Tödliches Autorennen

„Berlin ist unser Ring“: Einblicke in Berlins Tuning-Szene

Zwei Männer liefern sich ein Rennen, ein Unbeteiligter stirbt. Die Berliner Tuning-Szene ruft gern zu Rennen auf und stellt Videos ins Netz.

Die B1in Mahlsdorf ist ein beliebter Treffpunkt für Tuning-Fans (Archivfoto)

Die B1in Mahlsdorf ist ein beliebter Treffpunkt für Tuning-Fans (Archivfoto)

Foto: Steffen Pletl

Nach dem tödlichen Autorennen am Tauentzien, bei dem ein unbeteiligter 69-Jähriger ums Leben gekommen ist, rückt die Berliner Raserszene immer stärker in den Fokus. Denn das Rennen über Kudamm und Tauentzien ist längst nicht der erste Fall in Berlin.

Im Juli 2015 raste ein Mercedesfahrer im Bereich Schloßbrücke, Ecke Tegeler Weg, in einen Biergarten. Der junge Fahrer war mit überhöhter Geschwindigkeit unterwegs. Zeugen hatten ausgesagt, dass er sich mit anderen Fahrzeugen ein Rennen geliefert haben soll. Beim Abbiegen nach links in den Tegeler Weg verlor der Fahrer die Kontrolle über sein Fahrzeug und landete im Vorgarten einer Pizzeria. Nur weil es regnete und die Gäste nicht wie sonst auf der Terrasse saßen, gab es keine Verletzten oder gar Toten.

Anfang August 2014 lieferten sich Jugendliche ein illegales Autorennen in Köpenick. Auf einem Industriegelände an der Grünauer Brücke traten ein Golf und ein Ford Focus gegeneinander an. Beide Fahrer verloren die Kontrolle über ihre Wagen. Einer landete fast im Teltowkanal, der andere prallte gegen einen abgestellten Lastkraftwagen. Verletzt wurde niemand.

Die Berliner Polizei gibt auf eine schriftliche Anfrage der Berliner Morgenpost zum Thema illegale Straßenrennen nur telefonisch die knappe Antwort: „Dazu liegen uns keine Erkenntnisse vor.“ Doch jeder, der mit offenen Augen und Ohren durch die Stadt geht oder fährt, sieht sie. Die Raser, die PS-Protze, die hintereinander über den Kudamm fahren, sich in gefährlichen Manövern überholen, die Motoren ihrer getunten Wagen aufheulen lassen und andere Autofahrer zu Bremsmanövern nötigen. Oder sich nachts rasante Rennen auf der Stadtautobahn liefern.

Rennen in der Berliner Tuning-Szene

Auch in der Berliner Tuning-Szene wird zu Rennen aufgerufen. Nicht immer finden sie auf öffentlichen Straßen statt. Aber eben auch. So sind auf der Facebook-Seite von „Race-City 2012“ Videos zu sehen, die rasante Fahrten auf der Stadtautobahn zeigen. Auch eine Fahrt mit einem getunten Honda Civic durch die Französische Straße in Mitte. Dabei setzt der Fahrer nach einem Ampelstopp auf der einspurigen Strecke direkt zum Überholen an und benutzt die Linksabbiegerspur der Gegenrichtung, um an dem Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit vorbeizuziehen. Eindeutiger Verkehrsverstoß, auf Video dokumentiert. Die Seite, auf der auch einer der Raser vom Tauentzien gepostet haben soll: „Jetzt bin ich dran“, wirbt mit Hashtags wie #illegal für solche Videos im Internet.

Und auch die Werbung, die auf der Seite gemacht wird, spricht Bände. So ist dort ein Shirt im Angebot, das so beworben wird: „Nein, es ist nicht der Nürburgring, den wir auf der Brust tragen, es ist unsere Stadt. Berlin. Jeder hat hier seine Straßen und jeder Bezirk hat seine eigenen Gegenden. Es ist schon lange nicht mehr nur die B1 in Mahlsdorf, die B1 West, im Norden und im Süden der Stadt treffen sich jede Woche Freunde, Kollegen und Menschen, die ein Hobby teilen. Berlin ist unser Ring.“

Wie groß die Szene ist, darüber finden sich keine Angaben. Immerhin haben 3210 Menschen die Seite von RaceCity mit „Gefällt mir“ markiert. Und einen weiteren Hinweis gibt es. Am Karfreitag trifft sich die Szene unter dem Stichwort „Car-Freitag“. Dann läuten sie die Saison mit einem Cruising durch die Stadt ein. Vergangenes Jahr kamen an die 500 Fahrer zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor zusammen. Manche hatten sich zuvor an der B1 in Mahlsdorf getroffen. Die Polizei war auch dabei. Sie kontrollierte 382 Fahrzeuge. Prüfte, ob die Fahrzeuge mit der hohen PS-Zahl eine Betriebserlaubnis hatten und den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung entsprachen. Bei 36 Autos war das nicht der Fall.

Im Fall des Autorennens vom Tauentzien ermittelt die Staatsanwaltschaft inzwischen nicht mehr wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung sondern wegen des Verdachts des Totschlags. Darauf stehen fünf Jahre Haft. Mindestens.