Isolation Berlin

"Aus dem Zapfhahn quillt der Rausch"

Wie hält man das Leben aus? Gar nicht. Und am Tresen. Das ist die Welt der Band Isolation Berlin. Am Freitag erscheint ihr Debütalbum.

 Schlagzeuger Simeon Cöster, (l-r), Gitarrist Max Bauer, Sänger Tobias Bamborschke und Bassist David Specht der Band Isolation Berlin

Schlagzeuger Simeon Cöster, (l-r), Gitarrist Max Bauer, Sänger Tobias Bamborschke und Bassist David Specht der Band Isolation Berlin

Foto: Britta Pedersen / dpa

Alles ist grau, aus dem Zapfhahn quillt der Rausch und der Wahnsinn hält einen warm: Die Band Isolation Berlin ist negativ, düster und radikal. Das ist genau richtig in einer Zeit, in der alle ein perfektes Leben zu leben scheinen - oder das zumindest posten.

Wie hält man das Leben aus? Gar nicht. Und am Tresen. Willkommen in der Welt von Isolation Berlin. Sänger Tobias Bamborschke, Gitarrist Max Bauer, Schlagzeuger Simeon Cöster und Bassist David Specht trinken und leiden. An der Stadt, an der Liebe, am Leben. Seit 2013 gibt es die Band, nun erscheint ihr Debütalbum „Und aus den Wolken tropft die Zeit“ (19. Februar). In den 13 Songs regieren Schwermut und Trotz. Es ist die Absage an ein Leben, in dem sich jeder selbst der Nächste ist.

„Ich nehm die nächste U-Bahn und fahr zum Bahnhof Zoo. Dort nehm ich mir 'nen Strick und häng' mich auf im Damenklo“ - Isolation Berlin ist direkt. Verbrauchte Klischees, verrätselte Sprache - all das sucht man vergeblich.

In einem der ersten Songs „Alles grau“ (2014) erklärt Sänger Bamborschke zu heiterer Melodie: „Der Wahnsinn hält mich warm“. Im Videoclip dazu tanzt er sich vor grisseligen Grautönen das Leben aus dem Leib: „Ich hab' endlich keine Träume mehr, ich hab' endlich keine Freunde mehr, hab' endlich keine Emotionen mehr, ich hab' keine Angst vorm Sterben mehr.“

„Wären Isolation Berlin ein Berlinfilm, dann wären sie Christiane F.“, schrieb der „Tagesspiegel“ vergangenen Sommer. Und jetzt? Geht es schön düster weiter. Auch auf dem ersten Album der vier Musiker bleibt der Tod eine Sehnsucht. „Ich wünschte, ich könnte schlafen und nie wieder auf...“, singt Bamborschke.

Düstere Gedanken von Freunden und Bekannten

„Das sind einfach Gedanken, meine Gedanken, die von Freunden, von Bekannten. Das ist keine Provokation“, sagte Bamborschke der Deutschen Presse-Agentur. „Im Prinzip hab' ich die Songs geschrieben, die ich hören wollte in meiner Situation, alle Songs waren mir nicht negativ genug.“ Der Sänger war frisch getrennt, als die Band zusammenfand. Aus diesem Gefühl heraus entstand auch der Name: Isolation Berlin.

Die Welt, die die Musiker zeichnen, ist eine, in der jeder nur nach sich guckt. „Alle wollen dasselbe, nur für sich allein. Wenn wir nicht so hungrig wären, wie glücklich könnten wir sein?“, fragen sie in „Verschließ Dein Herz“. Verlass scheint nur auf einen selbst, Rückzug die beste Option. Oder trinken - wobei sich am Tresen auch nichts ändert: „Aus dem Zapfhahn quillt der Rausch, der alte Sorgen gegen neue tauscht, am Ende hat sich's wieder nicht gelohnt, und zuhause wartet treu die Depression. Alles scheint so unerträglich und ist am Ende doch scheißegal.“

Und dann die Liebe. Mehr als die Hälfte der neuen Songs dreht sich um den Schmerz, den jemand, den man liebte, hinterlassen kann. Floskeln und Altbekanntes finden sich nicht - Bamborschke schreit seiner Verflossenen lieber direkt ins Gesicht. „Siehst du da die dicke Frau, mit der bin ich per Du, die schmeißt mich jeden Morgen raus und schließt die Kneipe zu“, heißt es in „Schlachtensee“. Die Lakonie erinnert an die Texte von Element-of-Crime-Sänger Sven Regener. Nur ist der nicht so wütend.

Vergleiche mit Rio Reiser und Ton, Steine, Scherben

Bamborschke schreit seinen Verdruss heraus. Singt er, klingt er klar und immer ein wenig traurig, manche vergleichen ihn mit Rio Reiser. Die Songs wechseln zwischen langsamen, melancholischen Stücken und lautem, punkigen Sound. Kritiker ziehen Vergleiche zu Ton, Steine, Sterben, Franz Ferdinand oder gar Rammstein.

„Das interessiert uns eigentlich die Bohne“, sagt Bamborschke dazu. Protopop sei es, was die Band mache, hieß es mal. Was genau das ist, weiß aber keiner so recht. Bamborschke: „Uns war wichtig, dass wir einen neuen Begriff haben, weil einen alle anderen einengen. Wir haben einfach so viele Songs und Klangfarben, dass man das nicht unter irgendeinem Begriff zusammenfassen kann, der schon existiert.“

Isolation Berlin geben sich rotzig, den Bandnamen hat Bamborschke mit Acrylfarbe auf seine Lederjacke geschrieben. Sieht man die meist schwarz-weißen Bandbilder - Mützen, Zigaretten, Blicke ins Nichts -, denkt man an Zeiten, in denen Rockbands nach jeder Show die halbe Bühne zertrümmerten. „Ich bin ein Produkt, ich will, dass ihr mich liebt“, heißt es im ersten Song des Debütalbums.

Das kann man wörtlich nehmen - oder als Kritik an der Gefallsucht einer Generation lesen, die sich mehr inszeniert, als dass sie lebt. Beides super.