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Flucht in die Freiheit

Wie Berlin zum Exil der Kreativen aus Osteuropa wird

Aus Ungarn kommen immer mehr Künstler und Intellektuelle, die in ihrer Heimat mundtot gemacht werden und ihren Job verlieren.

Foto: Ricarda Spiegel

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„Berlin – the place to be“, die weltoffene Metropole, die Menschen aus aller Welt anzieht. Das Prädikat ist mittlerweile wohlbekannt. Doch unter diesen Zuwanderern sind zunehmend auch Künstler und andere Kreative aus osteuropäischen EU-Staaten, bei denen die Entscheidung, ihre Heimat zu verlassen, einen bitteren Beigeschmack hat. Sie kamen vor allem aus politischen Gründen. „Wir erlebten in Ungarn immer weniger Freiheit, wir hatten immer weniger Luft zum Atmen“, sagt etwa Katalin Simon.

Sie war einst Hauptkuratorin am Ludwig-Museum für zeitgenössische Kunst in Budapest. Doch weil sie dem Regime von Ministerpräsident Viktor Orbán kritisch gegenübersteht, verlor sie ihren Job. Die aktive Opposition begehrte schon früh gegen Orbáns Kurs auf. „Es gab Demo auf Demo, aber es hat alles nichts gebracht. Irgendwann wird man müde“, resümiert Simon. Deshalb zog sie vor zwei Jahren nach Berlin. Nun traf sie gemeinsam mit fünf Landsleuten Kulturstaatssekretär Tim Renner und den SPD-Fraktionschef Raed Saleh zu einem Meinungsaustausch.

Man könne sich in Ungarn nicht mehr frei äußern und Kritik üben , sagten die Wahl-Berliner. Schlüsselpositionen im Kultur- und Medienbereich seien mit regimetreuen Kräften besetzt worden. Auch die Kunst müsse dem nationalistischen, rechtskonservativen und prokirchlichen Kurs der Regierung folgen. Die Kunst solle nicht kritisieren, sondern „ergötzen“. Ende 2010 trat Orbáns umstrittenes Mediengesetz in Kraft, das damals europaweit Schlagzeilen machte. Seine weit auslegbaren Vorschriften verpflichten in erster Linie Journalisten öffentlich-rechtlicher, aber mittlerweile auch privater Medien zur „Stärkung der nationalen Identität“.

Berlin als frei und inspirierend erlebt

„Alles wird auf Linie gebracht, die Meinung kontrolliert“, klagt Katalin Simon. Und wie die Kultur werde die gesamte Gesellschaft umgestaltet, auch die Schulbücher. Simon beobachtet, wie der Sinn demokratischer Institutionen entleert wird. Sie habe sich ganz bewusst für Berlin entschieden. Vor zwölf Jahren sei sie, mit einem Stipendium ausgestattet, schon einmal für sechs Monate in der Stadt gewesen und habe sie als frei und inspirierend erlebt. Zwei Jahre arbeitete sie nach ihrem Umzug in einer Galerie und orientiert sich nun im Kunstbereich neu.

Alexandra Bayer hat Medienwissenschaften und Kunst studiert. Nach dem Examen lebte sie ein Jahr in Berlin, hatte ein Stipendium. Dann wurde in Ungarn das Mediengesetz verabschiedet. Bayer entschied sich, in der deutschen Hauptstadt zu bleiben. Dafür zahlt sie durchaus einen hohen Preis, denn die beruflichen Möglichkeiten sind begrenzt. Sie jobbt, arbeitet als freie Mitarbeiterin, aber ihr großer Durchbruch, etwa im Onlinemarketing, steht noch aus.

Timea Anita Dravecz möchte ebenfalls in Berlin bleiben. Die Künstlerin lebte schon in Spanien, Italien, New York. 2003 lernte sie die deutsche Hauptstadt kennen und konnte später mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zurückkehren. Eineinhalb Jahre lang war sie Meisterschülerin bei Ólafur Elíasson, anschließend arbeitete sie vier Jahre lang in einer Galerie. Nun sucht sie gerade „nach neuen Möglichkeiten“, wie sie sagt, möchte Jugendliche und Erwachsene in Bildhauerei unterrichten.

„Sie verteidigen ihre Freiheit, und sie bereichern Berlin“, sagt SPD-Fraktionschef Raed Saleh. Berlin sei ein Anziehungspunkt für Menschen, die frei leben wollen. Auch Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) streifte in einem Vortrag bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) am Freitag das Thema. In ihrem Referat zur Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland mit dem programmatischen Titel „Kreativität braucht Freiheit“ sagte sie: „Wenn Sie sehen, wie totalitäre Strukturen langsam einsickern, sich politische Ordnungen verändern, dann fangen die immer damit an, Intellektuelle mundtot zu machen. Wir können das leider auch in unserer Nachbarschaft studieren.“

Kulturschaffende wollen sich vernetzen

Kulturstaatssekretär Tim Renner zollte den Ungarn Respekt: „Sie folgen ihrem Drang nach Freiheit und machen es sich nicht bequem.“ Dafür nähmen sie persönliche Nachteile in Kauf. Die Konkurrenz in Berlin sei groß, auch die meisten deutschen bildenden Künstler oder Musiker könnten nicht von ihrer Kunst leben. Berlin habe eine neue Form der Migration zu erwarten, so Renner: die politisch bedingte Zuwanderung aus EU-Ländern.

Doch der Gruppe aus Ungarn ging es an dem Abend nicht in erster Linie um ihre persönlichen Schicksale . Sie möchten vor allem eine Plattform schaffen, ein Forum initiieren, wo sich Künstler und Kulturschaffende aus Osteuropa austauschen und treffen können, wo sie auch Informationen über Angebote und Förderprogramme in Berlin sichten können. Ein kulturelles Netzwerk, das insbesondere die politischen Exilanten anspricht.

Dabei wollen Renner und Saleh die Ungarn unterstützen. Sie empfahlen ihnen, einen Förderantrag auf Mittel der Lottostiftung auszuarbeiten und auch an die Industrie- und Handelskammer (IHK) heranzutreten. Ein Arbeitstitel für eine solche Anlaufstelle, die die Zuwanderer unterstützt, aber auch die anspricht, die noch kommen möchten, ist schon gefunden: Creative East Europe. Und ideellen Zuspruch gaben die beiden Sozialdemokraten den Kreativen ebenfalls mit auf den Weg. „Sie sind Mutmacher“, so der Kulturstaatssekretär.