Internationaler Frauentag

„Die Gleichberechtigung ist eine Errungenschaft“

Seit 105 Jahren wird der Internationale Frauentag gefeiert. Zehn Frauen aus Berlin und aller Welt über Wünsche und Forderungen.

Luftballons mit dem Frauensymbol

Luftballons mit dem Frauensymbol

Foto: Paul Zinken / dpa

Denise Schwürz (23), Erzieherin, Berlin-Lichtenberg

„Ich denke, Frauen und Männer sind heute in vielem gleichberechtigt, wenn auch nicht überall. Gerade in meinem Beruf haben Frauen ja sehr gute Chancen – besser als in vielen anderen Bereichen. Ich arbeite in einer Kita, bei uns sind es manchmal eher die Männer, die wir unterstützen müssen. I

ch habe nur zwei männliche Kollegen, das finde ich zu wenig, denn man braucht auch Männer in der Kindererziehung. Für die Kinder ist es wichtig, dass sie im Alltag Frauen und Männer erleben. Männer gehen an manche Dinge ganz anders heran, nehmen manches lockerer.

Ich finde eigentlich auch nicht, dass es zum Beispiel in der Politik zu wenig Frauen gibt, auch wenn es offensichtlich weniger sind als Männer. Aber was für mich zählt, ist, was jemand in der Politik erreicht und nicht, ob es eine Frau oder ein Mann ist.“

Zahlen, Daten und Fakten zum Internationalen Frauentag


Hannah Schmidt (36), Biomathematikerin, Berlin

„Ich würde mir wünschen, dass das Thema Gleichberechtigung in Deutschland eine größere Rolle spielt. Gerade in der Wissenschaft sind Frauen leider alles andere als gleichberechtigt. Unter den Studierenden, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern sind zwar heute die Hälfte Frauen. Unter den Professoren, den höheren Qualifikationen, den Entscheidern sind aber nur noch sehr wenige Frauen, vielleicht etwa zehn Prozent.

Als ich studiert habe, gab es in der gesamten Fakultät gerade einmal zwei Professorinnen – unter den Studenten war die Hälfte weiblich. Leider ist dieses Verhältnis in Deutschland auch sehr stabil. Darüber wird im Wissenschaftsbetrieb auch nicht viel gesprochen. Viele Frauen studieren in dem Glauben, sie hätten gute oder sogar bessere Aufstiegschancen als Männer, man lässt sie im Unklaren darüber, dass es nicht so ist. Ein Problem sind auch die befristeten Arbeitsverträge. Gerade Frauen in solchen Verträgen bekommen oft signalisiert, dass es besser sei, jetzt gerade nicht schwanger zu werden, weil es gerade nicht ins Projekt passt.

Was ich am Frauentag außerdem noch wichtig finde: Gerade nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln ist es wichtig, auf eines hinzuweisen: Die Gleichberechtigung der Frau ist eine Errungenschaft, die bei uns über Jahrhunderte erkämpft wurde – und sie steht nicht zur Debatte. Es darf nicht sein, dass Frauen sich auf öffentlichen Plätzen nicht frei bewegen können, auch wenn das in manchen Kulturen anders ist.“

Arwa Idrees (49), Englischlehrerin, aus Syrien

"In der syrischen Gesellschaft spielen die Frauen eine sehr große Rolle, doch leider wird ihre Rolle durch die Wirtschaft, Justiz und Religion immer wieder eingeschränkt. Dass muss sich meiner Meinung nach dringend ändern. Denn auch, wenn vor dem Gesetz alle Menschen als gleich gelten, ist Syrien eine Männergesellschaft. Männer sind gerade im Erbschafts- und Scheidungsrecht wesentlich besser gestellt als Frauen.

Da diese meist ebenso wie ihre Männer arbeiten gehen, sind sie wiederum einer Doppelbelastung ausgesetzt. Denn in meiner Heimat sind es klassischerweise noch immer die Frauen, die sich um den Haushalt und die Familie kümmern, während die Männer lediglich arbeiten. Und da die syrischen Familien meistens sehr groß und kinderreich sind, ist das eine Menge Arbeit.

Die Frauen in Deutschland sind in diesem Punkt schon wesentlich weiter, auch weil sie schon sehr lange für ihre Rechte eintreten. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass Frauen nicht nur gleichberechtigt sind, sondern dass auch noch mehr auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Insbesondere was Arbeitszeiten und -bedingungen angeht. Ich hoffe, die Generation von Frauen, die gerade heranwächst, wird in diesen Punkten noch viel erreichen. Denn wir Frauen sind nicht einfach nur die Hälfte der Gesellschaft.

Wir haben eine wichtige gesellschaftliche Rolle inne. Insbesondere, da viele von uns Mütter sind und mit der Kindererziehung, die meist den Frauen obliegt, den Grundstein für die Gesellschaft legen. Das sollte meiner Meinung nach noch viel mehr gewürdigt werden. Zudem wünsche ich mir, dass die Frauen in den fortschrittlichen Ländern den anderen Frauen dabei helfen, ihren Weg in die Freiheit zu finden.“

Ulrike Konrad (65), Hausfrau, Pfalz

„Dass ich mich 1970 nach dem Abitur entschieden habe, Hausfrau zu werden, war schon damals ungewöhnlich. Die meisten meiner Mitschülerinnen haben damals studiert, aber ich habe mich bewusst entschieden, zu Hause zu bleiben. Das habe ich weder damals noch heute bereut. Wir haben drei Kinder, für die ich da sein wollte, das finde ich bis heute auch richtig.

Ich würde mir wünschen, dass der Beruf der Hausfrau mehr anerkannt wird. Sowohl finanziell, vor allem auch bei der Rente. Ich denke, es ist auch heute noch schwierig bis unmöglich, Kinder und Beruf unter einen Hut zubringen. Ich erinnere mich an die vielen Klagen meiner Mitschülerinnen, die damals arbeiteten und Mütter waren.

Auch bei unseren Kindern ist es so. Unsere Tochter kann nur noch halbtags arbeiten, seit unser Enkelkind da ist. Das wird sich auf ihre Rente auswirken. Unsere drei Kinder habe ich zu Hause betreut, bis sie drei Jahre alt waren. Dann sind sie in den Kindergarten gegangen. Danach habe angefangen zu arbeiten, aber von meiner Rente allein könnte ich nicht überleben.

Auch gesellschaftlich wird der Beruf der Hausfrau nicht ausreichend gewürdigt, finde ich. Wer Kinder großzieht, tut doch etwas sehr Existenzielles für die Gesellschaft und für die Zukunft.“

Jessica W. (33), Neurowissenschaftlerin, New York

„In den USA ist das wichtigste Thema in Sachen Gleichberechtigung der Frauen das Gehalt. Es ist eine Tatsache, dass Frauen in vielen Ländern viel weniger verdienen als die Männer. Darüber wird erst seit Kurzem offen gesprochen. Auch bei uns in den Vereinigten Staaten. Ein weiteres wichtiges Thema ist das sogenannte Social Freezing, das Einfrieren von Eizellen, um zu einem späteren Zeitpunkt noch schwanger werden zu können. Einige große Unternehmen finanzieren ihren Angestellten dieses Verfahren auch. Das finde ich an sich eine gute Sache. Aber als Wissenschaftlerin möchte ich auch vor den medizinischen Risiken warnen, die dieses Verfahren birgt.“

Uğur Erbaş (45), Tanzpädagogin, Berlin-Mitte

„Mir kommt der Internationale Frauentag wie ein Geschenk für die Frauen vor, das ihnen aber nicht besonders viel bringt. Was ist schon ein Tag im Jahr, an dem es um Frauenrechte geht? Jeden Tag müssten die Rechte der Frauen doch ein Thema sein. Frauen sind noch immer diskriminiert in unserer Gesellschaft, und damit meine ich die türkischen Frauen wie auch die deutschen Frauen. Wenn von ihnen die Rede ist, werden meist nur Defizite benannt, zum Beispiel, wenn eine Frau keine Kinder bekommen kann.

Das wird dann hervorgehoben. Ich selbst habe mir innerhalb meiner Familie und meines gesellschaftlichen Umfeldes meine Rechte hart erkämpft. Alle Frauen müssen darin bestärkt werden, das ebenfalls zu tun. Sie müssen dafür kämpfen, ihre Meinung sagen zu können und ihre Ideen zu äußern. Das betrifft sowohl ihr sexuelles Leben als auch ihr Leben in der Familie und ihr Arbeitsleben.

In diesem Zusammenhang ist der Internationale Frauentag dann doch ein wichtiger Tag, weil er in der ganzen Welt den Focus auf die Frauenrechte lenkt – auch wenn es eben nur ein Tag im Jahr ist. Ich versuche jedenfalls das Thema Frauenrechte auch in meiner Arbeit als Tanzpädagogin aufzugreifen – und habe es auch schon tänzerisch zum Ausdruck gebracht.“

Marianne Watzke (84), Lehrerin, Uckermark

„Ich finde den Internationalen Frauentag gut, weil er den Blick einmal nicht auf die Rolle der Frau als Mutter richtet. In der DDR, in der ich gelebt habe, wurde der Internationale Frauentag ja schon immer als Gedenktag feierlich begangen. Was ich damals aber schon ein bisschen blöd fand war, dass es auch an diesem Tag trotz allem immer noch die Frauen waren, die zum Kuchen den Kaffee eingegossen haben. Die Männer haben das nicht gemacht.

Ich denke, heute sind Frauen in Deutschland weitgehend gleichberechtigt. Die Männer übernehmen doch seit vielen Jahren sehr viel mehr Verantwortung in der Familie und in der Erziehung. Ich denke, daran hat auch das Ende der DDR und der Fall der Mauer 1989 nichts geändert. Zu DDR-Zeiten haben allerdings mehr Frauen in typischen Männerberufen gearbeitet – bei uns auf dem Land gab es zum Beispiel Traktoristinnen und Mähdrescherfahrerinnen. Ich selbst war Lehrerin in Berlin. Ich habe vier Kinder, zehn Enkel und drei Urenkel.

Ich denke, trotz der Gleichberechtigung könnten Frauen in manchen Dingen noch selbstbewusster sein. Zum Beispiel, wenn es um das Gehalt geht. Sie müssen selbst darum kämpfen, dass Männer und Frauen gleich viel verdienen.“

Marge Ziegler (53), Unternehmerin, Hamburg

„Für mich persönlich hat der Frauentag vor allem die Bedeutung, dass wir uns bewusst werden, in welcher gesellschaftlichen Stellung wir leben – und dass wir wichtig sind. Wie gleichberechtigt Frauen sind, hängt sicherlich in Deutschland auch von ihrer jeweiligen Situation ab. Ich persönlich habe mich vor sieben Jahren mit einer Manufaktur für Fruchtaufstriche selbstständig gemacht. Davor habe ich als Flugbegleiterin gearbeitet, meine Tochter ist zehn Jahre alt. Ich persönlich habe nicht das Gefühl, dass ich nicht ausreichend gleichberechtigt bin, aber bei vielen anderen Eltern sehe ich, dass es zum Beispiel sehr schwer sein kann, wenn beide Elternteile eine akademische Karriere machen wollen.“

Julia Beiderbeck (29), Köchin, Berlin-Hohenschönhausen

„Ich fühle mich als Frau eigentlich ausreichend gleichberechtigt. Wir haben einen dreijährigen Sohn, als er auf die Welt kam, habe ich Elternzeit genommen. Aber inzwischen bin ich wieder voll berufstätig, ebenso wie mein Mann. Dass ich mich gleichberechtigt fühle, liegt sicher auch daran, dass in meiner Familie die Frauen alle schon immer voll berufstätig waren.

Ich komme aus einer typischen Arbeiterfamilie. Im Osten, in der DDR, war es früher normal, dass alle arbeiteten – Männer und Frauen. Der Internationale Frauentag wird bei uns aber trotzdem immer noch begangen. Dann werde ich von meinem Mann ein bisschen verwöhnt, ich bekomme Blumen und muss weniger im Haushalt machen. Das ist im Osten heute immer noch üblich, und ich finde es gut.“

Massoumeh Mohamdi (36), Studentin, aus dem Iran, jetzt in Berlin-Wilmersdorf

„Ich bin Afghanin, aber im Iran geboren und aufgewachsen. Dort wird der Frauentag auch gefeiert, dabei wird die Stellung der Frau als Ehefrau, Mutter oder Schwester hervorgehoben. Meist feiern die Frauen diesen Tag unter sich.

In Afghanistan ist das viel schwieriger. Dort haben die Frauen eigentlich gar keine Rechte. Mein größter Wunsch ist es deshalb, dass die Frauen dort die gleichen Rechte bekommen wie die Männer sie haben. Hier ist das anders, auch deshalb bin ich hierher nach Deutschland gekommen. In meiner Familie gibt es viel mehr Frauen als Männer. Wir sind froh, hier sein zu können.

Ich möchte weiter studieren. Im Iran habe ich bereits vier Jahre Politikwissenschaft studiert. Das möchte ich hier zu Ende bringen und dann auch noch Medizin studieren. Zu Hause habe ich schon private Vorlesungen besucht, die ein Arzt für einige Frauen gegeben hat. Meinen Sohn, er wird am Frauentag zwölf Jahre alt, erziehe ich zur Achtung und Respekt vor Frauen. Das ist mir sehr wichtig.“