Nationalsozialismus

Die mörderische Rolle des Kammergerichts in der NS-Diktatur

Johnnes Tuchel dokumentiert 69 Todesurteile des Kammergerichts von 1943 bis 1945 und offenbart die Funktion dieser Institution.

Foto: Joerg Krauthoefer

Sein Onkel war Mitglied der Hamburger Weißen Rose im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Am 19. Dezember 1943 wurde Reinhold Meyer von der Gestapo verhaftet, am 12. November 1944 starb er unter ungeklärten Umständen im Polizeigefängnis Fuhlsbüttel. Johannes Tuchel betont das nicht. Im Gegenteil.

Dass er der Neffe eines Widerstandskämpfers ist, erwähnt Tuchel erst auf erneute Nachfrage, ob es in seiner Familie einen Berührungspunkt gibt zu dem, was ihn schon seit seiner Jugend umtreibt: der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und die Verbrechen des Unrechtsstaates.

Seit 1991 Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Johannes Tuchel, seit 1991 Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und unter anderem auch Gastprofessor am Touro College Berlin im Studiengang „Master of Arts in Holocaust Communication and Tolerance“, sagt: „Es geht mir immer nur um die Sache, die eigene Person stelle ich ungern in den Vordergrund“.

Diese Zurückhaltung, seine wie der gebürtige Hamburger Tuchel das nennt, „norddeutsche Art“, wirkt glaubhaft.

Jetzt hat der 58-jährige Politikwissenschaftler im Berliner Lukas Verlag die erste Dokumentation von bislang 69 recherchierten Todesurteilen des Berliner Kammergerichts von 1943 bis 1945 vorgelegt.

Das Kammergericht als verlänger Arm des „Volksgerichtshofes“

Damit weist Tuchel nach, dass das Berliner Kammergericht nicht nur „Gastgeber“ für den sogenannten Volksgerichtshof war, der im Plenarsaal des Hauses an der Elßholzstraße tagte, sondern dass vielmehr auch das Kammergericht selbst eine große Rolle im Unrechtsstaat der Nationalsozialisten spielte. Diese Dimension war bislang nicht bekannt.

Das Kammergericht agierte quasi als „verlängerter Arm des von den Nationalsozialisten errichteten ,Volksgerichtshofes’“ , wie Monika Nöhre, die ehemalige Präsidentin des Kammergerichts im Geleitwort dieser jetzt herausgebrachten Dokumentation schreibt. Die Arbeit von Tuchel belegt das auf überaus eindrückliche Weise.

Vor allem die als Faksimile abgedruckten Anklageschriften und Todesurteile machen deutlich, wie wenig in dieser Zeit ausreichte, um einen Menschen zu Tode zu verurteilen. In dem perfiden Unrechtssystem genügten manchmal schon zwei bis drei Treffen oder die Lektüre von Flugblättern.

Der Fall des Schlossers Kurt Schöne

Wie im Fall von Kurt Schöne. Der 1907 in Waldenburg Geborene kam 1929 als Schlosser nach Berlin, wo er nach Jahren der Arbeitslosigkeit 1936 im Marienfelder Werk von Mercedes-Benz eine feste Anstellung fand. Schöne wurde am 21. Mai 1942 von der Gestapo festgenommen, am 26. Juni 1943 erging Haftbefehl gegen ihn. Im März 1944 wurde Schöne zum Tode verurteilt.

Nachdem er am 25. März 1944 aus dem Gefängnis Plötzensee verlegt worden war, wurde Schöne am 30. Mai 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden enthauptet. Allein die Lektüre eines Exemplars der Roten Fahne, zwei Reichsmark Beitrag für den „Kampfbund“ und mehrere Treffen in verschiedenen Lokalen waren Grund genug für das Todesurteil.

Späte Auseinandersetzung mit der Rolle der Justiz

Über das Berliner Kammergericht als Instrument der politischen Repression habe es lange Zeit wenig Informationen gegeben, sagt Johannes Tuchel. Ein Grund dafür sei auch, dass sich die Justiz erst spät mit ihrer Rolle während der Zeit des Nationalsozialismus asuseinandergesetzt habe.

Die Unterlagen des Berliner Kammergerichts waren zudem größtenteils vernichtet worden. „Wir sind für die Rechereche andere Wege gegangen und haben dort, wo die Ureile vollstreckt wurden, in Plötzensee und in Brandenburg, nach Unterlagen gesucht.“ Es war eine aufwendige Recherche.

Die Beschäftigung mit dem Widerstand ist etwas Positives

Ob Tuchel bei all der Schwere angesichts der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema des Nationalsozialismus Möglichkeiten für einen Ausgleich finde? Tuchel überlegt nicht lange. „Wenn ich über den Widerstand schreibe und mich mit den Menschen beschäftige, die sich gegen den Unrechtsstaat engagierten, ist das ein Ausgleich, denn der Widerstand, den es in Deutschland gab, ist ja auch etwas Positives“, sagt Tuchel. Am Berliner Touro College lehrt er Studenten , wie sie das schwierige Thema des Holocausts vermitteln können.

Politik und Geschichte haben ihn schon immer interessiert, sagt Tuchel. Bereits als Teenager in einer Zeit, „in der gerade die großen Debatten der Ostpolitik liefen, las ich alles alles, was ich kriegen konnte“. Und so war es für ihn, „ich war ein guter Schüler“, auch keine Frage, dass er Politikwissenschaft studieren wollte. Es war noch die Zeit, in der man sich den Luxus leisten konnte, ein Studium zu beginnen, ohne damit ein klares Berufsbild vor Augen haben zu müssen.

Ein Standardwerk zur Organisationsgeschichte der Konzentrationslager

Nach drei Semestern Politikwissenschaft in Hamburg wurde ihm die Hansestadt zu klein, Tuchel ging nach Berlin, wo er am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität studierte. Bereits für seine Diplomarbeit forschte Tuchel über Konzentrationslager, seine Disseration zur Organisationsgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager gilt als Standardwerk zu diesem Thema.

Die Menschen des Widerstands in Erinnerung bringen

Was ihn in seinem Engagement für die Erinnerung an den Widerstand so antreibt? Tuchel muss nicht lange überlegen. Er antwortet: „Die Nazis wollten, dass diese Menschen vernichtet werden und verschwinden, ich will sie wieder in Erinnerung bringen.“

Das Buch „Die Todesurteile des Kammergerichts 1943 bis 1945. Eine Dokumentation“ ist im Berliner Lukas Verlag erschienen (ISBN 978-3-86732-229-4), 24, 90 Euro.