Open Data

So fördert eine Kultur offener Daten die Entwicklung Berlins

Dinosaurier, Roboterkäfer und Open Data: Technologiestiftung Berlin stellt Umfrage zur Berliner Datenszene vor.

Jeder Zahn und jeder Knochen des Tyrannosaurus Rex im Berliner Naturkundemuseum wird gescannt

Jeder Zahn und jeder Knochen des Tyrannosaurus Rex im Berliner Naturkundemuseum wird gescannt

Foto: Reto Klar

Was haben Dinosaurier mit Open Data zu tun? Eine Menge: Das Museum für Naturkunde an der Invalidenstraße hat in seiner mehr als 200-jährigen Geschichte über 30 Millionen Objekte angesammelt und ist damit das an Exponaten größte Berliner Museum. Sie alle sollen digitalisiert werden und damit einer breiten Öffentlichkeit zugänglich sein: Forschern, interessierten Laien, Unternehmen. Hauptattraktion ist dabei derzeit das 66 Millionen Jahre alte Fossil eines Tyrannosaurus Rex. „Nicht nur Privilegierte sollen Zugang zu den Sammlungen haben. Wir wollen sie allgemein zugänglich machen“, sagt Generaldirektor Johannes Vogel. Das sei eine Bringschuld gegenüber der Öffentlichkeit. Die Digitalisierung des Fundus soll zehn Jahre dauern und wird 70 Millionen Euro kosten, wie Vogel sagt.

Die Technologiestiftung Berlin hat jetzt in zehn Empfehlungen formuliert, wie die Kultur der Daten-Offenheit in Berlin gestärkt werden kann. Behörden sollen ihr offenes Datenangebot ausbauen, die Aktualität verbessern, Akteure vernetzen und Daten zugänglicher machen. Ziel sei eine smarte Verwaltung, sagt Nicolas Zimmer, Vorstandsvorsitzender der Technologiestiftung Berlin (TSB). Gemeint sind damit Behörden, die einen Mehrwert aus ihrer digitalen Vernetzung schaffen, indem sie mit Hilfe des Internet informiertere Entscheidungen treffen.

Wert von Open Data mit 32 Millionen Euro beziffert

Berlin gilt bereits heute als Vorreiter in der Open-Data-Szene, also der Gemeinden, die ihre bei Bürgern und Unternehmen erhobenen Daten öffentlich zugänglich machen. Stromverbrauchskurven, Schadstoffwerte, Grundstücksgrenzen oder Daten zum Verkehrsgeschehen können von jedermann im Internet abgerufen werden. Besonders beliebt sind dabei Geodaten (37 Prozent), Verkehrsdaten (20 Prozent) und wissenschaftliche Daten (17 Prozent).

Von einer derart vernetzten Verwaltung profitieren nach Zimmers Worten die Bürger, die so am gesellschaftlichen und politischen Leben besser teilhaben können. „Open Data darf kein Expertenthema bleiben“, sagt der TSB-Chef, der den volkswirtschaftlichen Nutzen aller Berlin-Daten mit 32 Millionen Euro beziffert. Nach seinen Vorstellungen sollen nicht nur staatliche Stellen ihre bei Bürgern erhobenen Daten zu einer weiteren Nutzung freigeben. Zimmer spricht sich auch dafür aus, dass private Stellen Daten spenden. „Gerade das innovationsoffene Berlin sollte eine Kultur des Teilens entwickelt“, sagte Zimmer.

Smartphone-App zeigt Berliner Naturdenkmale

Beispiele für den Nutzen offener Daten gab Gregor Hagedorn, der Leiter des Forschungsbereichs Digitale Welten im Naturkundemuseum. In seinem Bereich wird zum Beispiel an dem auf drei Jahre angelegten Projekt Stadtnatur gearbeitet, das Smartphone-Nutzern biologisch interessante Orte in Berlin zeigen soll. So wird die als öffentlicher Datensatz zugängliche Liste der Berliner Naturdenkmale in eine Smartphone-App eingebaut. Die App soll ihre Nutzer unterwegs auf Sehenswürdigkeiten aufmerksam machen.

Auf Daten des Naturkundemuseums haben auch Programmierer des Wettbewerbs „Coding Da Vinci“ zurückgegriffen. Beim Projekt Cyberbeetle lieferten gescannte Insekten des Museums die Vorlagen für einen Roboterkäfer. Ein anderes Projekt griff auf das Tierstimmen-Archiv des Museums zurück und entwickelte einen Wecker, der sich erst ausschalten lässt, wenn die abgespielte Tierstimme erkannt wird. Solche Ansätze des Querdenkens will Gregor Hagedorn fördern. „Das können wir alleine nicht leisten, aber andere können das.“

Open Data als Wissenschaftsförderung

Open Data ist für ihn aber auch Wissenschaftsförderung. Allein die Fundorte der 30 Millionen archivierten Objekte mit digitalen Koordinaten (im Fachjargon: Geotags) ihrer Fundorte zu versehen, ist eine Mammutaufgabe, bei der die alte analoge Behördenwelt gnadenlos auf die neue digitale prallt. Die vom zuständigen Bundesamt dafür vorgesehenen Karten im Maßstab 1:200.000 sind für die Digitalisierung vollkommen ungeeignet.

Zurück in der Ausstellung, wo sich Kinderscharen um das Fossil des „Tristan“ getauften Tyrannosaurus Rex scharen, der mit seinen vier mal zwölf Metern Größe den Ausstellungssaal beherrscht: Museumsdirektor Johannes Vogel ist es gelungen, das seit 66 Millionen Jahren gut erhaltene Fossil, das einem Investmentbanker gehört, für drei Jahre nach Berlin zu holen.

Jeder Dino-Knochen wird gescannt

Einzelne versteinerte Knochen wurden bereits abgescannt und als dreidimensionale Datensätze gespeichert. „Wir haben mit dem Eigentümer vereinbart, dass alle Daten, die wir hier generieren, für die Forschung frei zugänglich sind, aber nicht für kommerzielle Zwecke“, sagt der Museumsdirektor. Denn mit solchen Daten kann man in der Filmwirtschaft ganz viel Geld machen. „Die Rechte der kommerziellen Verwertung der Daten liegen beim Eigentümer.“

Ob bereits das komplette Fossil digitalisiert sei, will der Reporter wissen. „Nein, so weit sind wir noch nicht, das werden wir aber machen.“ Der Kopf kam im Juli in Einzelteilen, das Skelett wurde aber erst Mitte November nach Berlin geschickt. „Das konnten wir bis zur Ausstellungseröffnung Mitte Dezember nur noch aufbauen aber nicht einscannen.“

Wenn alles planmäßig läuft, wir der Tyrannosaurus Rex in zwei bis drei Jahren innerhalb des Museums umziehen und bei dieser Gelegenheit Knochen für Knochen gescannt. Zumindest Wissenschaftler haben dann die Möglichkeit, an dem Fossil zu forschen. „Wir haben von dem Dinosaurier aber einen so genannten Green Screen hergestellt. Das bedeutet, dass man ihn mit Computerprogrammen animieren kann“, sagt Museumsdirektor Johannes Vogel.