Flüchtlinge in Berlin

Tempelhofer Feld - Die umstrittene Stadt in der Stadt

Das Flüchtlingsquartier auf dem Tempelhofer Feld ist umstritten. In der Bebauung sehen Kritiker vor allem ein Problem der Integration.

Stadt in der Stadt – so nennen manche Besucher an diesem Donnerstag, was künftig auf dem Tempelhofer Feld am ehemaligen Flughafen entstehen soll. Auch die Studentin Annabel Schenk sagt das. "Das kann nichts Gutes bedeuten", fügt sie hinzu. Und meint damit die geplanten Flüchtlingsunterkünfte auf dem Gelände.

Am Donnerstag hat das Abgeordnetenhaus die umstrittenen Flüchtlingsunterkünfte auf dem Tempelhofer Feld gebilligt. Mit Stimmen aus SPD und CDU ändert das Berliner Abgeordnetenhaus das durch einen Volksentscheid entstandene Gesetz, das eine Bebauung des ehemaligen Flughafens eigentlich untersagt.

"Stadt in der Stadt". Das klingt deutlich schöner als "Getto" oder "Lager". Aber auch diese Worte fielen in den vergangenen Diskussionen. Studentin Schenk spricht sogar von einer Entscheidung für ein "Gefängnis", wenn sie an den Beschluss denkt. Beim Gang über das Feld kann man nur vermuten, wie es den Flüchtlingen geht, die bereits in den Hangars wohnen und auch, wie es ihnen gehen wird. Dort hinter diesem ewig langen weißen Zaun, der Hallen und Feld voneinander trennt. In Reportagen kann man von problematischen humanitären Zuständen lesen, die hinter diesen Fassaden herrschen – ob sich das mit den neuen Bauten ändern wird?

Abgeschottet von der Außenwelt

Draußen bekommt man davon nichts mit. Tatsächlich wirken die Geflüchteten schon jetzt irgendwie abgeschottet von der Außenwelt. "Geisterhaft" findet der Berliner Linus Meyer das. Noch nie habe er jemanden auf dem Feld gesehen, dabei leben die Menschen nur wenige Meter entfernt. Also direkt dort, wo er mit seinem Rad lang fährt.

Die Grundstimmung auf den endlos wirkenden Wiesen des Rollfeldes ist irgendwie dauerhaft entrückt. In Berlin gibt es wenige solcher Flächen. Auch solche, die einem Städter einen Weitblick wie diesen ermöglichen. Auch wenn der Verkehr auf Columbia- und Tempelhofer Damm zugegebenermaßen einen die Großstadt nie ganz vergessen lassen, dominiert ein beruhigtes Bild. Menschen, die Sport treiben oder Drachen steigen lassen. Eine heterogene Gemeinschaft zusammen an einem Ort. Gut in einer zerstreuten Stadt.

Deshalb war es den mehr als 700.000 Berlinern damals wohl auch so wichtig, den Bürgerentscheid gegen eine geplante Bebauung durch den Senat durchzusetzen. Qualität bewahren. Aber es war sicher auch eine Sache des Prinzips. Ein Zeichen der Freiheit! Genauso, wie es sich hier mitten unter freiem Himmel eben anfühlt. Ein Pfeiler für die Demokratie und damit für die Menschlichkeit einer Stadt.

Um diese geht es jetzt auch wieder. Diesmal argumentiert damit auch der Senat: Die Flüchtlingsunterkünfte sollen eine kurzfristige Lösung sein, eine für drei Jahre. Geflüchtete sollen vor Obdachlosigkeit geschützt werden, sagt die Regierung. Humanitäre Politik will der Senat damit also beweisen. Gegner der temporären Bebauung bezweifeln allerdings, so scheint es, den Gedanken an diese vorgegebene Menschlichkeit. Die Grünen sprechen von "Verzweiflungsstrategien" des Senats. Sie vermuten, dass das hart erkämpfte Areal nun doch am Ende in den Händen des Senats landen wird.

Ein Problem der Integration

Aber sie, die Zweifler, setzen auch auf Menschlichkeit. Denn in der Bebauung sehen sie vor allem ein Problem der Integration: "Wie sollen 7000 Menschen integriert werden, wenn sie hier dezentral auf einem Haufen platziert werden?", fragt sich Besucher Hans-Peter Koch, der in der Nähe des Feldes wohnt und oft herkommt. Er sieht die Container kritisch.

Eine Form der Menschlichkeit tritt gegen eine andere an. Und man kann beide Seiten verstehen. Also: Wieso das riesige Feld nicht für Geflüchtete nutzen? Und: Wieso diese Menschen derartig ausrangieren an einem so dezentralen Ort? Fest steht: Platz ist da. Und zwar genug für alle. Es scheint, als würden sich der Einsatz für Flüchtlinge und der für das Tempelhofer Feld gegenseitig ausspielen. Eine gewisse Zerrissenheit wird damit spürbar. Ja zu Flüchtlingen. Nein zu einem eventuellen Verlust gemeinschaftlicher Flächen. Irgendwie funktioniert das nicht richtig. Das merken auch die Berliner. Daher ist der kleinste gemeinsame Nenner aller Sätze an diesem Donnerstag: "Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber genug Leerstand in der Stadt – wieso also hier?"

>>> Reportage: Wie Flüchtlinge in den Hangars leben <<<

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