Krankenhäuser in Berlin

Streit mit Charité: Verdi will vorerst nicht streiken

Die Gewerkschaft fordert mehr Fachpersonal in der Pflege. Der Charité-Vorstand nennt dies „weltfremd“ und nicht bezahlbar.

Pflegerinnen in derr Palliativmedizin der Charité

Pflegerinnen in derr Palliativmedizin der Charité

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / dpa

Im Streit um den Tarifvertrag an der Charité setzt die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi auf weitere Verhandlungen und signalisiert Gesprächsbereitschaft. „Wir wollen uns einigen“, sagte Gewerkschaftssekretär Kalle Kunkel am Freitag vor Journalisten. Ein Streik sei zurzeit nicht geplant. Der Vorstand des Universitätsklinikums hatte am Donnerstag befürchtet, es könne zu einem neuen Arbeitskampf kommen.

Seit acht Monaten verhandeln beide Seiten mit konkreten Formulierungen über einen Tarifvertrag. Der soll eine personelle Mindestbesetzung in der Pflege und den Gesundheitsschutz der Mitarbeiter regeln. Aktueller Streitpunkt ist die Qualifikation der zusätzlichen Kräfte.

Ende vergangenen Jahres schien es, dass ein Abschluss unmittelbar bevorstünde. Die meisten Punkte waren einvernehmlich geregelt. Doch nun sind die Fronten verhärtet. Der Charité-Vorstand will im Tarifvertrag festschreiben, dass bei der Personalbemessung in der Pflege nicht nur dreijährig ausgebildete und examinierte Fachkräfte berücksichtigt werden, sondern auch der Einsatz von Servicekräften und Pflegehelfern. Er spricht von „Qualifikationsmix“. Das lehnt Verdi ab.

„Eine Hebamme wird ja auch durch eine Hebamme ersetzt“

Die Servicekräfte sind angelernt. Nach Angaben der Charité handele es sich vielfach um ehemalige Langzeitarbeitslose. Sie würden „patientenferne“ Aufgaben erfüllen wie etwa Geschirr abräumen oder Nachtschränke auswischen und damit das Fachpersonal entlasten. Der Vorstand räumt aber durchaus ein, dass es eine Grauzone gebe, etwa beim Ausreichen des Essens. „Eine Hebamme wird ja auch durch eine Hebamme ersetzt“, erklärte der Verdi-Betriebsgruppenvorsitzende an der Charité, Carsten Becker. Da könne man nicht einen Pfleger durch eine Servicekraft ersetzen. Verdi befürchtet, dass es bei diesen Hilfsarbeiten nicht bleibt.

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Auch Kalle Kunkel warnte vor dem Plan des Vorstands. Letztlich würde er sogar ermöglichen, beim Freiwerden einer Pflegerstelle eine Servicekraft einzustellen, um die tarifvertraglich festgelegte Mindestbesetzung zu erfüllen. Das diene nicht einer gesicherten Patientenversorgung, obgleich Verdi die Arbeit der Servicekräfte sehr schätze. Aber auch sie müssten davor geschützt werden, Aufgaben zu übernehmen, für die sie nicht qualifiziert sind. Zudem müsse die Mindestbesetzung für jede Station einzeln festgelegt werden.

Charité-Vorstand nennt Verdi-Forderung „weltfremd“

Deshalb beruhigt Verdi auch die Zusage des Klinikumvorstands nicht, 200 ausgebildete Pflegekräfte zusätzlich einzustellen. Der tatsächliche Bedarf müsse erst noch ermittelt werden. Der Charité-Vorstand nennt die Verdi-Forderung „weltfremd“, weil der Arbeitsmarkt so viele Fachkräfte nicht hergebe. Zudem würde sie Kosten von sieben Millionen Euro pro Jahr auslösen – bei einem Plus für das Geschäftsjahr 2015 von gerade einmal 3,7 Millionen Euro.

Der Vorstand erklärte, er habe schon Zugeständnisse gemacht, die über das wirtschaftlich vertretbare hinausgehen. Das bislang vereinbarte Paket koste bereits 12,2 Millionen Euro pro Jahr. Carsten Becker sagte indes, für eine „vernünftige Patientenversorgung“ müsse die Klinik auch eine negative Jahresbilanz in Kauf nehmen. Becker verwies auf die stets positiven Jahresabschlüsse der Charité in den vergangenen fünf Jahren. Das schafften nur wenige Unikliniken in Deutschland. Wenn andernorts ein Minus verkraftbar sei, müsse das auch in Berlin nötig sein.

Pflegerin klagt über hohe Belastung

Ulla Hedemann, Pflegerin auf einer Kinderintensivstation, berichtete von der hohen Arbeitsbelastung des Personals. Es würden immer mehr schwere Fälle behandelt, gleichzeitig sinke die Verweildauer der Patienten, das erhöhe den Druck, erklärte sie. „Das positive Jahresergebnis der Charité wird auf unserem Rücken ausgetragen.“ Zeitarbeitskräfte zur Verstärkung würden in der Pflege kaum noch eingesetzt. Man müsse sich dafür rechtfertigen, nicht einspringen zu können, wenn eine Kollegin krank wird. „Und wenn wir mal gut besetzt sind, müssen wir auf anderen Stationen aushelfen“, klagte Hedemann. Dabei komme vor allem die psychosoziale Betreuung der Patienten und ihrer Angehörigen zu kurz. Sie könne nicht erkennen, dass die Charité in Vorleistung gegangen sei, wie der Vorstand für sich reklamiere. „Ich habe den Eindruck, es wird immer schlimmer“, so ihr bitteres Fazit. Deshalb habe sie im vergangenen Jahr mitgestreikt.

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Charité-Chef Karl Max Einhäupl wirft der Gewerkschaft vor, „ein Spiel mit uns zu spielen“. Sie fordere Dinge, die eigentlich auf Bundesebene geregelt und entsprechend vergütet werden müssten. Dennoch sei der Vorstand des Universitätsklinikums bereit, zum ersten Mal in Deutschland eine Mindestbesetzung im Krankenhaus zu vereinbaren. Verdi wolle die Schraube immer ein bisschen weiter drehen, sagte der Ärztliche Direktor Ulrich Frei. Denn wenn Verdi einen Tarifabschluss im vollen Sinn der Gewerkschaft erreichen sollte, würde das ähnliche Forderungen an Kliniken bundesweit nach sich ziehen. Ein neuer Gesprächstermin zwischen beiden Seiten wurde noch nicht vereinbart. Kalle Kunkel sieht aber weiterhin etliche Ansatzpunkte für eine Einigung.