"Sense8"-Dreh

In Wilmersdorf schneit's für Netflix

Für die Netflix-Serie "Sense8" liegt am Hohenzollerndamm tiefer Schnee. Hier wird gerade eine Weihnachtsmarktszene gedreht.

Zwei Wochen noch bis Ostern, das Thermometer zeigt sechs Grad plus und in Wilmersdorf ist Weihnachten. Knapp hundert Meter zieht sich die Winterszenerie, zwischen zwei Absperrgittern auf dem Hohenzollerndamm stehen Holzbuden mit roten Christbaumkugeln, Lichterketten ranken sich um Baumstämme, Schneegestöber.

Auch die Weihnachtsmarktbummler sind an diesem Sonntag schon da. 300 sind gekommen, sie warten geduldig in einer Schlange auf der anderen Seite des Absperrgitters, jenseits der Schneefallgrenze. Nachts soll auf dem Weihnachtsmarkt geschossen werden, hat man ihnen gesagt. Grund für die bizarre Szenerie: Der Hohenzollerndamm, zwischen Fehrbelliner Platz und Konstanzer Straße, wird in der Nacht zu Montag zum Schauplatz für die Science-Fiction-Serie „Sense8“.

Der Schnee fiel nicht vom Himmel. Er ist aus weißer Pappe und wird mit einem Schlauch auf die Straße gepustet. Die erste Staffel von „Sense8“ lief im vergangenen Jahr auf dem Streaming-Sender Netflix und stammt aus der Feder der Wachowski-Geschwister, die auch das Science-Fiction-Epos „Matrix“ geschrieben haben. Jetzt wird Staffel Nummer 2 gedreht.

„Ein wunderschöner Blödsinn ist das“

Werner, ein Anwohner im Rentenalter, hält sein Tablet ins Schneegestöber und sagt: „Ein wunderschöner Blödsinn ist das.“ Seit Sonntagmorgen ist der Hohenzollerndamm gesperrt, rund 30 Lkw-Anhänger parken auf der mehrspurigen Straße, Catering-Wagen, Feuerwehr, Kamera-Kräne, Menschen mit Warnwesten und Funkgeräten. „Und das alles für eine Filmszene“, sagt Anwohner Werner. Gestört fühlt er sich durch die Vollsperrung nicht.

Ein Mann mit schwarzem Cowboy-Hut erzählt, dass er seinen Stellplatz räumen musste und dass man den Anwohner erzählt hätte, nachts würde eine Schießerei gefilmt. Er würde gerne wissen, was hier eigentlich gedreht wird. Von der Filmcrew jedenfalls erfährt er nichts. „Non-Disclosure-Policy“, sagt der Set-Manager mit dem Fellkragen und dem Knopf im Ohr. Mit dem Verweis auf die Vertragsbedingungen, die ihn zu absoluter Verschwiegenheit verpflichten, erklärt er das Gespräch für beendet. Ein weißer Van fährt vor das Abschlussgitter. „Wir sind die mit dem Wagen voller Waffen“, sagt der Fahrer.

Die acht Hauptfiguren von „Sense8“ sind Mutanten

Marcel hat man auch nicht viel erzählt. Er steht in der Komparsen-Schlange vor dem schwarzen Bus, in dem die Verträge unterzeichnet werden. „Ist immer das Gleiche“, sagt Statist Marcel. Man stehe den ganzen Abend herum, warte bis endlich gefilmt wird. „Das ganze geht bis weit nach Mitternacht“, sagt Marcel. Jetzt ist es kurz nach 13 Uhr. 85 Euro brutto steht auf dem Vertrag. Wenn es los geht, sollen die Statisten so tun, als würde sie Alkohol trinken und Spaß haben. Dann werde wohl auf irgendwen geschossen.

Bei den Szenen für „Sense8“ ist jedenfalls vieles denkbar. Die acht Hauptfiguren sind Mutanten, die, obwohl sie sich in acht Metropolen auf der ganzen Welt befinden, gemeinsam sprechen, fühlen und leiden. Die Mutanten werden gejagt. Dabei wird viel geballert und zur Explosion gebracht. Max Riemelt spielt die Berliner Hauptfigur Wolfgang, knackt Safes und löst Probleme meist mit einer Handfeuerwaffe.

Der Schneeteppich, der sich über den Hohenzollerndamm gelegt hat, dürfte in der Nacht zu Montag also rote Flecken abbekommen. Und danach muss alles wieder sauber gekehrt werden. Acht Tonnen Papier-Schnee müssen die Set-Arbeiter bis um 5 Uhr morgens beseitigt haben, pünktlich zur Rushhour.

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