Aktionsplan

Wie Tempelhof-Schöneberg Flüchtlinge in Arbeit bringen will

Der Bezirk plant zusammen mit Unternehmen eine Messe. Flüchtlinge sollen so schneller Arbeit finden und integriert werden.

Im Rathaus Friedenau sollen Flüchtlinge untergebracht werden.

Im Rathaus Friedenau sollen Flüchtlinge untergebracht werden.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Im Rathaus Friedenau haben die Handwerker das Sagen. Die letzten Mitarbeiter des Jugendamtes des Bezirks Tempelhof-Schöneberg wollen bis zum Ende der Woche ausziehen – ein Teil ins Rathaus Schöneberg, ein anderer Teil ins Dienstgebäude an die Mariendorfer Rathausstraße und einige wenige ins Büro an der Strelitzstraße, ebenfalls in Mariendorf.

Bis zum Einzug der Flüchtlinge – laut Auskunft des Landesamtes für Gesundheit und Soziales voraussichtlich schon in der zweiten Februarhälfte – ist noch viel zu tun. Das Rathaus Friedenau, seit einem Jahr schon im Besitz der Berliner Immobilien Management GmbH (BIM) wird als Notunterkunft für 400 Menschen hergerichtet. Perspektivisch soll es eine Gemeinschaftsunterkunft werden, sagt Bezirksbürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD).

2016 will Angelika Schöttler den Schwerpunkt der wirtschaftlichen Aktivitäten im Bezirk auf die Integration der Flüchtlinge legen, nachdem 2015 eher das Jahr der Unterbringung gewesen sei. Zusammen mit der Wirtschaftsförderung des Bezirksamtes und Unternehmen des 340.000 Einwohner starken Bezirks Tempelhof-Schöneberg plant sie deshalb, den Schritt in ein geregeltes Berufsleben für die Flüchtlinge zu erleichtern.

Direkt den Kontakt mit Interessierten aufnehmen

Auf einer großen Messe, möglichst auf dem früheren Flughafengelände in Tempelhof, wo momentan 2500 Flüchtlinge untergebracht sind und perspektivisch bis zu 7000 Menschen leben sollen, wollen sich die Unternehmen des Bezirks als allererstes präsentieren, um dort direkt den Kontakt mit den Interessierten aufzunehmen. "Die Vermittlung wird umso wichtiger, weil die Anzahl der Menschen mit einem anerkannten Status schnell wachsen wird. Und dann brauchen wir auch schnell Arbeitsmöglichkeiten, um sie zu inte­grieren", so Angelika Schöttler.

18.000 kleine und mittelständische Unternehmen gibt es nach Auskunft von Martina Marijnissen, Leiterin der Wirtschaftsförderung in Tempelhof-Schöneberg. Rund 16 Prozent davon seien Industriearbeitsplätze. "Ein sehr hoher Anteil für Berlin, denn diese Arbeitsplätze sind mit dem Wegfall der Berlinförderung nach dem Mauerfall stark dezimiert worden", so Marijnissen. Doch gerade das produzierende Gewerbe sei bei der Beschäftigung von ungelernten und anzulernenden Menschen "enorm wichtig". Es seien auch die Unternehmen, die am meisten Arbeitsplätze schafften. Zähle man auch die ganz kleinen Firmen hinzu, käme der Bezirk auf rund 38.000.

Daimler AG unterstützt das Netzwerk Großbeerenstraße

Besonders stolz ist man deshalb im Bezirk auf die Daimler AG in Marienfelde. Ein multinationaler Konzern, der dem Standort und damit seinem ältesten Werk an der heutigen Daimlerstraße in Marienfelde – gegründet 1902 – treu geblieben sei. Das Unternehmen sei zwar kein Mitglied, unterstütze aber das Unternehmernetzwerk Großbeerenstraße, in dem sich 52 Firmen zusammengeschlossen haben. "Es gibt keinen Mercedes auf der ganzen Welt, in dem nicht mindestens ein Teil aus Marienfelde verbaut wurde", sagt die Bürgermeisterin stolz. Gerade habe Daimler 500 Millionen Euro in den Standort investiert. Daimler würde keine Arbeitsplätze, aber zumindest Praktikumsplätze für Flüchtlinge zur Verfügung stellen, so Marijnissen.

Nachdem bereits im Dezember das erste Treffen zwischen Unternehmen und Bezirksamt stattgefunden hat, ist für den kommenden Donnerstag das zweite Treffen geplant. Dieses Mal bei der Firma Omicron Energy Solutions GmbH in Tempelhof. Auch die Arbeitsagentur, die Industrie- und Handelskammer, die Handwerkskammer und Vertreter der im vergangenen Oktober an den Start gegangenen Jugendberufsagentur an der Alarichstraße in Tempelhof – eine von berlinweit insgesamt vier – sind eingeladen. "Wir wollen das ja an niemandem vorbei organisieren, möglichst viele sollen sich beteiligen, weil wir auch die Synergien brauchen", sagt die Bezirksbürgermeisterin.

Nötig ist das auch schon deshalb, um den Status des Asylbewerbers zu wissen. Alle die, die einen Antrag auf Asyl gestellt haben, dürfen theoretisch ab dem vierten Monat ihres Aufenthalts arbeiten. Ausnahmen sind allerdings die Antragsteller aus sogenannten sicheren Herkunftsländern wie Serbien, Kosovo, Ghana, Senegal, Albanien oder Mazedonien. Für sie gilt ein generelles Beschäftigungsverbot, wenn sie den Asylantrag nach dem 31. August 2015 gestellt haben.

Bei den anderen, die arbeiten dürfen, prüft die Agentur für Arbeit, ob bevorrechtigt für die jeweilige Stelle deutsche Arbeitnehmer, EU-Bürger oder Ausländer mit Aufenthaltserlaubnis zur Verfügung stehen. Auch die geduldeten Flüchtlinge, die nicht abgeschoben werden können, dürfen unter gewissen Voraussetzungen arbeiten. Jederzeit arbeiten dürfen auch alle die, die ihr Asylverfahren positiv abgeschlossen haben und eine Arbeitserlaubnis haben.

Unternehmer-Netzwerke wollen schnell helfen

Entstanden ist die Idee, Flüchtlinge und Unternehmen zusammenzubringen in den Netzwerken, mit denen der Bezirk bereits seit rund zehn Jahren an einem Tisch sitzt, beispielsweise um Schüler durch Praktika und Mentor-Programme in die Arbeitswelt hineinschnuppern zu lassen. Im Netzwerk Motzener Straße sind 58 Unternehmen Mitglied, in der Großbeerenstraße sind es 52 und im jüngsten, dem Netzwerk Südkreuz, sind es 19 Firmen, die sich auch sozial engagieren.

Während es sich bei den ersten hauptsächlich um Netzwerke der Industrie handelt mit viel produzierendem Gewerbe sind es im Südkreuz-Zusammenschluss eher Dienstleister. Die Initiative sei aber nicht auf diese Firmen beschränkt, alle könnten sich beteiligen, betont Angelika Schöttler. Vermittelt werden sollen Menschen für einfache Arbeiten, aber auch für qualifizierte Jobs sowie junge Menschen, die noch einen Beruf erlernen müssen. Um sich kennenzulernen, werde es wohl zunächst mit Praktika beginnen.

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