Nahverkehr

Berlins Tram soll künftig leiser quietschen

Das schrille Quietschen der Straßenbahnen in Kurven nervt Anwohner und Fahrgäste. Nun will die BVG ein Gegenmittel gefunden haben.

Bereits 21 der neuen Flexity-Bahnen sind umgerüstet

Bereits 21 der neuen Flexity-Bahnen sind umgerüstet

Foto: Reto Klar

Wer kennt es nicht: dieses unangenehme Geräusch, wenn eine Straßenbahn durch die Kurve fährt. Vor allem Anwohner sind vom lauten Quietschen der Züge oft schwer genervt. Doch es gibt Hoffnung. Die BVG führt derzeit ein neuartiges Schmiersystem ein, mit dem die Lärmbelastung hörbar verringert werden soll. Damit könnten die landeseigenen Verkehrsbetriebe nicht nur Forderungen des Senats nach weniger Schienenkrach aus dem „Lärmaktionsplan“ erfüllen. Es ließe sich damit auch die Akzeptanz eines öffentlichen Verkehrsmittels verbessern, das wie kein anderes in der Stadt in den kommenden Jahren ausgebaut werden soll.

Bereits 21 Flexity-Bahnen haben das neue System

Bereits 21 der aktuell 111 Niederflurstraßenbahnen vom Typ Flexity sind nach Angaben von BVG-Sprecher Markus Falkner inzwischen mit einer sogenannten Laufflächenkonditionierung ausgerüstet worden, weitere sollen in den kommenden Wochen folgen. Ab Mitte 2016 werde zudem das neue, von BVG-Technikern entwickelte System serienmäßig in den Flexity-Bahnen eingebaut werden. In diesem Jahr sollen noch 15 Fahrzeuge mit Laufflächenkonditionierung ausgeliefert werden, heißt es.

Damit würde am Jahresende fast jede zweite Straßenbahn der Neubauserie über das Lärmminderungssystem verfügen. „Das ist auch ausreichend. Unsere Tests haben ergeben, dass es genügt, wenn jede zweite Bahn damit ausgestattet ist.“ Geprüft wird auch, ob die Niederflurfahrzeuge der ersten Generation (Typ GT6) umgerüstet werden können, ein Ergebnis dazu liegt noch nicht vor. Für die alten Tatra-Bahnen ist das nicht mehr vorgesehen, will die BVG sie doch bis Ende 2017 weitgehend ausmustern.

Einsatz auf den Metro-Tramlinien M6 und M8

Die bereits umgerüsteten Bahnen werden von der BVG vor allem auf den Metro-Tramlinien M6 und M8 eingesetzt. Beide Linien führen an ihrem westlichen Ende durch die dicht bebaute östliche Innenstadt. Die Strecken weisen zahlreiche enge Kurven auf. Besonders am S-Bahnhof Hackescher Markt, der Endhaltestelle der M6, gibt es immer wieder Anwohnerklagen über störenden Bahnlärm.

Vor allem in engen Kurven wird es laut

Dass Straßenbahnen, aber auch S- oder U-Bahnen unangenehme Quietschgeräusche erzeugen, ist ein altbekanntes Problem, rollen die Fahrzeuge doch auf Stahlrädern über gleichfalls stählerne Schienen. Vor allem in Kurven kommt es zu dem charakteristischen Geräusch, das immer dann entsteht, wenn Metall über Metall schleift.

Erklärt wird es unter anderem damit, dass die an starren Achsen montierten Radscheiben in einer Kurve je nach Seite unterschiedlich lange Wege zurücklegen müssen. Es gilt der Lehrsatz: Je kleiner der Kurvenradius, umso lauter das Quietschen. Auffällig ist auch, dass das Geräusch bei trockener Witterung lauter ausfällt als etwa bei regennassen Schienen. Bahnbetreiber versuchen, mit Wasser und Schmiermitteln das nervende Kurvenquietschen zu reduzieren. Dem sind aber Grenzen gesetzt, dürfen doch die Räder nicht die Haftung auf den Schienen verlieren.

Auch U-Bahnen können quietschen

Auch bei der Berliner S-Bahn oder der U-Bahn ist das schrille Quietschen der Züge in den Kurven nicht unbekannt. Dort setzen die Verkehrsunternehmen Sprinkleranlagen und Schmierapparate ein, um die Lärmbelastung zu reduzieren. Den Einsatz von Bewässerungssystemen bei der Straßenbahn hält die BVG für zu gefährlich. Nasse und damit auch rutschige Schienen könnten Fußgänger ebenso in ihrer Sicherheit gefährden wie Rad- und Autofahrer. Eine andere Lösung musste also her.

Die glaubt BVG in der „Laufflächenkonditionierung“ nun gefunden zu haben. Das System erkennt per Sensor, wenn der Zug in eine Kurve fährt. Dann wird automatisch ein spezielles Mittel auf die Radlaufflächen gesprüht. Von dort wird es auf die Schiene übertragen. „Dadurch entsteht eine hauchdünne Schutzschicht zwischen Rad und Schiene, die die für das Quietschen verantwortlichen Verspannungen erheblich reduziert“, erklärt BVG-Sprecher Falkner. Bei bislang eingesetzten Systemen würde das Schmiermittel in der Regel durch Düsen auf die Schienen gesprüht, was in Kurvenfahrten dazu führen kann, dass etwas daneben gehe. „Durch das präzise und direkte Aufbringen auf die Radlaufflächen wird das bei unserem System verhindert“, so Falkner.

Geräuschminderung hängt von unterschiedlichen Faktoren ab

Wie stark die Geräuschminderung ausfällt, lässt sich laut BVG pauschal nicht sagen. Der konkrete Effekt sei abhängig von den jeweiligen örtlichen und technischen Rahmenbedingungen, also etwa vom jeweiligen Kurvenradius und dem Zustand der Schienen oder der Räder. Messungen hätten aber ergeben, dass vor allem die hochfrequenten und als sehr störend empfundenen Töne erheblich reduziert werden.

Die Politik hat den verschiedenen Lärmquellen in der Stadt bereits seit einiger Zeit den Kampf angesagt. 2007 legte der Senat sogenannte strategische Lärmkarten vor, die zeigen, welche Anwohner – in Wohnungen, Schulen oder Krankenhäusern – wie stark belastet sind. 2008 mündeten diese Karten in einem ersten Lärmaktionsplan. Anfang 2015 beschloss die Landesregierung ein zweites Lärmschutzprogramm. Darin werden auch andere lärmmindernde Maßnahmen gefordert. So soll etwa der Autolärm durch Tempolimits und den Einsatz von lärmminderndem Asphalt reduziert werden.