Grips-Theater

Eltern können so peinlich sein

„Hicks oder fliegen für vier“ wird am Grips uraufgeführt. Autorin Kirsten Fuchs über die Herausforderung für Kinder zu schreiben.

Kirsten Fuchs ist gespannt auf die Premiere im Grips: „Kinder zeigen ja gleich, wenn ihnen etwas nicht gefällt.“

Kirsten Fuchs ist gespannt auf die Premiere im Grips: „Kinder zeigen ja gleich, wenn ihnen etwas nicht gefällt.“

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Lewin Hickelmann, genannt Hicks, schüttelt sich - vor Ekel. Am Morgen hat er gesehen, wie sein Vater aus dem Badezimmer kam. Im Schlüpfer. Dabei wohnt der seit acht Jahren nicht mehr mit ihm und seiner Mutter zusammen. „Ist doch eeeklich, wenn Eltern zusammen sind“, sagt er auf dem Schulweg angewidert zu seinem Freund. Denn genau das fürchtet er: dass seine Eltern wieder zusammenkommen und ja, das sei doch nun wirklich nicht normal.

„Klar, das ist ziemlich übertrieben“, gibt Kirsten Fuchs zu, aber es sei für immer mehr Kinder Realität, dass sich Mutter und Vater trennen. Gerade in Berlin, wo 32 Prozent der Eltern alleinerziehend sind. Und Theater darf ja ruhig ein bisschen übertreiben.

Kirsten Fuchs hat sich gerade die Generalprobe von „Hicks oder Fliegen für vier“ im Grips-Theater angeschaut. Für das Stück hat die Berliner Autorin im vergangenen Jahr den Berliner Kindertheaterpreis und den Berliner Brüder-Grimm-Preis bekommen. An diesem Freitag feiert das Stück im Grips am Hansaplatz Premiere.

Sie will Kindern keine ehrgeizige Weltsicht vermitteln

Auch für Kirsten Fuchs ist es eine Premiere, denn „Hicks“ ist ihr erstes Kinderstück und überhaupt ihr erstes Werk für die Bühne. „Es hat viel Spaß gemacht“, sagt sie, „aber ich muss sehen, ob es für die Kinder einen Sinn ergibt“. Kinder würden schließlich gleich zeigen, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Es sei eine Gratwanderung, Kinder einerseits zu fordern, ihnen andererseits aber auch keine zu ehrgeizige Weltsicht zu vermitteln. Der Druck, der auf Kindern, Eltern und Lehrern laste, sei doch ohnehin schon so groß: „Jeder soll eine besondere Begabung haben und am besten auch noch einem verzerrten Schönheitsideal entsprechen.“

Kindertheater ist für Kirsten Fuchs eine Herausforderung mit hoher Verantwortung. „Nur weil ich selbst einmal Kind war, maße ich mir nicht an zu wissen, wie Kinder heute denken.“ Doch zeigt sie sich in „Hicks“ als genaue Beobachter dessen, was Zwölfjährige bewegt. In „Hicks“ geht es um Bindungen und Trennungen, Genderfragen, Schulstress, Pubertät.

Mit Fenchel, Möhre und Banane in den Sportunterricht

Große Themen, die Fuchs aber mit viel Leichtigkeit, hohem Tempo und einer ordentlichen Portion Humor auf die Bühne bringt. Zum Beispiel, als sie den Sportunterricht beschreibt: Erst sollen die Kinder in gymnastischen Übungen Fenchel, Apfel, Möhre und Banane darstellen, dann heißt es: „Und jetzt: freies Bewegen.“ Erleichtert fangen die Jungen an zu raufen, darauf gleich die Ermahnung von Lehrer Wolf: „Freies Bewegen heißt nicht, dass ihr machen könnt, was ihr wollt!“ Und er setzt noch einen drauf: „Schaut euch mal die Mädchen an, wie gut die Freies Bewegen können.“

Klingt absurd aber Ähnliches habe sie tatsächlich bei ihren Besuchen in Grundschulen erlebt, erzählt Kirsten Fuchs. Die Auseinandersetzung mit Schülern und ihrer Realität gehört zur Entstehung des Stücks im Rahmen des Berliner Kindertheaterpreises. 120 Einsendungen mit Entwürfen waren bei dem Wettbewerb eingegangen, der alle zwei Jahre ausgetragen wird. Die vier nominierten Autoren konnten dann mit Begleitung des Grips-Theaters in anderthalb Jahren ein Theaterstück entwickeln. Neben Workshops gehörten dazu Schulbesuche. „Ich war erstaunt, wie offen Kinder da über ihr Leben gesprochen haben, auch über Konflikte im Elternhaus.“ Für Erwachsene sei diese Offenheit oft schwer zu ertragen, sagt Fuchs, vielleicht hätten Kinder gerade deshalb zu wenig Raum dafür.

Den literarischen Durchbruch erlebte Fuchs mit dem Open Mike 2003

Schon in ihrem zuletzt erschienen Buch, dem Jugendroman „Mädchenmeute“, hat die 38-Jährige Einblick in das Seelenleben Jugendlicher gegeben. Die Coming-of-age-Geschichte, in der sieben Mädchen in ein smartphonefreies Survivalcamp geschickt werden, dann aber abhauen und ihr eigenes Abenteuer entwickeln, erzählt sie aus der Sicht einer 15-Jährigen.

Ihren literarischen Durchbruch erlebte Kirsten Fuchs, die in Karl-Marx-Stadt geboren, aber in Berlin aufgewachsen ist, 2003, als sie den Open Mike gewann. Der Preis der Literaturwerkstatt Berlin gilt als einer der wichtigsten Auszeichnungen für literarische Neuentdeckungen. Vor Kirsten Fuchs hatten ihn schon Julia Franck und Terézia Mora gewonnen.

Unterwegs in Berlin findet sie Material für ihre Werke

Geschrieben hat Kirsten Fuchs schon immer gern, aber dass daraus ihr Beruf werden würde, konnte sie sich lange nicht vorstellen. Nach dem Abitur hatte sie ein Literaturstudium angefangen, aber schon nach einem Semester abgebrochen. Statt dessen absolvierte sie eine Tischlerlehre, danach wollte sie Möbel restaurieren. Aber dann kam der Open Mike. Seitdem ist sie Mitglied verschiedener Lesebühnen, gründete selbst eine in Moabit: „Fuchs und Söhne“ und hat inzwischen mehrere Bücher und veröffentlicht.

Als Autorin fühlt sie sich in Berlin gut aufgehoben. Klar sei die Konkurrenz sehr groß, aber dafür habe sie hier viel Kontakt zu Kollegen und schätzt diesen Austausch. „Außerdem lässt sich in Berlin so vieles beobachten, und Beobachtungen sind schließlich mein Material“. Kirsten Fuchs ist viel unterwegs in der Stadt, oft auch mit ihrem Hund und der sechsjährigen Tochter. Selbst zum Schreiben verlässt sie oft ihre Wohnung in Tempelhof und setzt sich in ein Café oder die Bibliothek. Und wenn ihre Tochter im Sommer eingeschult wird, kann sie auch ihre Schulbesuche wieder aufnehmen. Vielleicht findet sie dort auch Stoff für ein neues Kinderstück.

Grips bekommt im Sommer einen neuen künstlerischen Leiter

Die Uraufführung von „Hicks“ ist die letzte Premiere unter der Künstlerischen Leitung von Stefan Fischer-Fels. Nach Unstimmigkeiten mit Volker Ludwig, Grips-Gründer und Geschäftsführer des Theaters, beendete er seinen Vertrag vorzeitig und übernimmt mit der neuen Spielzeit wieder die Leitung des Jungen Schauspielhauses Düsseldorf. Diese Position hatte er auch schon vor dem Grips-Theater inne. Mit Fischer-Fels werden auch fünf der 13 Schauspieler, die derzeit zum Ensemble gehören, wechseln. Die künstlerische Leitung des Grips-Theaters wird ab Sommer der bisherige pädagogische Leiter des Hauses, Philipp Harpain, übernehmen.

Die nächsten Vorstellungstermine von „Hicks“ im Grips am Hansaplatz, Altonaer Straße 22, Tiergarten: 31. Januar, 16 Uhr, 18., 19. Februar, 10 Uhr, 20. Februar, 16 Uhr. Karten: 10, ermäßigt 7 Euro, weitere Termine unter grips-theater.de/programm