Stellenabbau

„Wir müssen Managementfehler ausbaden“

Bombardier streicht in Hennigsdorf 270 Stellen. Mitarbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz. Landesregierung will die Produktion im Land halten

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Der Betriebsratsvorsitzende Michael Wobst brachte die Stimmung auf den Punkt. „Ich fühle mich an Filmklassiker wie ‚Planlos durch das Weltall‘ oder ‚Sie wissen nicht, was sie tun‘ erinnert.“ Ausgeliefert, ja, so fühlen sich offenbar die meisten der über 1000 Mitarbeiter, die sich am Freitagmittag vor dem Werktor versammelt hatten. Sie kamen gerade von der zweistündigen Betriebsversammlung in der Stadtsporthalle. Dort erfuhren sie, dass der Schienenhersteller Bombardier bis Ende 2017 an seinem Standort Hennigsdorf 200 Arbeitsplätze und damit fast jede zehnte Stelle streichen möchte. Betroffen seien auch 70 Leiharbeiter.

„Ständig neue Ideen, doch nichts wird zu Ende geführt“

Dirk Lübeck, einer der derzeit 2850 Beschäftigten in Hennigsdorf, sieht es wie Betriebsratschef Wobst. Auch er vermisst ein Führungskonzept. Seit 22 Jahren arbeitet der Berliner schon bei Bombardier. Als Elektroniker im Bereich „Special Testing“, wo die Technik der „Talent“- und Doppelstockzüge überprüft wird. „Wir müssen die ständigen Managementfehler ausbaden“, beklagt der 49-jährige Familienvater. „Ständig gibt es neue Ideen, ständig Umstrukturierungen, doch nichts wird richtig zu Ende geführt.“ Die Mitarbeiter seien die Leidtragenden. „Ich kann mir die Namen der Standortmanager gar nicht mehr merken“, sagt Dirk Lübeck, „so oft wechseln sie.“

Bombardier hatte sich um den Bau der neuen Berliner S-Bahn beworben, war aber aus dem Wettbewerb ausgestiegen, weil die Banken nicht zu einer Vorfinanzierung bereit waren. Der 900-Millionen-Euro-Auftrag hätte in Hennigsdorf viele Arbeitsplätze über Jahre gesichert, ist aber an eine Konsortium von Siemens und Stadler gegangen. Die beiden Unternehmen wollen die knapp 400 von der S-Bahn bestellten Wagen zu großen Teilen in Berlin bauen, was für Bombardier-Spezialisten eine neue Job-Perspektive eröffnen dürfte.

Die Hennigsdorfer Produktion soll an anderen Standort verlagert werden

Keiner weiß, wen es dieses Mal beim Arbeitsplatzabbau treffen wird – und wie es langfristig weitergeht. 2005 hatte sich Bombardier von 500 Mitarbeitern in Hennigsdorf getrennt. „Die Wettbewerbssituation ist härter geworden durch Konkurrenz aus Asien und Osteuropa“, sagte ein Unternehmenssprecher am Freitag. Daher seien Anpassungen nötig. Er versicherte, die Stellen sollen bis Ende 2017 sozialverträglich wegfallen. „Wir führen intensive Gespräche mit der Arbeitnehmervertretung. Dabei denken wir an Sozialpläne“, so der Unternehmenssprecher.

Doch in der Betriebsversammlung soll das so nicht gesagt worden sein. „Es gab dort viele Fragen, aber kaum Antworten“, kritisierten mehrere Teilnehmer. Betriebsratschef Wobst sagte der Berliner Morgenpost: „Die Belegschaft wurde heute darüber informiert, dass 270 Stellen in Hennigsdorf abgebaut werden sollen, 70 davon von Leiharbeitern.“ Es seien keine weitere Erläuterungen gegeben worden. Gesagt worden sei aber, dass die Produktion zum Teil von Hennigsdorf an andere Standorte verlagert werde und die Serienfertigung in Hennigsdorf möglicherweise infrage gestellt wird. „Daher befürchten wir, dass der Standort insgesamt gefährdet ist“, so Wobst.

Wirtschaftsminister Gerber verweist auf gut ausgebildete Mitarbeiter

Brandenburgs Wirtschaftsminister Albrecht Gerber (SPD) appellierte an Bombardier, den Standortvorteil „Fachkräfte“ nicht aufs Spiel zu setzen. „Gute Ingenieure gibt es nicht wie Sand am Meer“, so Gerber zur Morgenpost. Die Region zähle mit gut 100 Unternehmen und mehr als 20.000 Beschäftigten zu den international führenden Standorten der Schienenverkehrstechnik.

„Vor diesem Hintergrund ist es unverständlich, warum Bombardier in einem so attraktiven Umfeld Stellen in seinem Hennigsdorfer Werk abbauen will“, betonte der Minister. „Zumal Bombardier hier ein Pfund hat, mit dem das Unternehmen richtig wuchern kann: die überaus kompetenten und hoch motivierten Mitarbeiter. Diesen Standortvorteil darf das Unternehmen nicht aufs Spiel setzen. “ Brandenburgs Regierung werde alle Möglichkeiten nutzen, damit dieser Standort auch als Produktionsstandort Zukunft habe. „Wenn Bombardier unsere Unterstützung braucht, stehen wir dafür bereit“, so Gerber.

Die Gewerkschaft IG Metall kündigt Proteste an

Vorige Woche hatte Bombardier angekündigt, dass in den deutschen Werken insgesamt 1430 der 10.500 Mitarbeiter gehen müssen. Am Donnerstag war bekannt geworden, dass das Unternehmen in Bautzen und Görlitz 930 Arbeitsplätze streichen will. Bombardier hat deutschlandweit sieben Produktions- und Konstruktionsstandorte.

Vertreter der IG Metall und Betriebsräte kündigten Proteste an. „Wir werden Kündigungen nicht hinnehmen“, sagte Betriebsratschef Wobst. Über 100.000 Schienenfahrzeuge von Bombardier sind laut eigener Werbung rund um den Globus unterwegs. Doch nun fürchten am größten deutschen Standort die Mitarbeiter, dass der Zug irgendwann komplett für sie abgefahren sein wird.