort über die Elbe nach Hamburg. Dabei war der 48-Jährige von der Schiffergilde zu Berlin mangels Crew überwiegend einhand, also allein, auf seiner 9,75 Meter langen Yacht „Dill“ vom Typ Contessa 32 unterwegs.

Aljinovic dokumentierte sein 2951 Seemeilen langes Abenteuer umfassend und reichte seine Aufzeichnungen beim Fahrtenwettbewerb der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes ein. Die Jury urteilte: „Das war hochqualifizierter Blauwassersport, dessen harte, teilweise entbehrungsreichen Herausforderungen nur durch ein hohes Maß an Schiffsführerkompetenz, seemännisches Stehvermögen und Disziplin zu meistern waren.“

In der Tat: Teilweise 30 Stunden ohne Schlaf auf hoher See, das Aufeinandertreffen mit einer Armada aus fast 300 Fastnet-Race-Teilnehmern mitten in der Nacht sowie ein Wassereinbruch an Bord – das waren Zutaten für eine Segelreise, die Aljinovic wohl nicht so schnell vergessen wird.

Trotz aller Technik stets ein Aufbruch ins Unbekannte

Der Schauspieler erhielt dafür nun die Goldmedaille der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes in der Kategorie Hochsee sowie den Arthur-Doerwaldt-Gedächtnis-Preis für die beste Segelreise des Jahres 2015 in einem Boot unter zehn Meter Länge. Vor wenigen Tagen folgte eine weitere Ehrung: Aljinovic erhielt den „Kapitän-Horn-Gedächtnispreis“ der Schiffergilde zu Berlin. Diesen Preis bekommt jedes Jahr derjenige Bewerber, der die beste seglerische Leistung auf See mit einer seegehenden Yacht vollbracht hat.

Mit dem Schiffergildeabend ist der diesjährige Reigen der Preisverleihungen für die Segler der Hauptstadt damit abgeschlossen – erst wurden beim Berliner Segler-Verband gut gelungene Segelreisen ausgezeichnet, die besten wurden bei der Kreuzer-Abteilung des Deutschen Segler-Verbandes eingereicht.

Kurz vor dem Start der nächsten Saison ist traditionell die Zeit, in der Segler das vergangene Jahr Revue passieren lassen, in der sie sich des Umstands versichern, dass Segeln auch heute noch – in Zeiten von Satelliten-Navigation, Vollkasko-Versicherungen und einer durchkartografierten Welt – immer noch eine Herausforderung, ein Wagnis und trotz aller Technik stets ein Aufbruch ins Unbekannte ist.

Einander von Erfahrungen und Erlebnissen auf See berichten

Einst hatten erfolgreiche Absolventen der „Sportschifferkurse auf kleiner Fahrt“ mit ihrem Lehrer, Erich Horn, die Schiffergilde zu Berlin gegründet, um Erfahrungen an Seemannschaft und neuen Revieren an junge Mitglieder weiterzugeben. „Das ist auch noch heute so. Nur segeln Mitglieder der Schiffergilde heute auf allen Meeren“, erklärt Ralf Krischker, der in der Gilde für die Ausbildung zuständig ist und dieses Jahr zum Ehrenmitglied ernannt wurde.

Auf ihren Treffen berichten Gildemitglieder einander von ihren Erfahrungen und Erlebnissen auf See. Es ist ein Zusammenschluss von Seglern, der jedes Jahr Wert auf die Würdigung von gelungenen Segelreisen legt. Zwar sind die Gilde-Mitglieder oft auch noch Mitglied in anderen Segelklubs der Stadt – in der Gilde wollen sie ihrem Hobby, der weltweiten Fahrtensegelei, aber noch einmal besonderen Ausdruck verleihen.

So auch am vergangenen Gründonnerstag, an dem traditionell die Schiffergilde ihre Preise verleiht. „In vielen Klubs wird heute nur auf das Regattasegeln Wert gelegt, die Organisation von Touren ohne Wettkampfcharakter geht oft unter. Und das, obwohl Segeln, ob auf Binnenseen oder auf hoher See, immer auch etwas mit Tradition des Sports zu tun hat“, sagt Krischker. Es sind Wurzeln, derer man sich immer wieder mal vergewissern müsse.

Preise in den verschiedensten Kategorien

Weil Segeln ein vielfältiger Sport ist, gibt es auch Preise in den verschiedensten Kategorien – zum Beispiel den so genannten „Fünfsternpreis“ oder die „Schifferglocke“. Letzterer ist der älteste Preis der Schiffergilde und wurde 1956 aus Anlass der ersten Atlantiküberquerung nach dem Zweiten Weltkrieg der beiden Gildebrüder Hans Dienst und Heinz Pokorny auf einer Neun-Meter-Segelyacht von Cherbourg zu den Bahamas gestiftet.

Mit der „Schifferglocke“ sind in diesem Jahr Ilse und Ulrich Hering ausgezeichnet worden. Sie segelten in Argentinien vom Plata-Delta an der Küste Patagoniens bis nach Deseado und zurück. Auf ihrer rund 2700 Seemeilen langen Reise bekamen sie oft die Härten dieses Segelreviers zu spüren. „Auch das Ankern in vermeintlich geschützten Buchten brachte wegen ständiger Winddreher keine Erholung“, berichten sie. Dennoch: Die Reise habe sie in ein einmaliges, wunderbares Land geführt.

Schlechte Segelbedingungen und grandiose Landschaft

Für die beste Ostseereise eines Gildemitgliedes ist der „Stella-Maris-Preis“ vorgesehen. In diesem Jahr gewannen die Berliner Manfred und Heidemarie Brandes den Preis. Immer wenn die beiden an einem Wettbewerb teilnehmen, zählen sie zu den Siegern. Von Rostock ging es für sie unter anderem über Polen, Litauen, Lettland, Estland nach Finnland – 2500 Seemeilen lagen schließlich im Kielwasser der beiden Berliner Segler.

Der „Fünftsternpreis“ wird von der Schiffergilde für Segeltörns nördlich des 60. Breitengrades vergeben. Ein Segeltörn in den hohen Norden ist schließlich immer ein Kompromiss zwischen schlechten Segelbedingungen und grandioser Landschaft, obwohl sich diese oft genug in Regenwolken versteckt. Auch die Berliner Lutz Leonhardt und Petra Hoffmann waren im vergangenen Jahr wieder begeistert. „Die norwegische Küste ist zwar keine Empfehlung – aber das drumherum ist so beeindruckend, dass wir den Daumen ohne Zögern nach oben heben“, so Lutz Leonhardt.

„Jährlich legen die Segler der Schiffergilde bis zu 40.000 Seemeilen zurück. Dies alles findet zwar eher unbemerkt für die Öffentlichkeit statt, ist aber für die Berliner Segler wichtig für die eigene Identität und den Zusammenhalt“, sagt Krischker. Dieser zeigt sich bereits in der Wortwahl. Alle Mitglieder sind „Gildebrüder“ und „Gildeschwestern“ – das bedeutet, dass man sich hilft, sei es auf hoher See oder in einem fremden Hafen. Dass die Schiffergilde keinen eigenen Vereinssitz hat, passt zu ihr – es sei eben wie auf dem Meer: Man ist überall zu Hause, wenn man sein eigenes Schiff dabei hat.