Gebietsreform

Wahlsdorf in Brandenburg: Ein Dorf ohne Straßennamen

Seine Straßennamen hat das Dorf an der „Fläming-Skate“ einfach abgeschafft. Für die Wahlsdorfer macht der Schritt durchaus Sinn.

Ortsvorsteher Thomas März in der Dorfmitte. Noch hängen in Wahlsdorf auch die alten Schilder

Ortsvorsteher Thomas März in der Dorfmitte. Noch hängen in Wahlsdorf auch die alten Schilder

Foto: Reto Klar

Dahme/Mark.  Kürzlich irrte bei einem Notfalleinsatz die Besatzung eines Rettungswagens durch Wahlsdorf. Die Sanitäter hatten nur eine Hausnummer übermittelt bekommen, aber keine Straße. So klingelten sie erst einmal beim Falschen. Kein Wunder, denkt man. Doch die Sache mit der Adresse ist viel komplizierter: Wahlsdorf ist seit einem Jahr komplett neu durchnummeriert. Seine Straßennamen hat das Dorf an der „Fläming-Skate“ einfach abgeschafft. Ein ungewöhnlicher Schritt, der Außenstehenden nicht einleuchten mag. Für die Wahlsdorfer macht er aber durchaus Sinn.

Eigenständigkeit nach Gebietsreform verloren

„Wir haben einfach die Flucht nach vorn ergriffen“, sagt Ortsvorsteher Thomas März. Das klingt dramatisch, ist aber eigentlich nur pragmatisch. Das 330-Einwohner-Dorf im Kreis Teltow-Fläming hat 2002 mit der Gemeindegebietsreform seine Eigenständigkeit verloren. Wahlsdorf ist seither nur noch ein Ortsteil der Stadt Dahme/Mark. Wie andere umliegende Orte auch. „In den ersten Jahren hatten wir alle noch unsere eigenen Postleitzahlen und die kompletten Adressen“, sagt Ortsvorsteher März, „dann hat uns das Brandenburger Innenministerium aber aufgefordert, die Postleitzahl bis zum 1. Januar 2015 anzugleichen.“

„Die erste Reaktion war: ,Du spinnst wohl?‘“

Die Konsequenzen machten ihm Kopfzerbrechen. „Der Dorfname wäre verschwunden, da die letzte Zeile der Adresse immer die Postleitzahl und der Ort sein müssen.“ So schlug der Ortsbeirat den Bürgern vor, anstelle der Straße doch einfach den Namen ihres Dorfes zu setzen. „Die erste Reaktion war: Du spinnst wohl“, erzählt der 56-Jährige. „Wir geben doch unsere Straßennamen nicht her.“ Bei der dritten Bürgerversammlung im örtlichen Gasthaus „Zum Fläming“ stimmte die Mehrheit der Anwesenden dann doch zu. Mittlerweile haben auch andere Ortsteile der Stadt Dahme/Mark diese Lösung gewählt.

Alte Straßenschilder sind inzwischen durchgestrichen

„Die Leute müssen sich erst mal dran gewöhnen“, gibt März zu. „Für eine Übergangsfrist bleiben die alten, grünen Straßenschilder hängen, die er mit seiner Werbeagentur im Auftrag der Gemeinde einst selbst vor seiner Zeit als Ortsvorsteher entworfen hat. Allerdings sind sie durchgestrichen. Darunter ist jetzt eine kleine weiße Tafel angebracht. An der Ecke Hauptstraße/Drift ist auf ihnen „Wahlsdorf 8–4 und Wahlsdorf 19–11“ zu lesen. In drei bis vier Monaten sollen die ausgedienten Straßenschilder abmontiert werden. Dann wird sich das ganze Ausmaß der Entscheidung zeigen. Sollen die Wahlsdorfer dann sagen: Ich gehe mal die 8 bis 4 lang? „Nein, in ihrer Erinnerung werden die Straßen bleiben“, zeigt sich Ortsvorsteher März optimistisch. „Keiner wird sagen ,Ich gehe mal die 8 bis 4 lang.‘“

Studierter Landwirt mit viele Ideen

Thomas März ist ein Mann, der sich für Ideen begeistern kann. Das ist hauptberuflich sein Job als Inhaber einer kleinen Werbeagentur. Eigentlich ist er studierter Landwirt, der vor 35 Jahren als Praktikant zur örtlichen LPG nach Wahlsdorf kam, sich verliebte und blieb. Als er im wiedervereinten Deutschland einen Werbeartikelkatalog anschaute, kam Thomas März auf die Idee, selbst Werbung zu machen. Er begann mit Visiten- und Einladungskarten.

Plötzlich viele Straßennamen mehrfach

Dazwischen lag ein Intermezzo als „McMärz“. In Dahme/Mark standen seine zwei Imbisswagen, die er nach einigen Jahren dann an seine angestellte Verkäuferin verkaufte. März stammt aus Groß Glienicke. Die Gemeinde ereilte das gleiche Schicksal wie Wahlsdorf. Sie wurde eingemeindet – in die Stadt Potsdam. Die Tristanstraße in Potsdam ist eigentlich die Tristanstraße im mehrere Kilometer entfernten Villenort Groß Glienicke. „Das wollten wir hier nicht“, sagt er. Noch ein Problem hat der Ort damit gelöst: „Mit der Eingemeindung gab es plötzlich viele Straßennamen mehrfach – und das war nicht zulässig.“

Idyllischer Ort mit alter Backsteinkirche

Für die Behörden gibt es übrigens „im Ortsteil Wahlsdorf der Stadt Dahme/Mark auch nach der Straßenumbenennung weiterhin Straßennamen“. Dies teilte die Stadtverwaltung Dahme/Mark auf Anfrage der Berliner Morgenpost unmissverständlich mit. Nämlich wie folgt: Vor- und Nachname: Max Mustermann, Straßenname: Wahlsdorf, PLZ und Ort: 15936 Dahme/Mark.

Touristische Attraktionen vermarkten

Die vielen Touristen, die auf der 220 Kilometer langen Fläming-Skate-Route durch Wahlsdorf kommen, könnten so ihre Probleme haben. Da Ortsvorsteher März ein Schilderexperte ist, wird der Ort aber schon gut auf seine Attraktionen hinweisen. Das idyllische Wahlsdorf mit der alten Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert leistet sich ein eigenes kleines Freibad mit Beachvolleyballplatz. Es gibt auch ein Schloss, einen Kulturstall, eine Gaststätte – und einen gut frequentierten Dorfladen. Er ist nicht zu übersehen. Die Inhaberin eines Tattoostudios hat den schlichten früheren Konsum in fröhlichen Farben besprüht. Die Wahlsdorfer wissen sich eben zu helfen.