Sicherheit

Wie die Berliner nach den Übergriffen von Köln aufrüsten

Nach den sexuellen Übergriffen von Köln und den Anschlägen in Paris wollen sich viele Berliner schützen. Besuch in einem Waffenladen.

Pavel Sverdlov in seinem Geschäft „Soldier of Fortune“ an der Frankfurter Allee. Scharfe Waffen gibt es bei ihm nicht. Dafür aber Sprays und Schreckschusspistolen

Pavel Sverdlov in seinem Geschäft „Soldier of Fortune“ an der Frankfurter Allee. Scharfe Waffen gibt es bei ihm nicht. Dafür aber Sprays und Schreckschusspistolen

Foto: Jörg Krauthöfer

„Wegen der aktuellen Situation“, sagt die zierliche Anne im Waffengeschäft an der Frankfurter Allee, „will ich etwas bei mir haben, das mich schützt.“ Die 29-Jährige mit blonder modischer Frisur und Fellkragen am Parka ist eine von jenen Berlinern, die derzeit ein erhöhtes Gefühl von Unsicherheit verspüren. Mehr als zwei Dutzend Menschen werden von Mittag bis zum frühem Abend den stadtbekannten Laden „Soldier of Fortune“ in Friedrichshain betreten. Alle wollen sich in irgendeiner Form absichern. Als Grund nennen jene, die ihr Motiv preisgeben, Angst in Folge der gewalttätigen und sexuellen Übergriffe am Silvesterabend in Köln.

Dem Geschäft von Pavel Sverdlov an der Frankfurter Allee ist der Trend anzusehen. Alle vier Ebenen einer hohen Wandvitrine links der Tür sind leer. Darin befinden sich üblicherweise Schreckschusspistolen. Aber: ausverkauft. Im gläsernen Tresen gegenüber sind bei den Pfefferspray-Produkten nur noch die Preiskärtchen übrig. Und zwei Sorten zwischen 26 und 30 Euro – um ein Vielfaches teurer als die gängige Ware. Im Pappkarton zu Füßen der drei Verkäufer werden am Abend nur noch fünf Flaschen übrig sein.

Selbst den Händlerverband verwundert die Nachfrage

„Wir waren ein Männershop“, sagt Chef Sverdlov, 38. „Das hat sich geändert.“ Viele Frauen kommen mit ihrem Partner. Etwa Slavistik-Studentin Lene und ihr Freund Max, einem Mechatroniker mit rauen Arbeitsschuhen. Beide sind 26 Jahre alt und wohnen in Lichtenberg. Max sagt: „Ich würde Lene gern in der Dunkelheit von der Uni oder vom Bus abholen. Aber das geht zeitlich nicht“ Warum sie Schutz wollen? „Wegen Köln“, sagt Max. Und weil ein Freund, der „als Wächter am Flüchtlingsheim arbeitet“ von Auseinandersetzungen mit den Bewohnern erzählt habe.

>> Nachfrage nach Kleinem Waffenschein in Berlin vervierfacht

Die 45-Jährige Bettina aus Lichtenberg sagt, während sie im dezent ausgeleuchteten und mit Glas, Chrom und Spiegeln eingerichteten Geschäft in der Warteschlange steht, ihr Mann habe sie und die Schwiegertochter bereits mit Spray ausgestattet. „Unsere Söhne tragen Quarzhandschuhe.“ Diese haben Füllungen im Handrücken- und Knöchelbereich, etwa Granulat aus Stahl und Blei sowie Quarzsand. „Köln und die Tatsache, dass das noch immer nicht aufgeklärt ist, hat uns Angst gemacht“, sagt Bettina.

Eine Frau in Schwarz mit Nasenring und Nieten auf der Jacke tritt an den Tresen, fragt nach Pfefferspray und einem Elektroschockgerät. Der 61 Jahre alte Handelsvertreter Uwe interessiert sich indes für einen Teleskopschlagstock, der mit einer Handbewegung ausfahrbar ist. „Ich bin wegen der Geschehnisse im öffentlichen Bereich hier“, sagt er umständlich. 30.000 Kilometer lege er in Deutschland dienstlich pro Jahr zurück. „Verstärkt wegen der Flüchtlingssituation“ wolle er da etwas haben, um sich sicherer zu fühlen. „Mit dem Schlagstock kann ich mir jemanden 50 Zentimeter vom Leib, damit der versteht: Freundchen, komm’ mir nicht zu nahe.“

Die Nachfrage wächst weiter

Die zunehmende Selbstbewaffnung schlägt in Branche und Sicherheitsbehörden Wellen. Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der Hersteller von Jagd-, Sportwaffen und Munition sagt: „Nach dem, was man hört, läuft der Abverkauf in diesem Bereich gut.“ Ingo Meinhard, Geschäftsführer beim Verband Deutscher Büchsenmacher und Waffenfachhändler e.V. hat „mindestens eine Verdoppelung“ der Verkaufszahlen der sogenannten Abwehrmittel von 2015 gegenüber 2014 beobachtet. „Der Tag der Terroranschläge von Paris, der 13. November, war der markante Punkt“, sagt Meinhard.

Die Kölner Übergriffe hätten zu einem weiteren Anstieg geführt. „Was uns dann aber überraschte: Statt danach konstant zu bleiben, wächst die Nachfrage“, so Meinhard. Bei Internetkaufhaus Amazon waren am Dienstag in der Ru- brik „Camping & Outdoor“ sechs der zehn bestverkauften Waren Pfeffer- und CS-Sprays sowie ein Alarmerzeuger in Form eines Schlüsselanhängers.

Die Berliner Polizei beobachtet einen Anstieg von Anträgen für den sogenannten Kleinen Waffenschein. Dieser berechtigt dazu, Schreckschuss-, Reizstoff- und Signalwaffen auch außerhalb der eigenen vier Wände zu tragen. 2014 waren es 527 Anträge, 2015 waren es 816. Bis zum 20. Januar dieses Jahres gab es bereits 103 Anträge. Das bedeutet, dass immer mehr Menschen in Berlin mit Schusswaffen unterwegs sind, die sich nur aus der Nähe als nicht scharf erkennen lassen.

Verbandsgeschäftsführer Meinhard sagt, die Nachfrage von Selbstverteidigungsprodukten nehme naturgemäß bei Anbruch der dunklen Jahreszeiten zu. Was man jetzt erlebe übersteige aber alle früheren Erfahrungen. Überall gebe es Zeichen einer erhöhten Unsicherheit der Menschen in Deutschland: „Ich höre vom Filialchef einer Bank, der seine Mitarbeiter mit Spray ausrüstet“, sagt Meinhard. „Zudem fallen uns Sprays ohne offizielle Kennzeichnung auf, die plötzlich an Tankstellen verkauft werden.“

Nach Silvester ist in Berlin die Stimmung gekippt

Die Hersteller zugelassener Produkte können nicht mehr Schritt halten mit der Nachfrage. Bei Händler Sverdlov, der keine erwerbsscheinpflichtige Waffen verkauft – der Volksmund nennt sie „scharfe Waffen“ – kündigten Lieferanten eine Wartezeit von ein bis zwei Monaten an.

Anfang des Jahres noch hatte er eine Kiste mit 50 Sprays in Form von Lippenstiften im Geschäft. „Am 6. Januar war alles weg.“ Selbstschutzware, die früher einen Monat bei ihm lagerte, war binnen drei Tagen vergriffen. „Nach Silvester ist in Berlin die Stimmung gekippt“, sagt Sverdlov.

Seitdem hatte er Besuch von internationalen Fernsehsendern aus England, den USA und seiner ehemaligen Heimat Russland. Inzwischen hat er den deutschen Pass. Viele ehemalige Landsleute kaufen bei ihm ein. Etwa Eugen, der seit Mitte der 90er-Jahre in Deutschland lebt. Der 31-jährige sehnige Mann aus Hellersdorf mit blondem Seitenscheitel und blauem Markenparka ist Soldat. „Ich sorge mich um meine Frau“, sagt er. Natalia, 34 und er schauen in die beinahe leere Vitrine. „Ich möchte keine Angst haben um sie und unser Kind wenn ich bei der Arbeit bin“, sagt Eugen, der wie alle Kunden, denen wir an diesem Tag begegnen weder seinen Nachnamen noch sein Foto in der Zeitung sehen will. Pavel Sverdlov erklärt ihm, dass es mit dem Nachschub nach dauern wird. „Dann rufe ich an“, sagt Eugen. „Wir kommen wieder.“