Nach Anschlag

Autobombe - Welche Mafia-Banden in Berlin tätig sind

Wer steckt hinter der Autobombe in Charlottenburg? Spuren deuten auf die organisierte Kriminalität hin. Drei Gruppen stehen im Fokus.

Der aufsehenerregende Mord an Mesut T. am Dienstagmorgen in Charlottenburg gilt vielen Ermittlern als Machtdemonstration innerhalb der organisierten Kriminalität.

Das 43 Jahre alte Opfer des Bombenanschlags soll in der Vergangenheit nicht nur in Drogengeschäfte mit osteuropäischen Banden verstrickt gewesen sein. Mesut T. soll sich auch im Dunstkreis anderer Mafia-Gruppen bewegt haben. Gegen ihn sei schon 1997 in einem Drogenverfahren ermittelt worden. Demnach soll er auch wegen illegalem Glücksspiel aktenkundig geworden sein, wurde aber nie verurteilt. In Polen wurde Mesut T. wegen Kokain-Handels zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, bestätigte die Staatsanwaltschaft der Berliner Morgenpost.

2015 soll es ein missglücktes Rauschgift-Geschäft gegeben haben. Mesut T. oder ein Freund sollen dabei auf einen ihrer russischen Geschäftspartner geschossen und ihn dabei schwer verletzt haben, wie die Berliner Morgenpost erfuhr.

Der Bereich der organisierten Kriminalität (OK) in Berlin ist vielschichtig. Bei dem Begriff Mafia denkt man zunächst an die italienischen Familien. Sie aber spielen in Berlin kaum eine Rolle. Hier agieren einige Dutzend anderer Banden.

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Einteilen lassen sie sich in drei große Gruppen: Arabischstämmige Großfamilien, Rockergruppen und organisierte Banden aus Osteuropa. Gemeinsam ist allen drei Gruppen das Leben nach eigenen Gesetzen und die völlige Abschottung nach Außen.

Arabische Familien sind aktiv im Drogenhandel und Rotlichtmilieu

Eine wichtige Rolle spielen in Berlin arabische oder kurdische Familienclans. Ein Dutzend dieser Großfamilien mit mehreren Hundert Mitgliedern sind der Polizei wegen zahlreicher Straftaten bekannt. Das große Geschäft machen diese Gruppen mit dem Drogenhandel, der Rotlichtkriminalität und Schutzgelderpressungen. Darüber hinaus sind sie in nahezu allen Deliktsparten aktiv, die das Strafgesetzbuch kennt. Angehörige einer dieser Familien wirkten im März 2010 maßgeblich am spektakulären Überfall auf das Pokerturnier im „Hyatt-Hotel“ am Potsdamer Platz mit. Mitglieder einer anderen Großfamilie stehen wegen eines Überfalls auf die Schmuckabteilung des KaDeWe Ende 2014 vor Gericht. Auch die Schießerei Ende Juli am Olivaer Platz fällt in diesen Bereich.

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Kriminelle Aktivitäten jedweder Art sind für viele Familienmitglieder gängig. Ihre Kinder tauchen oft schon kurz nach Einsetzen der Strafmündigkeit in den Polizeiakten auf. Anfangs sind es eher kleinere Delikte, später kommen schwerere Verbrechen hinzu. Angst vor Repressionen haben die Clan-Mitglieder nicht. Haftstrafen sind Alltag und zudem gibt es immer Möglichkeiten, eine Verurteilung zu umgehen.

Vor zwei Jahren standen Mitglieder einer Großfamilie vor Gericht, weil sie mittels Entführung und übler Misshandlungen einen Zeugen dazu bringen wollten, eine belastende Aussage zurückzunehmen. Einer der drei Täter war erst kurz zuvor festgenommen worden, bei einem Raubüberfall, den er exakt einen Tag nach seiner Verurteilung wegen einer früheren Raubtat begangen hatte. Der zweite Täter hatte wenige Monate zuvor ebenfalls einen Raubüberfall verübt, während eines Freigangs.

Clans von staatlichen Behörden kaum noch zu kontrollieren

Wenn es darum geht, einen Zeugen zum Schweigen zu bringen oder einen Konkurrenten zu vertreiben, gehen die Täter mit brutaler Gewalt vor. Schießereien sind keine Seltenheit. Gesetze werden missachtet, es gilt ausschließlich das eigene Recht und das Wort des Clan-Chefs. „Diese Clans schaffen in ganzen Stadtteilen ein Klima der Angst“, sagte Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) unlängst bei der Vorstellung einer Studie über die Paralleljustiz in den Großfamilien.

In der spricht der Islamwissenwissenschaftler Mathias Rohe von gewalttätigen, von staatlichen Behörden nur noch unzureichend kontrollierten Clans, die vor allem in Teilen von Neukölln, Wedding, Kreuzberg, Moabit und Charlottenburg aktiv sind und ihren Einfluss dort stetig ausweiten. Die Polizei werde häufig nur eingeschaltet, um gewalttätige Übergriffe mit möglicherweise tödlichen Folgen zu verhindern. Anschließend würden alle weiteren Ermittlungen torpediert und die Streitigkeiten intern geregelt. Die Clan-Chefs können sich dabei auf einen starken Zusammenhalt der Mitglieder verlassen, für die der Begriff Familienehre eine hohe Bedeutung hat.

"Hells Angels" und "Bandidos" in Berlin aktiv

Aktiv im Berliner OK-Milieu sind seit Jahren auch Rocker, insbesondere „Hells Angels“ und „Bandidos“. Diese Gruppen haben nach Einschätzungen von Ermittlern die geringsten Skrupel, wenn es um Schießereien und Mordanschläge geht. So gab es auch nach dem Bombenanschlag von Charlottenburg Mutmaßungen über Täter aus diesem Milieu. Eine Person mit seinem Auto in die Luft zu sprengen, wäre auch für Rocker eine neue Qualität der Gewalt. Mehrere Schießereien in der Öffentlichkeit waren aber bereits ein Beleg für die Skrupellosigkeit und das Desinteresse am Schicksal Unbeteiligter.

Angehörige der Hells Angels stehen gleich in zwei Großverfahren vor Gericht. Dabei geht es um die tödlichen Schüsse auf einen Türsteher des Soda-Clubs in Prenzlauer Berg, der zuvor zwei Hells Angels den Zutritt verweigert hatte. Um den Mord an einem Mitglied einer rivalisierenden Gruppe in einem Wettbüro, den Rockerboss Kadir P. der Anklage zufolge angeordnet haben soll. Auch Rocker sind vor allem Drogenhandel und im Rotlichtmilieu aktiv.

Osteuropäische Banden agieren bevorzugt im Hintergrund

Eine wichtige Rolle spielen im Bereich der organisierten Kriminalität auch zahlreiche osteuropäische Banden, die häufig verkürzend unter dem Begriff „Russenmafia“ zusammengefasst werden. Sie agieren ebenfalls im Drogenhandel und im Rotlichtmilieu. Dazu kommen der organisierte Autodiebstahl sowie das lukrative Geschäft mit Kunstschätzen und Antiquitäten.

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Als nach dem Fall der Mauer der Kampf um die Reviere in Berlin begann, machten vor allem Russen und Osteuropäer mit teils unfassbarer Brutalität Schlagzeilen. Inzwischen ist es vielen dieser Banden gelungen, ihre kriminellen Gewinne in legale Geschäfte, vor allem in der Immobilienbranche zu investieren. Seither agieren sie unauffälliger. Brutale Morde, die Ermittlungen und die Medienberichterstattung stören die Ruhe, mit der sie ihren Geschäften nachgehen wollen. Aber auch bei ihnen gilt nach Feststellung von szenekundigen Ermittlern: Wenn schon ein Mord in Auftrag gegeben wird, dann soll er auch eine eindeutige Demonstration der Macht und Skrupellosigkeit sein.

Schießereien zwischen Kriminellen gab es in Berlin bereits öfter, auch Morde in der Öffentlichkeit. So spektakulär wie am Dienstag wurde aber selten getötet. Der Vorsitzende vom Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), André Schulz, spricht von einer „neuen Dimension“. Wenn richtig ist, dass es eine Spur zu organisierten Banden mit Mitgliedern aus Russland und Tschetschenien gibt, wäre der Einsatz von Sprengstoff zu erklären. Denn auf dem russischen Markt sind Waffen und Sprengstoff leicht zu beschaffen. Erfahrene Tschetschenienkämpfer wüssten damit umzugehen.

Gruppen agieren in "abgeschotteten Welten"

In Ermittlerkreisen war schon kurz nach der Explosion auf der Bismarckstraße klar: Das waren keine Laien. Andererseits, wäre es das erste Mal, dass sich russische Clans mit einem solch spektakulären Anschlag auf der Straße gegenüber Rivalen oder Verrätern Respekt verschaffen wollen. „Normalerweise suchen sie nicht die Öffentlichkeit“, so ein Ermittler. BDK-Mann Schulz zufolge ist es jedoch schwer, im Milieu der organisierten Kriminalität zu ermitteln, da die Beamten in „abgeschottete Welten“ eindringen müssten. Dazu fehle es an Personal.

Laut Statistik gebe es jedes Jahr in Deutschland etwa 600 Fälle organisierter Kriminalität. Schulz: „Das heißt nicht, es gibt nur 600 Fälle, sondern da ist die Kapazitätsgrenze der Polizei erreicht.“ 2013 führte die Berliner Kriminalpolizei 52 große Ermittlungsverfahren im Bereich der organisierten Kriminalität. Die Umsätze, die im Bereich der organisierten Kriminalität gemacht werden, schätzt Schulz deutschlandweit auf 50 bis 100 Milliarden Euro pro Jahr.

Wie machtlos die Justiz oft agiert, zeigen Zahlen. In Berlin wurden in den vergangenen Jahren jeweils zwischen einer und knapp zwei Millionen Euro aus Geschäften krimineller Banden beschlagnahmt. Ein winziger Betrag im Vergleich zu den Einnahmen. Für Ermittler ist klar: Hier liegt der Schlüssel im Kampf gegen die organisierte Kriminalität.