Berlin

Welche Bezirke dem schnellen Internet hinterherlaufen

Die Technologiestiftung Berlin sieht den Bedarf und auch die Chancen für ein landeseigenes Glasfasernetz.

Das Land Berlin könnte die Wirtschaft und Privatanwender mit einem eigenen Glasfasernetz für die digitalen Herausforderungen der Zukunft rüsten. Mit diesem Vorschlag will Nicolas Zimmer, Chef der Technologiestiftung Berlin (TSB), eine Debatte über künftige Netzinfrastruktur der Hauptstadt anstoßen.

Wie es zur Zeit um Leistungsfähigkeit des Berliner Breitbandnetzes bestellt ist, zeigt eine neues Internetportal der TSB. Unter der Webadresse www.breitband-berlin.de wird die Verfügbarkeit und Bandbreite von Internetverbindungen hausnummerngenau angezeigt. Die TSB will damit die begrenzten Kapazitäten des heutigen Netzes dokumentieren und Alternativen aufzeigen.

Das gegenwärtige Netz, das im Wesentlichen auf Kupferkabel-Technologie basiert, genügt nach Zimmers Meinung den Anforderungen der vernetzten Stadt (Smart City) nicht. Auch die Industrie- und Handelskammer mahnt immer wieder eine moderne Netzinfrastruktur an, um die Wettbewerbsfähigkeit der Berliner Unternehmen zu sichern.

Höchste Web-Auslastung in den Abendstunden

Die neue Website zeigt das Gefälle in der Breitbandversorgung. So wird in Charlottenburg mit 96 Prozent die höchste Verfügbarkeit von schnellem Internet mit einer Übertragungsrate von 50 MBit/Sekunde erreicht.

Der Bezirk Pankow ist am schlechtesten versorgt. Dort gibt es große Unterschiede in der Breitbandversorgung: Während im Ortsteil Karow 50 MBit schnelles Netz nicht einmal an jeder zweiten Adresse verfügbar ist, wird in Prenzlauer Berg eine Abdeckung von 95 Prozent erreicht – was fast dem Charlottenburger Niveau entspricht. Im Durchschnitt wird für den Verwaltungsbezirk Pankow ein Wert von 71 Prozent erreicht.

Die Visualisierung der TSB zeigt auch, wann die Zugriffe auf das Internet im Laufe eines Tages am höchsten sind. Dazu werden am zentralen Berliner Internetknoten BCIX die Datenvolumen abgefragt – und fast in Echtzeit angezeigt. In den Abendstunden steigt der Traffic durch die Nutzung datenintensiver Angebote wie etwa Videostreaming deutlich an.

IHK mahnt Netzausbau an

Diese Analyse deckt sich ungefähr mit dem im vergangenen Jahr veröffentlichten Breitbandatlas des Bundes, der allerdings nicht so detailgetreu ist wie die Datenanalyse der TSB. Danach sind im stationären DSL-Netz in 75 bis 95 Prozent der Haushalte Bandbreiten über 50 MBit/Sekunde verfügbar.

Nach Informationen der IHK kommt Berlin bei der Netzinfrastruktur deutschlandweit auf Platz 48 von 407 Städten beziehungsweise Landkreisen. Auch sie beruft sich dabei auf den Breitbandatlas.

Highspeed-Netz für Wissenschaften

Dass schnelleres Internet auch in Berlin möglich ist, zeigt das Wissenschaftsnetz Brain. Der Name ist ein Akronym und steht für „Berlin Research Area Information Network“. Dabei handelt es sich um ein landeseigenes Hochgeschwindigkeits-Glasfasernetz der Wissenschaftseinrichtungen, das mehr als 150 Standorte von über 40 wissenschaftlichen und kulturellen Berliner Einrichtungen mit Glasfaserkabeln verbindet. Sie ermöglichen Datenübertragungsraten von bis zu zehn Gigabyte pro Sekunde und umfasst bereits Leitungen mit einer Gesamtlänge von 2300 Kilometern.

Der Ausbau von Brain geht auf einen Senatsbeschluss aus dem Jahr 1994 zurück. Alle Hochschulen, zahlreiche Forschungsinstitute, die Charité, das Herzzentrum, Museen sowie die Zentral- und Landesbibliothek sind an das Hochgeschwindigkeitsnetz angeschlossen, das wiederum über den Internetknoten BCIX mit dem Rest der Welt kommuniziert.

Deutsches Forschungsnetz für Hochschulen

Dass sich ein solches Netz vermarkten lässt, zeigt die Kooperation von Brain mit dem Wissenschaftsnetz des Vereins zur Förderung eines Deutschen Forschungsnetzes (DFN). Das DFN hat Lichtwellenleiter des Brain gemietet. Forscher haben die Möglichkeit, sich über die Technische Universität Berlin mit Internetknoten in Hamburg und Frankfurt (Oder) und über die Universität Potsdam mit Magdeburg, Dresden und Greifswald zu verbinden, um Daten auszutauschen.

Ginge es nach Nicolas Zimmer, könnte man nach dieses Modell nicht nur eine von den Ausbauplänen kommerzieller Betreiber unabhängige kommunale Netzinfrastruktur schaffen, sondern auch Geld verdienen. „Man könnte ein landeseigenes Glasfasernetz an Internetprovider vermieten“, sagt Zimmer. Er verweist auf positive Beispiele aus dem Ausland, wo solche „Black Fibre“-Netzwerke betrieben werden. Es gibt auch gute Beispiele aus dem Inland: So sollen etwa in München in den kommenden fünf Jahren knapp 70 Prozent aller Haushalte direkten Zugang zur hochleistungsfähigen Glasfaser durch einen kommunalen Betreiber haben.

Sein Paradebeispiel ist Adlershof, wo schon früh ein Hochgeschwindigkeitsnetz bereitgestellt wurde, was die Ansiedlung von Hightech-Unternehmen beschleunigte. „Ich plädiere dafür, heute wieder so mutig zu sein wie damals“, rät der TSB-Chef zu Investitionen. Wie viel ein solches Netz kosten würde, hat die Technologiestiftung allerrdings noch nicht errechnet.

Hohe Erwartungen in Mobilfunkstandard 5G

Vor allem für die vernetzte Stadt, wo dereinst selbstfahrende Autos unterwegs sein werden, ist ein jederzeit und überall verfügbares Hochgeschwindigkeitsnetz zwingend erforderlich.

An dieser Stelle kommt nach Zimmers Einschätzung der schon inwenigen Jahren verfügbare Mobilfunkstandard 5G ins Spiel, der bei geringen Latenzzeiten Übertragungsraten von bis zu zehn Gigabyte/Sekunde zulässt. Diese Leistung wird nur erzielt, wenn jeder 5G-Sender eine Glasfaser angebunden sei, sagt Zimmer. Darin sieht er ein weiteres Argument für ein flächendeckendes, kommunales Netz, das bis in die entlegenste Funkzelle der Hauptstadt reicht.