Segeln

Pauken unterm Wind

„Ocean College“ heißt ein neues Berliner Segelprojekt, das Schüler sechs Monate auf See führen soll – Unterricht inklusive

Die „Thalassa“ gehört zum neuen Berliner Schulsegelprojekt „Ocean College“.

Die „Thalassa“ gehört zum neuen Berliner Schulsegelprojekt „Ocean College“.

Foto: Picasa / Ocean College

Der Dreimaster pflügt durch die unendliche See. Immer wieder taucht das Schiff vorn mit dem Bug tief in das Wasser des Atlantiks ein, kommt dann wieder hoch, und unter dem Rumpf der „Thalassa“ rollt eine von unzähligen Wellen hindurch. Im Rigg des Schiffes knarzt es hin und wieder, der Wind bläht die mächtigen Segel der Schonerbarke auf und treibt sie kontinuierlich voran – der Karibik entgegen.

Längst ist an Bord nach der Hektik des Abschieds von Eltern, Freunden und Geschwistern der Alltag eingezogen: Wache und Rudergehen, Vorbereitung der Mahlzeiten an Bord oder Reinigen des Schiffes wechseln einander ab. Kurzum: Es herrscht Bordroutine.

Im großen Salon unter Deck geschieht jedoch etwas, das so gar nicht zu einem gemütlichen Segeltörn passen will. Dort steht ein Lehrer in der Mitte der Messe, und es wird gepaukt – auf dem Stundenplan steht Mathematik. An Bord sind schließlich rund 30 Jugendliche im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Es sind Schüler, die ein ganz besonderes Abenteuer erleben: Einerseits lernen sie mit klassischen Schulbüchern denselben Stoff wie an Land, andererseits unternehmen sie etwas, das weit darüber hinausgeht.

In sechs Monaten um die halbe Welt

Sechs Monate segeln sie um die halbe Welt – von Hamburg über die kanarischen Inseln in die Karibik. Es folgen Landaufenthalte in Costa Rica, Belize oder auf Kuba. Zurück geht es über die Bahamas, die Azoren und England nach Hamburg.

Für ein halbes Schuljahr haben die Mädchen und Jungen ihr reguläres Klassenzimmer gegen das Leben auf einem Segelschiff eingetauscht. Aufgeteilt in Gruppen bedienen manche Schüler unter Anleitung einer Stammcrew den Dreimaster, andere widmen sich unterdessen dem anstehenden Schulstoff. Nach der Wachablösung wird getauscht.

„Ocean College“ heißt das Projekt, das die drei Berliner Johan Kegler, Falco Aust und Johannes Borchert aktuell in die Realität umsetzen. Noch ist zwar nicht ganz sicher, dass ab kommenden Oktober der Dreimaster „Thalassa“ mit Schülern an Bord auf die beschriebene Weise tatsächlich in See stechen wird, Kegler (36), Lehrer für Geschichte, Sport und Politische Bildung an einer Berliner Privatschule, setzt aber alles daran, dass dieses Projekt Wirklichkeit wird. „Zehn Bewerbungen haben wir schließlich schon – und das ohne große Werbung, 30 Mitfahrer brauchen wir mindestens“, sagt er.

„Der Markt und das Interesse dafür sind da“

Gab es bislang mit dem „High Seas High School“- Projekt der Hermann-Lietz-Schule aus Spiekeroog sowie dem Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg zwei ähnlich gelagerte Projekte in Deutschland, so kommt mit dem „Ocean College“ nun ein neues direkt aus Berlin hinzu.

Initiator Kegler ist überzeugt: „Der Markt und das Interesse dafür sind da.“ Konzept und Rahmenprogramm sind fertig, das Schiff, die „Thalassa“ (47 Meter lang und acht Meter breit), steht als Charterschiff bereit, mit der Partnerschule Campus im Stift Neuzelle sind alle Formalitäten geklärt. Sie wählt etwa die Lehrer aus, die die Jugendlichen an Bord unterrichten werden. „Die internationale Ausrichtung der Schule passt wunderbar zu unserem Projekt“, sagt Kegler, „zudem unterstützt sie uns hervorragend in Logistik und Organisation.“

Wenn man sich mit Kegler unterhält, merkt man schnell: Dem Berliner ist die Sache ernst. Sieben Jahre arbeitete er an einer Privatschule, seine Erkenntnis: „Jugendliche müssen aktiv sein, im Alter zwischen 14 und 17 Jahren erste Verantwortung übernehmen. Klassische Schule hat hier oft nicht die passenden Antworten parat. Ich bin davon überzeugt, dass das herkömmliche Schulsystem nicht ausreichend auf die Lebens- und Berufswelt der Zukunft vorbereitet.“

Mathematik mit astronomischer Navigation auf See verbinden

Der Berliner sprudelt geradezu vor Ideen, was man mit Schülern auf solch einer Reise alles unternehmen oder anders als an Land machen könnte: „Warum zum Beispiel nicht mal Mathematik mit astronomischer Navigation auf See verbinden und so gleich einen Praxisbezug herstellen?“, fragt er. „Da lernt man dann sofort, dass Mathematik immer auch der Beschreibung der Welt dient.“ Im Fach Biologie könnte man unterwegs Wasserproben nehmen und gemeinsam mit einem Forschungsinstitut auswerten. Wetterphänomenen auf See liegen physikalische Gesetze zugrunde, und Geschichte wird auf der Reiseroute, die einst schon Kolumbus wählte, „lebendig“, wenn man sie entsprechend aufbereitet.

Kegler, der bei dem Spiekerooger Projekt vor einigen Jahren eine ähnlich gelagerte Reise als Projektleiter begleitet hatte, weiß genau, welches Ziel er mit seinem Angebot letztlich erreichen will: „Nicht die finale Ausbildung oder ein Abschluss stehen bei uns im Vordergrund, sondern die Erkenntnis, dass das Lernen nie aufhört.“ Seine eigene Teilnahme hat ihn vom Potenzial eines Bildungskonzeptes auf einem Traditionssegelschiff so sehr überzeugt, dass er mittlerweile sogar seinen klassischen Lehrerjob aufgegeben hat, um sich ganz der Verwirklichung seines eigenen Ansatzes zu widmen.

Das Projekt macht nach nunmehr zwei Jahren Vorbereitung einen durchdachten Eindruck. Mitstreiter Falco Aust ist etwa Wirtschaftsjurist und hat Erfahrungen bei einem Bildungsträger gesammelt, die ebenfalls in das „Ocean College“-Projekt einfließen. „Die Komplexität der zukünftigen Berufswelt lässt sich derzeit nur erahnen.

Sich seiner Fähigkeiten und Interessen bewusst werden

Umso wichtiger ist es für ein erfolgreiches Berufsleben, sich seiner eigenen Fähigkeiten und Interessen bewusst zu sein. Die Sinne dafür an Bord zu schulen, ist eine unserer Ideen“, sagt er. Da der Schiffsbetrieb täglich gruppendynamische, organisatorische und verantwortungsvolle Aufgaben an die Jugendlichen stelle, biete sich ein geeignetes Umfeld, um konkrete berufsbezogene Fähigkeiten herauszuarbeiten.

Geplant ist zudem, dass die Jugendlichen nach ihrer Rückkehr nicht zurückgestuft werden, wie sonst bei einem Auslandjahr üblich, wo oft die letzte Klassenstufe wiederholt werden muss: „Jeder Schüler erhält am Ende der Reise zwei Zeugnisse. Erstens ein Projektzeugnis von ,Ocean College‘, in dem die Entwicklung jedes Teilnehmers über die gesamte Reise dargestellt wird. Zweitens erhält jeder Teilnehmer sein Schulzeugnis von unserer Partnerschule. Mit diesem Zeugnis kann nach vorheriger Absprache mit der Heimatschule die Klasse wie geplant beendet werden“, sagt Aust.

Gleichwohl: Schule ist eben doch irgendwie immer Schule, egal wo, ob im Internat, im In- oder Ausland. „Es ist daher vor allem das Leben auf dem begrenzten Raum eines Schiffes, das die Reise zu etwas Besonderem macht“, ergänzt Kegler. Eine Bordgemeinschaft auf hoher See verlange von allen Teilnehmern Disziplin, Einsatz und Teamfähigkeit. „Diese Eigenschaften werden besonders auf einem Traditionssegelschiff über Wochen täglich gefordert und gefördert.“

Verantwortung für das Schiff

Großes Ziel: Nach intensiver, mehrmonatiger nautischer Ausbildung durch die Stammcrew soll den Jugendlichen für einen Zeitraum die Verantwortung für das Schiff übertragen werden. „Ihnen obliegt dann das Kommando und sie sind verantwortlich für die Navigation des Schiffes, die zu verrichtende Decksarbeit, das Essen, das Putzen und die medizinische Versorgung“, sagt Kegler. Mehr Verantwortung – sowohl über das eigene Leben als auch über das Wohl der anderen – geht kaum.

Dass es einen solchen Törn nicht kostenlos geben kann, versteht sich von selbst – rund 20.000 Euro veranschlagen die Initiatoren des Projekts. Es ist eine Summe, die in dieser Größenordnung auch bei den Konkurrenzprojekten „High Seas High School“ oder dem „Klassenzimmer unter Segeln“ aufgerufen wird. „Uns ist klar, dass das sehr viel Geld ist“, sagt Kegler. Allein das Chartern des Schiffes und die Bezahlung der Stammcrew verschlingt davon aber einen großen Teil.

„Um möglichst vielen Schülern die Teilnahme an einer solchen Reise zu ermöglichen, bemühen wir uns daher, Sponsoren und Stiftungen für das Projekt zu gewinnen“, sagt Kegler. Sein großes Ziel: Eines Tages zwei Plätze erheblich verbilligt anbieten zu können. „Für die erste Reise wären wir aber erst einmal froh, kostenneutral herauszukommen“, sagt Kegler, der das Ganze ins Laufen bekommen möchte. Die „Thalassa“ wartet jedenfalls schon auf ihre jungen Segler.