Flüchtlinge

Vachroi verabschiedet sich als Heimleiter in Wilmersdorf

Nach einem halben Jahr Aufbauarbeit im Rathaus Wilmersdorf verabschiedet sich Heimleiter Thomas de Vachroi. Es warten neue Aufgaben.

Foto: Reto Klar

Am Freitag, 14 Uhr, ist es soweit. Thomas de Vachroi, Leiter der Notunterkunft im früheren Rathaus Wilmersdorf am Ferbelliner Platz, hört auf. Aus seinem Büro, das sich gleich hinter dem Eingang an der Brienner Straße befindet, dort, wo jeder erst mal an der Security vorbei muss, wird er – neben den vielen Erfahrungen – nur seinen Laptop und den Drucker mitnehmen. Mit diesen zwei Arbeitsgeräten hatte er vor rund einem halben Jahr seinen Dienst angetreten. Nachdem er das Haus am Freitag, 5. September, eben auch um 14 Uhr, besichtigt und die Aufgabe übernommen hatte.

Sein Auftrag lautete damals, aus dem Rathaus so schnell wie möglich eine funktionierende Notunterkunft für 500 Menschen zu machen. Das gelang ihm überraschend gut und wurde mit viel öffentlicher Beachtung wahrgenommen. Politiker aus nah und fern besuchten die Einrichtung. Der Regierende Bürgermeister Berlins, der Bundespräsident, Abgeordnete des Bundestags und Europaparlaments kamen, der Botschafter von Litauen, der Innenminister des Saarlands, sogar Hollywoodschauspieler wie Ben Stiller schauten zur Freude der Flüchtlinge vorbei und boten freimütig ihre Unterstützung an.

"Das haben wir alle im Team geschafft"

De Vachroi freut sich über den Erfolg, sagt aber sofort ganz uneitel: "Das haben wir im Team geschafft. Die Mitarbeiter und Helfer sind mit soviel Einsatz bei der Sache. Und außergewöhnlich hoch war auch die Spendenbereitschaft." Am liebste würde er sie alle nennen, die geholfen haben. Die Odd Fellow Loge in Grunewald, die Sparkasse Alexanderplatz, das Diakoniewerk Simeon, die Hochmeistergemeinde und die Kirchengemeinde Daniel, das Bündnis Willkommen in Wilmersdorf, das Waldorf Astoria, der 1. FC Wilmersdorf, das Bezirksamt mit all seinen Abteilungen, die Jüdische Gemeinde Fraenkelufer in Kreuzberg, die City West Volkshochschule, auch die Krankenhäuser, allen voran das Gertrauden und Martin-Luther-Krankenhaus, das Filmstudio Babelsberg, die Deutsche Post, das Max Plack Institut und viele mehr. "Eine unglaubliche Hilfe, für die man sich nur bedanken kann", so der Noch-Heimleiter. Dort, wo früher das Bezirksamt und die Verwaltungsangestellten des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf ihre Büros hatten, wohnen heute 1150 Asylbewerber. 600 davon kommen aus Syrien, 300 aus Afghanistan und 170 aus dem Irak. 404 Kinder und Jugendliche leben dort inzwischen. Aus der Notunterkunft ist ein kleines Dorf geworden. Mit Waschsalon, Kantine, einem Medizinbereich, in dem Ärzte und Hebammen arbeiten, einem Friseursalon, Computerraum mit Google-Chrome-Books und eine Erwachsenenschule, in der auch Alphabetisierungskurse für diejenigen angeboten werden, die erst noch lesen und schreiben lernen müssen.

"Wir müssen integrieren, was das Zeug hält" ist Thomas de Vachroi überzeugt. Gleichzeitig sei es wichtig, die Bevölkerung in die Einrichtungen zu holen. Die Häuser würden zwar geschützt, seien aber nicht abgeriegelt. "Integration ist Kommunikation" so eine weitere Leitlinie, die im Heim praktiziert wird. Sobald die Flüchtlinge in die Unterkunft kommen, wird sofort mit ihnen gesprochen. "Das macht der Sozialdienst. Die Flüchtlinge müssen merken, dass sie willkommen sind, dass ihnen niemand etwas tut", so die Erfahrung des Heimleiters.

Die Atmosphäre im Haus sei locker, auch wenn alles angesichts so vieler Menschen straff durchorganisiert sein müsse. "Gut organisiert ja, aber nicht militärisch. Die Menschenwürde muss auch in den Notunterkünften respektiert werden", betont de Vachroi.

Bei aller Lockerheit, die Hausordnung müsse von jedem akzeptiert werden. Besonders auf die Gewaltfreiheit lege er Wert. Ja, Gewalt gegen Frauen und Kinder komme schon vor, auch in seiner Einrichtung, gibt de Vachroi zu. Da kümmere er sich sofort, wenn er davon erfahre. Und er habe Leute deshalb auch schon des Hauses verwiesen. Nicht auf die Straße in die Obdachlosigkeit, aber in eine andere Einrichtung. "Ich kann doch in solch einem Riesenhaus keine Gewalt dulden", sagt er bestimmt.

Dass am Freitag voraussichtlich die Duschcontainer entlang der Mansfelder Straße, die Nachbarn immer ein Dorn im Auge waren, weggeräumt werden können, weil es jetzt Duschen im Haus gibt, freut De Vachroi riesig: "Ein wirklich guter Abschluss", sagt er.

De Vachroi geht am Freitag mit einem lachenden und einem weinenden Auge, sagt er. Es hängen viele menschliche Schicksale dran, die er im vergangenen halben Jahr während seiner Arbeit kennenlernte. In der Notsituation, dass alles funktionieren muss, hätten sich alle zusammengerauft. "Hochanstrengend, aber eine lohnenswerte Arbeit", bilanziert der 56-Jährige, der seine Berufslaufbahn einst als Krankenpfleger begann, dann Kaufmann im Gesundheitswesen lernte und schließlich bei der Diakonie seine Heimleiterausbildung absolvierte. Eigentlich arbeitet der Wahl-Berliner nämlich für die Diakonie. Er leitet das Haus Britz, eine Wohnanlage für Menschen mit Handicap an der Buschkrugallee in Britz, wo er auch sein Büro hat. Die Diakonie hatte den im Sozialbereich sehr erfahrenen Mitarbeiter für den Aufbau der Unterkunft am Fehrbelliner Platz nur "ausgeliehen" an den Arbeiter-Samariter-Bund, der das Haus mit den Flüchtlingen betreibt.

Jetzt freut sich de Vachroi zunächst auf seine Aufgaben im Diakoniehaus Britz. Auch die Tee- und Wärmestube an der Neuköllner Weisestraße 34 will er weiterhin unterstützen. "Schon um den sozialen Frieden zu bewahren", sagt er eindringlich. Für den erfahrenen Sozialexperten steht aber auch bereits fest, dass er sich auch weiterhin der Flüchtlingsarbeit des Kirchenkreises und der Diakonie Simeon widmen wird. Und vielleicht kommt ja schon bald wieder ein "Feuerwehreinsatz", bei dem De Vachroi mit seinem Pragmatismus, Weitblick und seiner Großherzigkeit mit ruhiger Hand Aufbauarbeit leisten kann.

© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.