Brandbrief in Hellersdorf

"Unkontrollierbare Gewalt": Eltern schreiben Brandbrief

Zweitklässler bedroht Lehrer, Prügel, Diebstähle: An der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Grundschule herrscht offenbar Chaos. Den Eltern reicht es.

Die Eltern der Schüler der Wolfgang-Amadeus-Mozart-Schule in Berlin-Hellersdorf haben einen offenen Brandbrief an die Bildungsverwaltung geschrieben. Darin berichte sie von gewalttätigen Übergriffen der Schüler untereinander und überforderten Lehrern. Von Bedrohungen der Schüler mit Messern ist die Rede, von Gewalt auf dem Schulweg, von Ranzen und Besen, die durch offene Fenster fliegen, von respektlosem Ton gegenüber Lehrern und Erziehern.

Kinder haben Angst vor der Schule

Das alles erinnert an die Rütli-Schule in Neukölln und den Brandbrief der Lehrer vor zehn Jahren. Der Unterschied: Hier handelt es sich nicht wie damals um Hauptschüler, sondern um Grundschüler. Die Eltern berichten, dass ihre Kinder Angst davor haben, zur Schule zu gehen.

"Eine Mutter berichtet mir davon, wie ihre Tochter, welche sich in der Schulanfangsphase befindet, nicht mehr zur Schule gehen möchte, weil sie von Schülern höherer Jahrgänge bedroht, gehauen und geschubst werde. Sie erkenne ihre Tochter nicht wieder und diese habe Angst davor die Schule zu besuchen. Aber auch unter den jüngeren Schülern finden Übergriffe statt. So berichtet die gleiche Mutter davon, wie sie gesehen habe, dass ein Schüler seinem Mitschüler in den Bauch getreten habe. Ihre Tochter wurde ebenfalls bereits in den Bauch getreten und geboxt. Eine weitere Mutter berichtet mir von Vorfällen auf dem Schulhof. Es werden Mützen geklaut, Schüler mit Messern bedroht oder auch Schüler auf einer Schaukel derart geschaukelt, dass sie nicht von der Schaukel herunter können. Aus Sicht der Elternschaft ist das ein Unding. Unseren Kindern sollte es Spaß machen können zur Schule zu gehen insbesondere zu Beginn der Schulkarriere. Durch unkontrollierbare Gewalt ist das jedoch nicht möglich", heißt es in dem Brief, der der Berliner Morgenpost vorliegt.

>>> Gewalt an der Mozart-Grundschule: Das ist der Brandbrief der Eltern im Wortlaut <<<

Schüler haben keinen Respekt vor den Lehrern

Das Verhalten der Schüler torpediere die Arbeit von Lehrern und Erziehern. "Bereits im letzten Schuljahr musste ich erleben, wie ein Zweitklässler Schulpersonal massivst beleidigt hat. Beobachtungen solcher Art wurden mir auch von den Eltern geschildert. Auf der GEV (Gesamtelternvertretung, Anm. d. Red.) wurde außerdem davon berichtet, dass es zu Übergriffen kam, indem Schüler mit Spielzeugpistolen in das Zimmer der Erzieher stürmten und sie aufforderten sich auf den Boden zu legen. Natürlich erkennt niemand in solch einer Situation die Echtheit der Spielzeugpistolen ein Schock für alle Beteiligten!", ist im Brandbrief zu lesen.

Chaos-Klassen lassen sich nicht unterrichten

Eine Mutter berichtet von einem Vorfall in einer dritten Klasse: "Ich entdeckte Kinder weit aus zwei geöffneten Fenstern gelehnt, sie riefen lautstark ‘Halt´s Maul, Halt die Fresse’ etc. Der Lehrer befand sich im Raum und schien die Klasse keinesfalls unter Kontrolle zu haben. (...) Aus dem Klassenraum darüber flogen wohl Ranzen und Besen aus den geöffneten Fenstern.”

Die Mutter informierte daraufhin die Schulleitung über den Vorfall und hospitierte im Unterricht. Sie berichtet: “Das Läuten der Schulklingel bewegt die Kinder nicht an ihre Plätze. Ein wiederholtes internes Klingeln des Lehrers wird größtenteils ignoriert. Die Kinder bewegen sich durch die Klasse, sitzen mit den Füßen auf dem Tisch (...), es wird (...) lautstark herum gebrüllt."

Weiter erzählt sie: "Der Klassenlehrer beginnt mit erhobener Stimme den Unterricht. Wenige Kinder interessiert dies. Der Raum wird verlassen, wieder betreten jeder wie er Lust hat. (...) Auf Ermahnungen des Lehrers wird mit Widerworten, Ausdrücken und Lächerlichkeit reagiert. (...) Der Lehrer verlässt oft sogar selbst den Raum, um die Kinder die draußen herumspringen, zum Hereinkommen zu bewegen. Ohne Erfolg. (...) Manche Kinder sind von 45 min mindestens 30 min nicht im Raum. Vor dem Eigentum anderer Mitschüler oder des Lehrers gibt es keinerlei Respekt. Es werden Ranzen, Federtaschen und Hefte vom Tisch geworfen bzw. ausgekippt."

Benotung undurchsichtig

Die Frau erklärt im weiteren, dass die Lehrer offenbar überfordert seien. Klassenarbeiten würden erst nach Wochen zurückgegeben, die Ergebnisse nicht besprochen.

"Ich als Mutter bin zutiefst geschockt und bin mir sicher, dass DRINGEND etwas passieren muss. Was ich heute gesehen habe, ist kein Unterricht. Und niemand kann so den dringend benötigten Lernstoff aufnehmen, geschweige denn verstehen. (...) Wie kann es sein, dass es in den dritten Klassen dieser Schule so zugeht? Mein Sohn war bis zum Ende des letzten Schuljahres ein guter Schüler! Nun hat er keine Chance mehr. Ich spreche hier nicht nur für meinen Sohn sondern für die gesamte dritte Klassenstufe dieser Schule”, resümiert sie.

Schon häufiger hätten sich Eltern und Schulleitung mit den Problemen an das Schulamt gewandt, um Hilfe zu erhalten. Doch bisher ohne erkennbaren Erfolg. „Deshalb haben wir uns entschlossen, den Brief nun öffentlich zu machen“, sagte Francesco Malo, Sprecher der Gesamtelternvertretung. Es gehe nicht darum, die Schule in Verruf zu bringen, sondern darum, endlich die Unterstützung zu erhalten, die die Schule benötige. Gewaltprobleme gebe es an vielen Hellersdorfer Einrichtungen.

Die Eltern seien froh, dass die Schulleitung offen mit dem Thema umgehe. „Wir wünschen uns mehr Struktur, eine angenehme Lernatmosphäre für Schüler und Lehrer sowie ein Konzept, wie die Probleme beseitigt werden können“, sagte der Elternsprecher. Zudem fordern die Eltern, dass Grundschulklassen von Grundschullehrern unterrichtet werden. Wegen des Personalmangels seien auch Studienräte eingesetzt worden, die im Umgang mit Grundschülern offenbar zum Teil überfordert sind.

Anti-Gewalt-Training und neue Stellen

Nach der Veröffentlichung des Briefes kam es am Donnerstag zu einem Runden Tisch mit Vertretern der Schule, des Schulamtes und der Senatsverwaltung für Bildung, bei dem erste Sofortmaßnahmen beschlossen wurden. „Eine Klassenleiterstelle wird mit einer erfahrenen Grundschulpädagogin besetzt“, sagte Beate Stoffers, Sprecherin der Bildungsverwaltung.

In den dritten Klassen soll sogenannter entwicklungstherapeutischer Unterricht stattfinden, in dem die Kinder soziale Fähigkeiten erlernen und motiviert werden, aktiv in der Schule mitzuarbeiten. Zudem werden die Klassenstärken in der dritten Jahrgangsstufe reduziert, indem ein vierter Klassenzug eingerichtet wird. Bereits angelaufen sei ein Training für Lehrer und Erzieher zum Umgang mit Gewaltsituationen, so die Sprecherin. Und auch die Schulpsychologie soll intensiv mit der Schule arbeiten und ein Kriseninterventionsteam bilden. Runde Tische mit allen Verantwortlichen sollen von nun an regelmäßig stattfinden. Die Maßnahmen sollen dadurch auch für Eltern und Schüler transparent gemacht werden. „Die Schule ist auf einem guten Weg“, sagte Beate Stoffers.

Die Eltern bleiben zunächst skeptisch. „Das sind erste Schritte, aber Zweifel bleiben, ob die Sicherheit der Kinder damit tatsächlich gewährleistet ist“, sagte Francesco Malo.

>>> Gewalt an der Mozart-Grundschule: Das ist der Brandbrief der Eltern im Wortlaut <<<