Bildungsbauten

Mit Raumgefühl und Fantasie: Architekten machen Schule

Teilweise Umgestaltung, Erweiterung oder Neubau: Wie es gelingt, Klassen und Flure für zeitgemäßes Lernen zu schaffen.

Yigit (11) und Leni (8) im „Flügelschlag“-Flur der Erika-Mann-Grundschule. Die farbenfrohen Tische und Bänke können als Klappelemente nach Bedarf genutzt werden

Yigit (11) und Leni (8) im „Flügelschlag“-Flur der Erika-Mann-Grundschule. Die farbenfrohen Tische und Bänke können als Klappelemente nach Bedarf genutzt werden

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Lange Flure, zu einer Seite gleich große Klassenzimmer – die übliche und oft starre Architektur vieler Schulbauten. Doch in Zeiten zunehmenden individualisierten Lernens ist das alte Raumprogramm für Frontalunterricht nicht mehr zeitgemäß. „Der Raum als Pädagoge“ lautet das Motto heutiger Planungen. Wie Berliner Architekten mit Hilfe von kleineren Interventionen, baulichen Erweiterungen oder auch kompletten Schul-Neubauten alte Raumstrukturen für eine neue Pädagogik verändern, zeigen folgende Beispiele:

Erika-Mann-Grundschule

Der Silberdrache ist in die Jahre gekommen. Vor 14 Jahren startete an der Erika-Mann-Grundschule im Rahmen der dort gepflegten Reformpädagogik ein kleines, aber fantasievolles Architekturprojekt. Ziel war, den denkmalgeschützten Klinker-Altbau an der Utrechter Straße in Wedding durch Umgestaltung der breiten wie langen Flure mit zusätzlichen Lern- und Lebensräumen zu bereichern. Die Klassenräume sollten quasi nach außen erweitert werden, die Kinder Raum für Rückzug, Kommunikation und Zusammenkommen in Kleingruppen erhalten. Übergreifendes Motiv der Gestaltung war die Fantasiegeschichte und -welt eines durch die Schule fliegenden Silberdrachens, was wiederum die Idee der an dem Projekt beteiligten Schüler war.

Stichwort Partizipation. Die Planungen wurden nicht nur für, sondern nach den Bedürfnissen der Schüler entwickelt. Nach ihren Ideen entwarfen Studenten der Technischen Universität unter der Ägide der Architektin Susanne Hofmann Modelle, die dann realisiert wurden. So entstanden nicht nur funktionale, sondern zugleich auch atmosphärische Elemente. Wie zum Beispiel die ausklappbaren rosa- und lindgrünfarbenen Sitzmöbel und Tische im Flur des zweiten Stocks (genannt: der Flügelschlag des Drachens), die unter anderem für Arbeit in kleinen Lerngruppen genutzt werden.

In einer zweiten Umgestaltungsphase wurden dann noch zwei Klassenzimmer in fantasievolle Freizeiträume umgewandelt. Auch hier waren die Kinder Ideengeber für den „Schnaubgarten“ oder den „Chill-Room“. Letzterer musste unterdessen wegen Platzmangels der Schule aber wieder zum profanen Klassenzimmer zurückgebaut werden. Was Architektin Susanne Hofmann sehr bedauert: „Die Schüler hatten diesen Raum gut angenommen, das ist schade.“

Das Projekt sei für sie die Geburtsstunde des partizipativen Entwerfens und der Gründung ihres Büro gewesen, sagt die Planerin heute. Die Architekturprofessorin und Leiterin des Berliner Büros der „Baupiloten“, benannt nach dem 2003 von Hofmann gegründeten Studienreformprojekt an der TU, erinnert sich gern an das Projekt der Erika-Mann-Grundschule. „Das war richtungsweisend für uns, um unseren Ansatz zu entwerfen, bei dem wir Instrumente entwickelt haben, wie wir die Bedürfnisse von Nutzern auch künftig ermitteln können“, sagt Hofmann.

Das Projekt ist nach wie vor gefragt. Noch heute kommen jährlich an die 30 Gruppen, beispielsweise internationale Architekturstudenten, um in die Welt des Silberdrachens einzutauchen.

Ludwig-Hoffmann-Grundschule

Sven Fröhlich macht seinem Nachnamen alle Ehre. Der 42-jährige Planer und Mitbegründer des Büros von „AFF Architekten“ ist bester Laune, als er den Neubau der Ludwig-Hoffmann-Grundschule an der Lasdehner Straße in Friedrichshain präsentiert. Kein Wunder. Das U-förmige Gebäude nach dem Entwurf von „AFF Architekten“ liegt nicht nur wenige Minuten entfernt von dem Büro der Planer, es gilt zudem als eine der Vorzeigearchitekturen im Bereich Berliner Schulbau. Vor vier Jahren wurde der autarke Ergänzungsbau der benachbarten gleichnamigen Grundschule, zu Lebzeiten des einstigen Stadtbaurates und Erbauers Hoffmann „Gemeindedoppelschule“ genannt, eröffnet.

Als Reminiszenz an die „große Schwester – die Bestandsschule“ haben AFF Architekten den Neubau äußerlich auch mit einer Klinkerfassade in moderner Variante mit Freilassungen wie in einem Pixelmuster versehen. Von außen fast eine unscheinbare Blockrandbebauung kommt das Innenleben der dreiflügeligen Schule äußerst lebendig daher. Bereits der im Inneren des U-förmigen Baukörpers gelegene Pausenplatz wird von den Kindern gern als Spielraum genutzt. Vom Eingang geht es links zur tageshellen Mensa mit raumhohen Fenstern und rechts zum atriumartigen großen und luftigen Treppenhaus. Unter den Stufen haben die Architekten für die Grundschüler eine Spielhöhle integriert. In der hoch gelegenen Decke fallen die runden Leuchten und noch mehr die Licht- und Lüftungsklappen mit zwei bis vier Meter Durchmesser auf. „Licht ist für uns ein ganz wesentliches Gestaltungselement“, sagt Sven Fröhlich. Auch die Akustik wurde beachtet. Als durchgängiges Gestaltungselement mit Wiedererkennungseffekt setzen die Architekten auf ein Lochmuster, das in den Wänden mit Gipskarton auch als Schallabsorber funktioniert. Aber auch optisch taucht das Lochmuster immer wieder auf: auch bei den Piktogrammen von Tieren auf den Türen der Klassenzimmer. Natürlich kann so ein eher kleiner Erweiterungsbau wie dieser Zweigeschosser keine Wunder bewirken, aber auch hier gilt das Prinzip, „den Raum als Pädagogen in den Lernprozess mit einzubeziehen“, erläutert der Fröhlich. Was er damit meint? „Orte zu schaffen, in denen flexibles Lernen, also auch in individuell unterschiedlichen Gruppengrößen möglich ist.“ Dafür haben die Planer in dem 4,2-Millionen-Euro-Projekt die Klassenräume mit erweiterbaren Betreuungsräumen gestaltet. Und auch die Flure sind in diesem Schulbau mehr als Wege. Sie fungieren auch als Bewegungs- und Austauschorte, die auch mit breiten Sitzbänken bereichert wurden. Den Vogel abgeschossen haben die Planer aber mit ihrer Idee, für das Pausenzeichen den Ruf eines Raubvogels zu nutzen.

Neubau Clay-Schule

Ein zweigeschossiger Flachbau in einem zarten Rotton. Von außen wirkt der Entwurf des Büros Staab Architekten und der Landschaftsplaner Levin Monsigny für die neue Clay-Schule in Buckow eher unspektakulär. Doch im Inneren entspricht der sehr lichte und offen geplante Neubau den veränderten Anforderungen moderner Unterrichtsformen. Das A und O der Raumstruktur dieser Schule ist die große Flexibilität. So können die Klassenzimmer, die im zweiten Stockwerk liegen, dank Schiebetüren zu den benachbarten Lernlandschaften hin geöffnet werden. Diese Lernbereiche sind jahrgangsweise organisiert und werden in einzelnen Clustern angeordnet. Für kleinere Gruppen wie im Falle von Förderunterricht gibt es Zonen zum Zurückziehen. Die vier begrünten Innenhöfe sorgen zudem für zusätzliches Tageslicht. „Für uns war es schön, keine Riesenschulmaschine, sondern vielmehr ein differenziertes Gebäude mit einzelnen Lernlandschaften und daran anschließenden Klassenräumen für die jeweiligen Klassenstufen zu entwickeln“, sagt Volker Staab.

Eine Besonderheit sind auch die als offene Freiluft-Klassenzimmer geeigneten vier etwa 200 bis 250 Quadratmeter großen Außenterrassen aus Holz. „Sie können im Sommer beispielsweise auch für den Unterricht genutzt werden“, erläutert Volker Staab. Zudem gibt es kleinere Balkone und dezentrale Zugänge ins Erdgeschoss. „Es ist eine Schule der kurzen Wege, dank der im Ringsystem angelegten Räumlichkeiten“, sagt Volker Staab. Für den in Berlin beheimateten Architekten Staab ist es nicht die erste Schule, die sein Büro entworfen hat. „Wir haben bereits die Deutsche Schule in Warschau realisiert und planen aktuell auch ein Schulzentrum in Nürnberg“, sagt Staab. Er freut sich auf die Realisierung. 2021 soll die für etwa 40 Millionen Euro veranschlagte Schule nebst Turnhalle und Außenraumgestaltung fertig sein.

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