Sicherheit in Berlin

Die Angst der Berliner vor dem Verbrechen

In Berlin steigen die Diebstahlzahlen, viele Berliner fühlen sich verunsichert. Ein Psychologe erklärt das Phänomen der Großstadtangst.

Das RAW-Gelände in Friedrichshain gilt als Kriminalitätsschwerpunkt

Das RAW-Gelände in Friedrichshain gilt als Kriminalitätsschwerpunkt

Foto: Paul Zinken / dpa

Steigende Diebstahlzahlen bei sinkender Aufklärungsquote: Wie wirkt sich diese Situation auf die Berliner aus?

Über Sicherheitsempfinden und Großstadtangst sprach Patrick Goldstein mit dem 46-jährigen Entwicklungspsychologen Herbert Scheithauer von der Freien Universität Berlin.

Berliner Morgenpost Herr Professor Scheithauer, im Programm des Bundesbildungsministeriums „Forschung für die zivile Sicherheit 2012 – 2017“, bei dem auch Sie und Ihr Team an der Freien Universität Berlin mit Projekten beteiligt waren, heißt es: „Kriminalität und Furcht vor Kriminalität können die Lebensqualität in Städten und Gemeinden erheblich einschränken.“ Inwieweit ist eine Stadt wie Berlin davon betroffen?

Herbert Scheithauer Man muss grundsätzlich sagen, dass wir, über viele Jahre gesehen, noch nie in sichereren Zeiten gelebt haben. Wir haben aber in der Bevölkerung und in bestimmten Wohngegenden vor dem Hintergrund sich tatsächlich etwas anders abbildender Phänomene die Situation, dass subjektiv das Gefühl besteht: Das Risiko war noch nie so groß, Opfer eines Verbrechens zu werden. Wir haben also zwei gegensätzliche Trends. Wir müssten uns sicher fühlen, haben aber den Eindruck, an jeder Ecke Opfer eines Verbrechens werden zu können. Es gibt eine vermehrte Kriminalitätsfurcht, die auch durch die wiederkehrende mediale Präsenz dieses Themas entsteht. Diese führt dazu, dass wir uns immer unsicherer fühlen. Sicherlich spielt dabei auch eine Rolle, dass wir Deutschen im Durchschnitt immer älter werden, und Kriminalitätsfurcht ist immer ausgeprägter in älteren Bevölkerungsgruppen.

Wer einmal Opfer eines Diebstahls geworden ist, empfindet das als persönlichen körperlichen Angriff. Bei diesen Menschen bleibt eine tiefe Unsicherheit im Umgang mit dem Stadtalltag zurück.

Besonders schlimm sind solche Erlebnisse, wenn sie in einem Bereich passieren, in dem wir uns zuvor eigentlich sicher fühlten. Stellen Sie sich vor, und das ist in meinem Umfeld passiert, Sie wachen morgens auf und sehen noch die Schuhspuren eines Einbrechers vor ihrem Bett. Sie wissen: Heute Nacht war jemand in meinem Haus, hat mich ausgeraubt und stand sogar vor meinem Bett. Solche Fälle bringen unser Sicherheitsempfinden mächtig und zurecht ins Wanken.

In Berlin haben die Vorfälle der Silvesternacht von Köln dazu geführt, dass Familien ihre Töchter in Selbstverteidigungskursen anmelden und die Nachfrage nach Abwehrwaffen steigt.

Aber die Gefahr, in die man sich begibt, wenn man meint sich selbst verteidigen zu können, ist wahrscheinlich größer als die vermeintlich wahrgenommene Bedrohung. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft viele Vorfälle haben werden, in denen Menschen Reizgas oder eine Waffe einsetzen, weil sie die Situation falsch einschätzen und sich vielleicht dabei selbst gefährden, diese falsch einsetzen. Es kann auch passieren, dass durch eine gezogene Waffe eine Situation erst eskaliert.

Ein paar Stichworte aus dem Berliner Alltag: No-Go Areas, Totschlag vor dem RAW-Gelände, Bombenalarm auf dem Kudamm - verändert so etwas das Denken eines Menschen in der Stadt?

Solche Vorfälle - wenn dann auch noch medial darüber berichtet wird - erwecken bei uns den Eindruck: Mein Gott, was passiert hier in unserer Stadt? Als im Januar eine junge Frau vor einen U-Bahnzug gestoßen und getötet wurde, führte das dazu, dass Menschen Angst hatten, die U-Bahn zu benutzen. Obwohl jährlich Hunderte von Millionen Fahrgästen nichts passiert. Tödlich endende Gewalt in der U-Bahn – wie im Beispiel - ist vor dem Hintergrund der Gesamtfahrgastzahlen ein sehr selten auftretendes Phänomen. Aber bei uns entsteht der Eindruck, es passiere dort häufig etwas. Wir haben den Eindruck, dass einzelne Vorfälle einen Einfluss auf unsere Sicherheit haben.

Das ändert nichts an der Sorge eines Menschen, der bestohlen wurde, der einen Gewalt-Fall aus dem Bekanntenkreis kennt oder die Zahlen der Kriminalitätsstatistik verfolgt.

Natürlich. Erst wenn man Gesamtbild und Hintergründe kennt, beeinflusst das das Sicherheitsgefühl positiv. Nehmen Sie einen Polizisten: Er bekommt täglich mit, was in einer Stadt wie Berlin passiert. Aber Sie werden wenige Polizisten mit Kriminalitätsfurcht finden, weil diese professionell einschätzen können, wie etwas passiert, wo etwas passiert und welche Möglichkeiten es gibt, Situationen zu verhindern oder einzuschreiten, wenn es dazu kommt. Also: Die Kriminalitätsfurcht eines Menschen in der Stadt hängt auch davon ab, welche Handlungsmöglichkeiten beim Umgang mit Kriminalität man sich zutraut. Wenn ich diese sehr gering einschätze, wird meine Furcht größer.

Viele Kunden in den Berliner Waffengeschäften sagen: Das mit der Gewalt und der Straßenkriminalität bekommt die Polizei allein nicht mehr in den Griff.

Anderseits fühlen sich die Menschen nicht sicherer, wenn sie überall in der Stadt von bewaffneten Polizisten umgeben sind. Die Forschung hat ergeben, dass das Sicherheitsgefühl darunter leidet. Die Bürger meinen dann erst recht, sich in unsicherer Umgebung zu befinden. Nein: Ich denke, wir sollten einen anderen Weg gehen.

Wie sähe dieser aus?

Erstens: Wir müssen durch jene Sicherheit, die man durch andere Menschen erlebt, dorthin kommen, dass wir in unserer Gesellschaft das Gefühl haben: Ich kann mich hier abends in dieser Straße, in dieser Stadt bewegen - wir achten hier alle aufeinander. Und wenn etwas passiert, schauen wir nicht weg, sondern es wird zivilcouragiert eingegriffen, wenn was passiert, bin ich nicht allein. Und zweitens: Die Polizei muss so ausgestattet sein, dass sie schnell reagieren kann, wenn man sie ruft. Dazu gehört der Schutzmann, der durch die Nachbarschaft geht, den man ansprechen kann, und dass in der U-Bahn in Not jemand schnell zur Stelle ist. Außerdem muss unser Justizsystem so ausgerichtet sein, dass Verfahren schnell eröffnet und verhandelt werden. Schlimm ist, wenn eine Straftat geschieht, dann zwei Jahre gar nichts passiert, und ein Verfahren zuletzt eingestellt wird, ohne, dass der Täter bestraft wurde. Das erzeugt bei uns den Eindruck, dass etwas nicht mehr richtig läuft und sorgt dafür, dass wir uns unsicher fühlen