Anti-Terror-Razzia

Anwohner beschreiben Berliner Verdächtigen als unauffällig

Nach der Festnahme eines Terror-Verdächtigen in der Kreuzberger Waldemarstraße herrscht in dem Wohnhaus Fassungslosigkeit.

In diesem Wohnhaus in der Kreuzberger Waldemarstraße wurde einer der Terror-Verdächtigen festgenommen

In diesem Wohnhaus in der Kreuzberger Waldemarstraße wurde einer der Terror-Verdächtigen festgenommen

Foto: Steffen Pletl

Normalerweise würden sie bis 6 Uhr schlafen, erzählt der Familienvater aus dem ersten Stock. Doch nicht so an diesem Tag. Denn um 5.30 Uhr wackelt das Haus. „Es gab heftige Vibrationen“, erzählt der Mann, „ich dachte, da sei vielleicht eine Party aus dem Ruder gelaufen.“ Doch als er die Tür öffnet, sieht er maskierte Polizisten mit Stemmeisen in der Hand. Sie stürmen die Treppen hinauf.

Das Haus, in der die Polizei den mutmaßlichen Terroristen aus Algerien am Donnerstagmorgen festnahm, liegt in der Waldemarstraße im Herzen Kreuzbergs. Ein großer Hof mit Grünfläche, der von mehreren kleinen Wohnblöcken umsäumt ist.

Vor viele Balkone sind große Gitternetze gespannt, hier und da sprießen Satellitenschüsseln. Die orangefarbene Tür im dritten Stock ist eingedellt und zerkratzt, es sind die einzigen Spuren der Festnahme.

>> Kommentar: Wir brauchen starke Sicherheitsbehörden

Höflich gegrüßt, keine Auffälligkeiten

Die Bewohner, in deren nächster Nähe der 49-jährige seine Anschläge geplant haben soll, sind höflich, aber reserviert. Sie wirken ein bisschen erschöpft von dem Medienrummel, den sie auch am Tag danach immer noch über sich ergehen lassen müssen. Man habe den Mann nicht gekannt, wenn überhaupt nur vom Sehen, immer höflich gegrüßt, keine Auffälligkeiten.

Die Bewohnerschaft ist multikulturell, viele haben türkische Wurzeln. „Fucked up“, kommentiert ein junger Serbe nur, der gerade vom Bäcker gekommen ist. „Wir verstehen uns eigentlich alle gut“, ergänzt eine Frau aus Ghana, die wie die meisten anonym bleiben möchte. Als sie hört, wer da nur ein paar Meter neben ihr gewohnt haben soll, reißt sie die Augen auf. „Ich dachte, die Polizei wäre nur wegen Fahrraddiebstählen gekommen oder so. Ist es denn jetzt noch sicher hier?“ Ihr zweijähriger Sohn, der die ganze Zeit brav neben ihr gestanden hat, fängt an zu quengeln.

"So etwas kommt doch überall vor"

Es soll, es muss weitergehen in der Waldemarstraße, wegziehen will jetzt niemand. Doch nicht alle können die Ereignisse so nüchtern betrachten wie Marc Rickert. „So etwas kommt doch überall vor“, sagt der Hausmeister und meint die Gefahr vor Terroranschlägen. „Warum also auch nicht hier?“

Er will so weitermachen wie bisher. Ruhig sei es in der Anwohnergemeinschaft, bestätigt Rickert, nur von sechs Monaten habe es mal eine Ehestreit gegeben, beim dem die Polizei anrücken musste.

Unter Generalverdacht

Mustafa beschäftigt etwas anderes: Dass arabisch aussehende Menschen nun noch mehr unter Generalverdacht stehen. „Dabei hat das doch gar nichts mit dem Islam zu tun. Diese Menschen, die das machen, sind psychisch krank.“ Er sei jetzt einfach nur enttäuscht.

Mustafa, ein Geschäftsmann in der Lebensmittelbranche, war letztens in Brandenburg, um eine neue Lagerhalle anzumieten. „Die Blicke der Menschen dort, wenn sie dunkle Haare oder eine Kopftuch sehen, waren mir unangenehm“, erinnert sich. Er fürchtet, dass er jetzt auch im Multi-Kulti-Berlin mehr solcher Blicke ernten wird.