Schule

Von der Aula in den Konzertsaal

Am Sonnabend lädt die Philharmonie zum Schulorchestertreffen ein. Die Ensembles von sechs Berliner Schulen wurden ausgewählt.

Die Cellistinnen Vera (r.) und Hannah freuen sich auf ihren Auftritt in der Philharmonie

Die Cellistinnen Vera (r.) und Hannah freuen sich auf ihren Auftritt in der Philharmonie

Foto: Joerg Krauthoefer

Paula hat eben noch eine Leistungskursklausur geschrieben und kommt gerade noch pünktlich an, Vera müsste sich eigentlich auf ihre nächste Klausur vorbereiten, Chiaras Kontrabass musste mit dem Taxi gebracht werden und Hannah ist einmal quer durch die Stadt gefahren. Aber für den Moment ist das alles vergessen. Die Schülerinnen sitzen auf dem Orchesterpodium des großen Saals der Philharmonie und proben für Jeans Sibelius „Finlandia“.

Zusammen mit fast 140 anderen Berliner Schülern werden sie das Stück am Sonnabend beim 14. Schulorchestertreffen aufführen. Im Rahmen des Education-Programms der Berliner Philharmoniker kommen hier in jedem Jahr die Orchester von sechs Berliner Schulen zusammen, spielen ein Stück gemeinsam und jedes Ensemble präsentiert zusätzlich noch ein zehnminütiges Programm. Dieses Mal beteiligen sich das Heinz-Berggruen-Gymnasium in Westend, das Georg-Herwegh-Gymnasium in Hermsdorf, das Gymnasium Steglitz, das Freiherr-von-Stein-Gymnasium in Spandau und erstmals dabei sind das John-Lennon-Gymnasium in Mitte sowie die Katholische Schule Salvator in Waidmannslust. Insgesamt stehen dann mehr als 200 Schüler von der siebten bis zur zwölften Klasse auf dem Podium, bei „Finlandia“ spielen immerhin 140 Schüler mit. .

Insgesamt haben sich dieses Mal zehn Schulen für die Teilnahme beworben, „die Entscheidung fällt mit dem Los und natürlich wollen wir auch immer Schulen, die bislang noch nicht dabei waren, eine Chance geben“, erklärt Regina Pfiester, die das Projekt bei den Philharmonikern koordiniert. Noch im vergangenen Jahr haben die teilnehmenden Schulen die Noten bekommen und zunächst eigenständig geprobt, seit Januar laufen die Proben mit allen Schulen gemeinsam in der Philharmonie. Geleitet werden die Registerproben, also für die verschiedenen Instrumentengruppen, von Mitgliedern der Philharmonikern, die Gesamtleitung hat Stanley Dodds übernommen, der normalerweise die zweite Geige spielt, aber auch als Dirigent auftritt. Er wird auch „Finlandia“ am Sonnabend dirigieren.

Eine tolle Erfahrung für die Schüler - und die Lehrer

Aber bis dahin ist noch etwas Feinschliff nötig. „Ihr dürft euch nicht zu sehr schubsen lassen von den anderen“, weist er gerade die Bläser an. Obwohl die Einsätze schon erstaunlich gut klappen, ist die Detailarbeit für die Schüler eine Herausforderung, schließlich spielen sie in dieser Formation zum ersten Mal zusammen. „Und es klingt hier ja auch ganz anders als in der Aula“, erklärt die 18-jährige Frederike vom Heinz-Berggruen-Gymnasium. Sie spielt als einzige Euphonium und ist bereits zum zweiten Mal beim Schulorchestertreffen dabei. „Es ist doch schon etwas ganz Besonderes, in der Philharmonie spielen zu können“, sagt die Abiturientin. „Es ist toll, so eine Erfahrung zu machen“, pflichtet Trompeter Timo vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium ihr dabei. Und darum nimmt er es gern in Kauf, dass der Zeitplan kurz vor dem Abitur nun noch etwas enger geworden ist.

Aber nicht nur die Schüler, insbesondere die Abiturienten, stehen dabei vor Herausforderungen, sondern auch die Orchesterleiter. „Wir müssen immer wieder kämpfen, wenn wir Oberstufenschüler aus dem Unterricht nehmen wollen“, so die Erfahrung von Constanze Springborn, die das Schulorchester am Gymnasium Steglitz leitet. In diesem Jahr sei es leichter gewesen, aber in anderen Jahren kollidierten zu viele Termine. Überhaupt seien die Bedingungen schwerer geworden, erklärt ihr Kollege Johannes Feiten von der Katholischen Schule Salvator. Abgesehen von den Abiturienten, würde durch die verkürzte Schulzeit ohnehin ein Jahrgang fehlen, außerdem seien die Schüler durch die frühere Einschulung insgesamt jünger geworden. „Spaß macht es aber trotzdem“, sagt er, auch wenn jetzt vor dem Konzert Extraproben in der Freizeit nötig sind, die nur selten vergütet werden.

Die verkürzte Schulzeit geht oft auf Kosten des Instruments

Auch Constanze Springborn spürt die Folgen der verkürzten Schulzeit am Gymnasium. „Früher haben viele Schüler Sport gemacht und ein Instrument gelernt, heute schaffen sie das gar nicht mehr.“ Viele entscheiden sich dann gegen ein Instrument. Eine Rolle spielt dabei auch der Ganztagsunterricht, oft kommen die Schüler erst am Nachmittag aus der Schule und haben daher neben den Hausaufgaben nicht noch Zeit, um ein Instrument zu üben.

Umso müsse man wertschätzen, dass es immer noch Schulen gibt, die trotz dieser schwierigen Bedingungen Orchesterarbeit machen, betont Regina Pfiester. Ziel des Schulorchestertreffens sei daher auch, darauf aufmerksam zu machen und vielleicht weitere Schulen zu motivieren. Das Orchester am John-Lennon-Gymnasium hat sich zum Beispiel erst vor knapp drei Jahren gegründet und nun ist das 20-köpfige Ensemble bereits in der Philharmonie dabei. Orchesterleiterin Christina Wagner hatte auch keine Probleme, ihre Schüler dafür zu motivieren. „auch wenn es wirklich ein Mehraufwand ist“. Bei den zusätzlichen Wochenendproben habe keiner gemeckert, schließlich würden alle darin eine wichtige Erfahrung sehen.

Gemeinsames Musizieren fördert die soziale Kompetenz der Jugendlichen

Aber auch das Spielen im Ensemble überhaupt würde den Schülern viel bringen, sagt Ronja Zern vom Freiherr-vom-Stein-Gymnasium: „Teamfähigkeit, strukturiertes Arbeiten, Disziplin und Konzentration, all das lernen die Schüler beim gemeinsamen Musizieren“, hat sie beobachtet, das schlage sich dann auch in anderen Fächern positiv nieder. Und auch das Gemeinschaftsgefühl würde gestärkt werden, fügt Constanze Springborn an. Jahrgangsübergreifendes Lernen gehöre im Orchester zum Alltag, schließlich würden hier Siebt- und Zwölftklässler nebeneinander sitzen.

Der Wert von Schulorchestern und von musikalischer Bildung überhaupt ist unumstritten. Dennoch fällt das Fach Musik an den Schulen häufig aus oder wird fachfremd unterrichtet. Bei der Einführung der Sekundarschulen 2010 wurde sogar die Zahl der Musikstunden im Lehrplan reduziert. Zwar gibt es mehr musikbetonte Schulen, aber das Angebot hängt entscheidend vom Engagement der Lehrer ab. Für die Leiter der beim Konzert beteiligten Schulorchester lohnt sich das auf jeden Fall. Sie sind sich sicher, dass ihre Schüler nach dem Konzert an Selbstbewusstsein gewinnen werden. Und sie selbst vielleicht auch. Denn das individuelle Programm dirigieren sie selbst. „Natürlich ist das auch für uns ganz schön aufregend, an so einem Ort aufzutreten“, gibt Orchesterleiter Johannes Feiten zu.

14. Berliner Schulorchestertreffen, Großer Saal der Philharmonie, 20. Februar, 10 Uhr, Leitung: Stanley Dodds, Moderation Sarah Willis. Kostenlose Eintrittskarten an der Kasse

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