Arbeitsmarkt

Wie Thorsten Zweig seine zweite Chance bei der Bahn bekam

Die Bahn bietet ein Ausbildungsprogramm speziell für diejenigen an, die kein so gutes Schulzeugnis haben.

Thorsten Zweig

Thorsten Zweig

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Es ist kalt an diesem Morgen. Der Wind bläst eisig von Osten. Doch Thorsten Zweig kann so ein Wetter nicht wirklich etwas anhaben. „Bis minus Zehn ist das alles für mich kein Problem“, sagt er. Eingepackt in eine dicke orangefarbene Arbeitsjacke stapft der 39-Jährige an den Schienen entlang in Richtung Bahnhof Griebnitzsee. In der Hand eine schwere Motorsäge. Sein Auftrag: Bäume verschneiden, deren Äste zu weit in Richtung Gleise gewachsen sind.

Sind die Bäume zudem nicht standfest genug, könnten sie bei einem Sturm auch noch auf die Gleise fallen und damit den Zugbetrieb auf der wichtigen S-Bahnstrecke zwischen Berlin und Potsdam blockieren. Zweig gibt seinen beiden Kollegen kurze Anweisungen. Eigentlich nichts Besonderes. Arbeitsalltag eben.

Viele erfolglose Bewerbungen

Doch für Thorsten Zweig ist die Arbeit hier draußen schon etwas Besonderes. Sah doch sein Alltag vor drei Jahren noch ganz anders aus. Damals war er arbeitslos. Und das schon mehr als zwei Jahre lang. Nach der Schule hat er eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. Auf Wunsch der Mutter. „Aber das war nichts für mich.“ Er wollte lieber draußen sein, in der Natur, an der frischen Luft. Garten- und Landschaftsbauer, das war so ein Beruf, der ihn reizen würde. Doch seine zahllosen Bewerbungen für eine entsprechende Ausbildung blieben stets erfolglos. Wenn überhaupt, bekam er höchstens mal einen schlecht bezahlten Aushilfsjob.

Drei Viertel der Teilnehmer schaffen den Jobeinstieg

Der gebürtige Charlottenburger, der heute im Strausberg (Märkisch-Oderland) lebt, sollte seine zweite Chance erhalten. Im wahrsten Wortsinne. Eine Mitarbeiterin der Arbeitsagentur verwies ihn an die Bahn, die unter dem Namen „Chance plus“ ein spezielles Berufsvorbereitungsprogramm anbietet. Erklärtes Ziel ist es, denjenigen beim Jobeinstieg zu helfen, für die die Hürden bei anderen Unternehmen etwa wegen eines nicht so berauschenden Zeugnisses einfach zu hoch sind.

„Wir haben die erfreuliche Erfahrung gemacht, dass sich auch hinter denjenigen, die vielleicht schlechte Noten mitbringen, versteckte Talente verbergen“, würdigte Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber das 2004 gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit und dem Verein ZukunftPlus gestartete Programm. Mehr als 4000 junge Menschen haben bisher daran teilgenommen. Rund 75 Prozent von ihnen haben im Anschluss an den Kurs entweder eine Ausbildung begonnen oder einen direkten Jobeinstieg geschafft.

Heute ist Thorsten Zweig Vorarbeiter

Thorsten Zweig ist einer von denen, die es geschafft haben. Im Herbst 2013 besuchte er eine Infoveranstaltung der Bahn zum Programm „Chance plus“. Obwohl er über der eigentlich vorgesehenen Altersgrenze von 30 Jahren lag, bekam er einen Platz angeboten. Im November startete sein Kurs, bereits im September 2014 erhielt er von der Bahn-Tochter DB Fahrwegedienste das Angebot für eine Festanstellung als Vegetationspfleger. Inzwischen ist er Vorarbeiter im Stützpunkt Wannsee. Drei Mitarbeiter gehören zu seinem Trupp, der jeden Tag im Berliner Bahnnetz unterwegs ist.

Zu den Aufgaben zählen nicht nur Baumschnitt und Grasmahd, im Winter kommen auch Schneeschippen und Streuen an Bahnübergängen hinzu. Zweig kümmert sich um die Planung der Arbeit. Doch vor allem aber kann er das tun, was er schon immer tun wollte: Draußen an der frischen Luft arbeiten, Verantwortung tragen, Maschinen bedienen. „Gleich im ersten Monat schon konnte ich meinen Schein für die Arbeit mit der Motorsäge machen“, erinnert sich Zweig.

Ab März werden in Berlin auch Flüchtlinge qualifiziert

Das Gute an dem Programm sei, dass die Teilnehmer schnell zum Einsatz in die Praxis kommen. „Man merkt schnell, ob das was für einen ist“, sagt Zweig. Er ist geblieben. Auch, weil der Teamgeist stimmt, wie er sagt. „Ich wurde von Anfang an so akzeptiert wie ich bin“. Und auch das Geld stimmt. „Natürlich kann es immer mehr sein. Aber von meinen Aushilfsjobs weiß ich: In der privaten Wirtschaft wird für die Arbeit im Garten- und Landschaftsbau oft viel weniger gezahlt.“

Bahn bietet jährlich 300 Plätze an

Jährlich rund 300 Plätze bietet die Deutsche Bahn im Programm „Chance plus“ bundesweit an. Die Ausbildung erfolgt dabei an zehn verschiedenen Standorten. Inzwischen plant die Bahn, in das Qualifizierungsprogramm auch erwachsene Flüchtlinge mit Berufserfahrung aufzunehmen. Einen Pilotversuch hat vor Kurzem in München begonnen. Die Qualifizierung beginnt dabei mit einem viermonatigen Deutschkurs. Die anschließende Schulung kann bis zu 28 Monate dauern. Im März soll der erste berufsvorbereitende Lehrgang für Flüchtlinge in Berlin beginnen. „Mit zwölf Teilnehmern“, wie ein Bahnsprecher der Berliner Morgenpost bestätigte. Der Praxiseinsatz soll dann bei der Berliner S-Bahn sowie bei DB Services, der Dienstleistungstochter der Deutschen Bahn, erfolgen.

Wenn es gut läuft, dann gibt es im Anschluss ein Jobangebot von der Bahn. Aber auch anderswo würden sich mit dem Abschluss in der Tasche die Chancen verbessern, eine feste Anstellung zu erhalten, betonen die Verantwortlichen für „Chance plus“.

Weitere Infos im Internet:
www.deutschebahn.com/chanceplus