Architektur

Von der Kinderwagen-Garage zur leuchtenden Trauerkapelle

Die „da!“-Ausstellung präsentiert 67 Projekte Berliner Planer - drei Beispiele der Vielfalt architektonischer Projekte.

Lichtkünstler James Turell entwickelte das Lichtspiel in der von „Nedelykov Moreira Architekten“ sanierten Trauerkapelle am Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte

Lichtkünstler James Turell entwickelte das Lichtspiel in der von „Nedelykov Moreira Architekten“ sanierten Trauerkapelle am Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte

Foto: Florian Holzherr / BM

Eine Garage für bis zu 13 Kinderwagen? Klingt ungewöhnlich - vor allem für ein Architekturprojekt. Ist aber eines der insgesamt 67 ausgewählten Projekte der Ausstellung „da! Architektur in und aus Berlin“. Die unterdessen schon traditionelle Schau der Berliner Architektenkammer wurde am Freitagabend von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher und der Präsidentin der Berliner Architektenkammer Christine Edmaier im „Stilwerk Berlin“ eröffnet. Bis 9. April werden die von einer Jury ausgewählten Projekte aus verschiedensten Bereichen der Architektur gezeigt. So auch die Kinderwagen-Garage.

Für Florian Kneer vom Büro Legeer Architekten war es ein „schönes kleines Projekt“ - und zudem „äußerst sinnvoll“. Denn der 40-jährige Architekt realisierte seinen Entwurf auch „mit Menschen, die sonst nicht so viel mit Architektur zu tun haben und durch die Mitarbeit auch Auftrieb bekamen“. Die Kinderwagen-Garage entstand als soziales Projekt, bei dem Teilnehmer von Wiedereingliederungsmaßnahmen und Nachbarn des gerade mal 20 Quadratmeter großen Baus auf der Fischerinsel in Mitte integriert wurden. Der im Kiez aktive „Kreativhaus-Verein“, für den Kneer bereits 2012 ein viel beachtetes Baumhaus entworfen hatte, hatte um einen Entwurf für den Unterstand gebeten. „Buggybin“, wie Kneer seinen Carport für Kinderwagen nennt, hat Seitenwände aus Brettern, die auf der einen Seite grün und auf der anderen Seite blau lasiert sind und versetzt montiert wurden, so dass sie ein Relief ergeben. Auf Sichthöhe sind die Bretter auf Abstand gesetzt. Diese Zwischenräume reihen sich zu einer Art Fensterband, das den Blick aus dem Inneren erlaubt. Und das Ganze ist nachhaltig: Alle Elemente lassen sich wiederverwenden.

Eine Zahnarztpraxis im Kaisersaal

Sie sitzen beim Zahnarzt und blicken zur Decke. Beim Besuch der Praxis im Kaisersaal ist dieser Blick außergewöhnlich. Denn statt einer schnöden Decke sehen die Patienten prunkvolle Malereien wie das Gemälde von der Göttin Aurora und güldene Stuckreliefs. Die Praxis von Andreas Bothe befindet sich in einer umgebauten Ballsaalhäfte im denkmalgeschützten Haus Cumberland am Kurfürstendamm in Charlottenburg.

1912 eröffnet, wird der herrschaftliche Altbau nach Sanierung und Umbau unterdessen als Wohn- und Geschäftshaus genutzt. Der einst riesige Saal war nach dem Krieg geteilt worden. Reste des üppigen und prachtvollen Dekors und des Wandschmucks blieben nur in der einen Hälfte erhalten. Das Architekturbüro Manfred Treiling übernahm das Projekt. Zerstörte Stuckelemente wurden ergänzt, Farben aufgefrischt, die altem Deckengemälde restauriert, Für die Zahnarztpraxis entstanden auf zwei Ebenen drei Behandlungssäle – einer auf einer erhobenen Ebene mit direktem Blick zu Aurora. Die modern und funktional gestaltetem Behandlungseinheiten der Praxis stehen in bewusstem Kontrast zu dem ebenso prachtvollen wie üppigen historischen Dekor.

Auch der Altar aus Acrylglas leuchtet

Eine geradezu leuchtendes Beispiel für das breite Spektrum der Arbeit von Architekten ist der Umbau der Trauerkapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte. Das 1928 eingeweihte sakrale Bauwerk wurde von dem Büro „Nedelykov Moreira Architekten“ saniert und in Zusammenarbeit mit dem renommierten US-Lichtkünstler James Turell durch behutsam programmierte Lichtspiele bereichert, die verschiedenste Farbstimmungen ermöglichen. Dabei kommt auch der Altar aus Acrylglas mit darin integrierten Leuchtdioden als Lichtquelle zum Einsatz. Vor dem Altar steht ein offener Glasbogen, der ebenfalls von Licht hinterfangen ist. Lichtbänder sind zudem auch an den Decken und seitlich der schmalen Fensterbänder platziert.

„Wir sind schon seit 2006 auf dem Friedhof tätig und haben unter anderem die Familien-Grabstätte des Schinkelschülers Friedrich Hitzig saniert oder auch den Neubau des Dienstgebäudes für den Friedhof realisiert“, sagt Pedro Moreira. Der 50-jährige Architekt ist mit seiner Kollegin primär in der Denkmalpflege tätig. So hat das Büro unter anderem auch die Liebermann-Villa in Wannsee saniert. Auch die Neugestaltung der Trauerkapelle inklusive der Lichtinstallation fand in Absprache mit der Denkmalpflege statt. „Licht ist ein Stoff, der zur religiösen Architektur gehört“, sagt der Planer Moreira.

© Berliner Morgenpost 2019 – Alle Rechte vorbehalten.