Behördenchaos

Bürgeramt im Selbstversuch: Ein Vormittag für einen Pass

Anstehen, verhandeln, nachfragen: Wer in Berlin einen Reisepass beantragen will, braucht viel Zeit und Geduld. Ein Selbstversuch.

Berliner warten am 28.07.2015 vor dem Bürgeramt in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Foto: Gregor Fischer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Berliner warten am 28.07.2015 vor dem Bürgeramt in der Sonnenallee in Berlin-Neukölln. Foto: Gregor Fischer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Foto: Gregor Fischer / dpa

Berlin und seine Bürgerämter, das ist eine ewige Geschichte von geraubten Nerven und strapazierter Geduld. Die Ämter sind chronisch überlastet, Termine bei der gewünschten Behörde oft nicht mal zwei Monate im Voraus zu bekommen. Zwar hat die schwarz-rote Koalition zuletzt 50 neue Stellen bewilligt. Die frischen Kräfte werden jedoch frühestens im Mai einsatzbereit sein – und bis sie eingearbeitet sind, vergehen noch mal Monate.

>> Das Bürgeramt - die härteste Tür Berlins

Neuerdings werden alle, die ihre Wohnung an-, ab- oder ummelden wollen, bevorzugt, die Bezirke haben eine spezielle Hotline eingerichtet. Über diese sind Termine auch schon nach ein paar Tagen möglich. Ein Hintergrund der Aktion ist, dass die Melderegister stimmen sollen, wenn am 18. September das Abgeordnetenhaus gewählt wird.

Ist ein Termin zwingend notwendig?

Eine Konsequenz ist aber, dass diejenigen, die eine andere Dienstleistung benötigen, nun noch länger warten müssen. Zudem läuft die neue Software in den Ämtern immer noch nicht reibungslos. „In diesem Jahr kommt alles zusammen“, sagt Pankows Stadtrat Torsten Kühne (CDU).

Was also tun, wenn etwa der Reisepass abgelaufen ist? Wie schwer ist es tatsächlich, das gewünschte Dokument zu bekommen? Ist ein Termin zwingend notwendig? Und welche Hindernisse sind zu erwarten? Ein Selbstversuch.

Schon um 9 Uhr kauert ein Dutzend Menschen auf den Bänken im Rathaus Schöneberg. Dabei öffnet das Bürgeramt erst in einer Stunde. Es hat was von der Flüchtlingsbehörde Lageso, wo die Menschen sich zeitweise schon am Vortag in die Schlange stellten. Ich will vorgeben, einen Reisepass zu brauchen, da ich in vier Wochen verreisen müsse. Ein Express-Pass muss es sein, denn die normale Bearbeitung dauert bis zu vier Wochen. Das wäre zu riskant.

Manchmal gibt es fünf Termine, manchmal 20, manchmal keine

Einen Termin habe ich nicht. Im Onlinebuchungssystem wurde mir als nächste Möglichkeit nur Ende April vorgeschlagen – in einem Bürgeramt in Kreuzberg. Am Bürgertelefon habe ich am Vortag erfahren, dass ich ohne Termin nur an die Reihe komme, wenn ich entsprechende Reiseunterlagen wie eine Flugbuchung vorweisen kann.

Aus dem Dutzend Menschen sind im Rathaus zur Öffnungszeit um 10 Uhr rund 80 geworden. Eine Mitarbeiterin bittet alle mit Termin nach vorn. Aus der Schlange lösen sich nur vereinzelte Leute. Vor zwei Jahren, als ich zum letzten Mal wegen meines Reisepasses hier war, war diese Schlange quasi nicht existent. Die Mitarbeiterin vom Bürgeramt hat eine Erklärung: „Es werden immer mehr Berliner, aber die Zahl der Mitarbeiter bleibt gleich.“ Habe ich denn eine Chance auf einen Termin? Das sei schwer zu sagen, es seien täglich bis zu 100 Menschen, die ohne kämen. Manchmal hätten sie fünf bis sechs frei, manchmal auch 20. Und manchmal gar keine.

Nach 38 Minuten stehe ich am Schalter. Der Bearbeiter fragt, ob ich am 18. April Zeit hätte? Nein, da bin ich theoretisch schon verreist. Ich fange an zu verhandeln: Ich nehme heute jeden Termin! Er schaut noch mal nach. In Ordnung, ich könne auch in dreieinhalb Stunden kommen. Immerhin. Und nach meinen Reiseunterlagen hat er auch nicht gefragt. Ein junger Mann läuft vorbei. Er reckt seinen neuen Reisepass in die Luft wie eine Trophäe.

Ich versuche mein Glück woanders. Das Bürgeramt in Wilmersdorf ist nur ein paar U-Bahnstationen entfernt. Auch hier finde ich eine lange Schlange vor. Eine Frau, die in einem Ticketshop gegenüber arbeitet, erzählt, dass sie es hier letztens auch ohne Termin versucht hat. Bis zum Schalter dauerte es eine Dreiviertelstunde. Im Wartesaal verbrachte sie dann zwei Stunden – und gab auf.

Ich muss wohl wieder nach Schöneberg. Mein Fazit: Ich kann meinen Reisepass beantragen, doch es dauert am Ende fast fünf Stunden. Wer berufstätig ist, muss sich schon einen ganzen Tag freinehmen.

Eigeninitiative ist nötig, sonst ist der Pass nur eine Woche gültig

Doch es gibt noch andere Hindernisse. Einer Morgenpost-Redakteurin passierte zuletzt folgendes: Nach wochenlangem Lauern vor dem Anmeldeportal kam endlich die Terminzusage – gut zwei Monate Wartezeit. Dann endlich war der Tag gekommen: Sie und ihre drei Kinder konnten zum Bürgeramt in Spandau aufbrechen, um neue Ausweise zu beantragen.

Alles schien vorbildlich zu laufen. Ihr eigener Reisepass und auch derjenige für die ältere Tochter wurden zügig und ohne Hindernisse auf den Weg gebracht. Kompliziert wurde es, als nach fast schon abgeschlossenem Antrag für den Kinderpass des elfjährigen Sohnes die Mitarbeiterin nur knapp bemerkte, dass dieser dann nur bis zum zwölften Geburtstag gültig sei. Zum Glück bemerkte der Kleine: „Mama, das wäre schon in vier Wochen.“ Also ziemlich exakt eine Woche nach dem prognostizierten Abholdatum der neuen Dokumente.

Die Erklärung dafür musste die Kollegin, nachdem sie das Fast-Desaster gerade noch einmal hatte abwenden können, selbst im Internet erschließen. Mit dem Beginn des 13. Lebensjahres wird für Jugendliche ein Reisepass Pflicht. Die Mitarbeiterin im Bürgeramt hatte es nicht für nötig gehalten, sie darauf hinzuweisen.