Weltpremiere

Einschlafen beim Konzert ausdrücklich erwünscht

Max Richter hat im Kraftwerk Berlin ein achtstündiges Konzert gegeben. „Sleep“ soll Musik zum Schlafen sein – ein Selbstversuch.

Der vier Jahre alte Iyvind war der jüngste Konzert-Besucher. Sein Vater Garvin passte auf ihn auf

Der vier Jahre alte Iyvind war der jüngste Konzert-Besucher. Sein Vater Garvin passte auf ihn auf

Foto: Krauthoefer

Ich bin kein guter Schläfer. Böse Zungen behaupten sogar, ein normales Atmen gelte für mich schon als Schnarchen und ich würde es wohl am liebsten haben, wenn man neben mir abends einmal tief Luft holt und erst am nächsten Morgen wieder ausatmet. Wie soll nun so jemand bei Musik schlafen können? Unmöglich habe ich gedacht, als ich am Dienstagabend auf dem Weg zu „Sleep“ ins Kraftwerk Berlin war: Acht Stunden Konzert von Mitternacht bis 8 Uhr früh.

Als „Wiegenlied für eine überdrehte Welt“ bezeichnet der britische Komponist Max Richter selbst sein Werk. Musik zum Schlafen – funktioniert das? Zur öffentlichen Weltpremiere am Dienstag wurden 410 Feldbetten auf der oberen Ebene im Kraftwerk aufgestellt. Das ungewöhnliche Konzert ist der Höhepunkte der diesjährigen MaerzMusik, das von den Berliner Festspielen veranstaltet wird.

22 Uhr: Die ersten Besucher trudeln mit Rollkoffern, Ikea-Taschen und Rucksäcken ein, darin Decken, Schlafsäcke, Kissen. Mit der Eintrittskarte hat jeder Besucher ein Bett zugewiesen bekommen. Doch bevor die Treppe nach oben freigegeben wird, wirkt das leere Feldbettenlager in dem fensterlosen Raum gespenstisch und weckt Assoziationen zu Notunterkünften für Flüchtlinge.

Manche habe schon mal probegeschlafen

Aber das Bild verschwindet schnell wieder in der freudigen Erwartung der Besucher. Die meisten sind Max-Richter-Fans, mögen seine Musik und wollten darum bei dieser Weltpremiere dabei sein.

So wie Mara und Lukas, das Paar hat seine Liegen zusammengeschoben und liegt schon einmal Probe. „Ist gemütlich hier“, sagt die 21 Jahre alte Studentin. „Richter ist ein krasser Typ“, sagt ihr Freund. Zu Hause haben die beiden zu der einstündigen Kurzversion von „Sleep“ das Schlafen zur Musik schon ausprobiert, das habe gut geklappt.

Auch Iyvind schläft zu Hause gern zu „Sleep“ ein, er ist mit vier Jahren der jüngste Konzertbesucher. „Es ist sein erstes Live-Konzert“, verrät der Vater, „ein normales Konzert geht ja nicht, da würde er einschlafen, aber hier ist das ja gerade gut.“ Iyvinds Kuschelwolke liegt auf dem Schlafsack parat, aber obwohl der gähnen muss, ist es im Moment noch viel zu aufregend zum Schlafen.

Richters Arbeitsplatz: Steinway-Flügel und Computer

Musik zum Schlafen – für jeden anderen Komponisten wäre dieses Attribut ein Desaster. Für Richter ist es ein Kompliment. Gerade das ist ja sein Ziel, Konzertbesucher in den Schlaf zu begleiten. Hauptsache er selbst schläft nicht ein.

Die Bühne ist in blaues Licht gehüllt. Richters Arbeitsplatz besteht aus einem Steinway-Flügel und einem Notebook. In den kommenden acht Stunden wird er diesen Platz nur für Minuten verlassen. Die sechs Musiker seines Ensembles – zwei Geigen, eine Bratsche, zwei Celli, eine Sopransängerin, die keinen Text, sondern nur Vokale singt – sitzen rechts daneben. Sie wechseln sich zum Teil ab und haben mehr Pausen.

Mitternacht: Die Musiker sind an ihrem Platz. Das Licht des Kronleuchters ist heruntergedimmt, fast alle sind auf ihren Liegen, Gespräche verstummt, Reißverschlüsse der Schlafsäcke zugezogen. Nur einige hochgehaltene Smartphones sind zu sehen, mit denen noch schnell ein Selfie geschossen wird.

Die Musik überdeckt leises Schnarchen

Wie ein Teppich legen sich die Klänge über den Schlafsaal. Motive kehren immer wieder, lang gehaltene Töne fließen ineinander, Konturen verschwimmen. Es dauert keine fünf Minuten, da ist Iyvind auf seiner Kuschelwolke eingeschlafen. Und noch eine Weile später ist ein erstes Schnarchen zu hören. Ganz leise, denn die Lautstärke der Musik ist gerade so, dass Nebengeräusche überdeckt werden. Selbst mir, der Schlechtschläferin, fallen immer wieder die Augen zu.

3 Uhr: Auf den Liegen regt sich fast nichts. Nur ganz vereinzelt steht jemand auf, holt sich von unten Tee oder Wasser. Die Musiker wirken in ihrer Welt versunken, dabei hochkonzentriert. Für Richter ist das Konzert auch ein Experiment. „Ich will verstehen, wie wir Musik in verschiedenen Bewusstseinszuständen erleben“, hat der 49-Jährige im Vorfeld erklärt. Seine Idee ist, Menschen Musik so erlebbar zu machen wie eine Landschaft. Wenn man einen Spaziergang durch die Natur mache, schaue man sich ja auch nicht jedes Blatt genau an, sondern erlebe die Natur als Ganzes.

Klänge sollen helfen, den Hirnmüll zu entsorgen

Mit seiner Musik will er vor allem den Tiefschlaf fördern und der wird unterstützt durch die tiefen Frequenzen. Was der Tiefschlaf vermag, weiß er, schließlich hat er sich, während der Komposition des Schlaflieds mit Schlafforschung auseinandergesetzt: „Im Tiefschlaf wird Hirnmüll aussortiert, und es werden Erinnerungen aus dem Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis verschoben.“ Eine faszinierende Vorstellung: Musikhören, Schlafen und der Kopf räumt sich von alleine auf.

6 Uhr: Draußen muss es jetzt schon dämmern, aber davon bekommt man hier drin im Kraftwerk nichts mit. Ich habe völlig das Zeitgefühl verloren. Habe ich geschlafen und wie lange oder nur gedöst? Ganz wenige Besucher packen ihre Sachen. Vielleicht müssen sie früh zur Arbeit, vielleicht sind sie ausgeschlafen. Acht Stunden schläft ein Deutscher laut Statistik im Durchschnitt, doch so lange zu schlafen, gelingt nicht jedem. Daran will auch der Weltschlaftag erinnern, der – welch Zufall – an diesem Freitag unter dem diesjährigen Motto „Guter Schlaf ist ein erreichbarer Traum“ begangen wird.

Nach dieser Nacht ist es schwer wieder in den Alltag zurückzukehren

7.30 Uhr: Die meisten Pritschen sind noch immer belegt, aber es kehrt Leben in den Schlafsaal zurück. Unten hat bereits der Kiosk geöffnet, es zieht Kaffeeduft herauf. Wer aufsteht, den zieht es zur Bühne, um die letzten Klänge des Konzerts aus der Nähe zu erleben. Um Punkt 8 Uhr und 40 Sekunden erklingt der letzte Ton, Richter verweilt kurz und erhebt sich. Es ist ein Moment vollkommener Stille, bis die ersten zu klatschen beginnen. Zunächst verhalten, als müssten sie erst erwachen und sich in die Welt zurückholen. Als die Musiker ein zweites Mal auf die Bühne treten, schwillt der Applaus an.

Der Kopf voll von Richters Klängen

Iyvind bekommt von all dem nichts mit. Er schläft noch immer. Der großgewachsene Vater betrachtet seinen Sohn: „Das Experiment ist wohl geglückt“, er selbst habe mit der für ihn recht kurzen Liege zu kämpfen gehabt „und alles Mögliche geträumt“. Auch Mara und Lukas kommen nur schwer von den Liegen hoch und wirken direkt nach dem Konzert noch etwas benommen. „Ich war die ganze Nacht wie in Trance, nicht weg, aber auch nicht da“, erzählt Mara und Lukas ergänzt: „Ich habe alle Gefühlszustände durchlaufen. Es war noch viel eindrucksvoller, als ich es mir vorgestellt habe.“

Ich selbst fühle mich auch irgendwo dazwischen, zwischen müde und wach. Wie viel ich geschlafen habe, weiß ich nicht. Ich hoffe zumindest, dass es ein Tiefschlaf war, der mich von Hirnmüll befreit hat. Noch weiß ich das nicht, noch ist der Kopf voll von Richters Klängen. Sie klingen auch nach, als ich die Tür des Kraftwerks öffne und jäh von der Sonne geblendet werde. Ich reihe mich mit dem Rad in den Berufsverkehr ein und wundere mich über dieses unglaubliche Tempo um mich herum.

Das Konzert Sleep findet noch an diesem Mittwoch und Donnerstag (16. und 17. März 2016) statt. Einlass ab 22 Uhr, Konzertbeginn 24 Uhr. Karten gibt es mit Glück an der Abendkasse ab 21 Uhr, Tickets: 48 Euro. Schlafsack und Kissen nicht vergessen, Getränke und Speisen dürfen nicht mitgebracht werden.

Abschluss der diesjährigen MaerzMusik ist die 30-Stunden-Veranstaltung „The Long Now“, die vom 19. März, 18 Uhr, bis 20. März 2016, um Mitternacht, verschiedene Konzerte, Performances, Installationen und Live-Acts bietet. Veranstaltungsort ist ebenfalls das Kraftwerk (Köpenicker Str. 70 in Mitte). Tickets für mehrere Eintritte 40 Euro/erm. 35 Euro. Mehr unter berlinerfestspiele.de, Stichwort MaerzMusik.