Berlin

Ein Tag im neuen Badezimmer der Wohnungslosen

So funktioniert das Hygienecenter am Bahnhof Zoo im Alltag

Menschenwürde fängt mit fließend Wasser an. Saubere Toilettenschüsseln verheißen Zivilisation. Und im Hygienecenter der Bahnhofsmission am Zoo befreien sich täglich bis zu 120 obdachlose Gäste vom Schmutz der Straße. Unter der heißen Dusche entgehen sie 20 Minuten lang dem Frost. Das Projekt ist deutschlandweit einmalig.

Wer im Hygieneraum am Bahnhof Zoo einkehrt, muss das Einfachste neu lernen. Und die Regeln des Toilettengangs gehören zu den allerersten Lektionen. "Sie sind eben große Kinder. Unsere Schutzbefohlenen", sagt Dieter Puhl. Als Leiter der Bahnhofsmission kennt er die Befindlichkeiten derer, die sich bisher in einen Winkel der Jebensstraße hockten, um ihre Notdurft zu verrichten. Seit dem 3. Dezember 2015 ist das nicht mehr nötig. Seit diesem Tag warten auf jeden, der es nötig hat, Duschen, Waschbecken und Toilettenschüsseln. Kostenlos. 300.000 Euro nahm die Deutsche Bahn in die Hand, um gleich neben der Bahnhofsmission das jahrelang herbeigehoffte Hygienecenter einzurichten.

Aber wie sieht der Alltag aus im ersten Obdachlosenbadezimmer Deutschlands? Fast reibungslos, urteilt Dieter Puhl. 90 bis 120 Gäste dürfe man täglich begrüßen, darunter 30 Frauen. "Ohne unsere hohen Hygienestandards ginge natürlich noch mehr", erklärt der Hausherr. "Aber wenn wir nicht ständig desinfizieren, blüht uns mindestens Fußpilz." Geputzt wird also nach jeder Badbenutzung, ausnahmslos. Dieser Turnus kostet natürlich nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Eine professionelle Reinigungsfirma macht täglich von 10 bis 18 Uhr fortwährend klar Schiff.

Obgleich die Bahnhofsmission maßgeblich von Freiwilligen und Spenden lebt, darf sie an einem nicht sparen: an der Sauberkeit. So zahlt der Berliner Senat die jährlichen Betriebskosten des Hygienecenters in Höhe von 150.000 Euro. Wenn man die Öffnungszeiten auch nur um eine Stunde pro Tag im Jahr verlängern wollte – und das will Puhl unbedingt – bräuchte man 18.000 Euro an privaten Spenden.

Das Interesse am ThemaHygiene für Obdachlose ist groß

Ganz aussichtslos dürfte der Wunsch nicht sein. Denn: "Das Interesse am Thema Hygiene für Obdachlose grenzt sowieso schon an ein Wunder." Eltern mit pubertierenden Kindern kommen vorbei, um sich dieses Badezimmer anzuschauen. "Wir haben auch der Politik gezeigt, dass man mit einem heiklen Thema wie der Notdurft von Obdachlosen punkten kann", freut sich der Missionsleiter.

"Das hätte es aber schon eher geben müssen", brummt Norman. Als Stammnutzer nimmt sich der junge Mann, der in einem nahegelegenen Straßenwinkel haust, seit dem 3. Dezember täglich eine halbe Stunde Zeit für die Körperpflege. Seine Frau Anja braucht ein wenig länger. Vor allem, wenn sie sich vor Ort auch im "Salon Franziska" kostenlos frisieren lässt. "Ein riesiger Fortschritt", sagt Anja. "Man kommt beim Duschen auch sehr schnell dran." Was man aus ihrer Sicht am Hygienecenter noch verbessern könnte? "Zum Beispiel die Manieren der Nutzer", sagt sie.

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