Absurdität in Neukölln

Warum ein Schild seit fünf Jahren Straßenschäden anzeigt

Alles kaputt – darauf weist schon seit fünf Jahren ein Schild in Neukölln hin. Und nichts passiert. Der Baustadtrat erklärt, warum.

Das Corpus Delicti an der Weserstraße Ecke Roseggerstraße

Das Corpus Delicti an der Weserstraße Ecke Roseggerstraße

Foto: Steffen Pletl / BM

Dass in Berlin nicht immer alles funktioniert, daran haben sich die Berliner gewöhnt. Sie wissen, dass sie eben ein halbes Jahr oder mehr einplanen müssen, wenn sie einen Reisepass beantragen wollen. Und sie wissen, dass sie noch eine ganze Zeit von Tegel oder dem alten Airport Schönefeld starten müssen, wenn es per Flugzeug in den Urlaub geht.

Ja, es ist nicht alles perfekt in der Stadt. Dafür steht gewissermaßen auch ein Straßenschild in Neukölln, das derzeit durch die sozialen Netzwerke zirkuliert. Der aufmerksame Verkehrsteilnehmer erfährt darauf, dass es an der Weserstraße Ecke Roseggerstraße für ihn vielleicht nicht ganz ungefährlich ist: Achtung vor Straßenschäden, Radwegschäden, Gehwegschäden.

„Berlin ein einem Bild“ schrieb die Berliner Journalistin Maike Wetzel ironisch dazu, die ein Foto des Schildes am 31. Dezember beim Kurznachrichtendienst Twitter postete. Das Bild wurde hundertfach kommentiert und geteilt. Auch die Berliner Morgenpost griff das Foto auf.

Anruf beim zuständigen Baustadtrat

Für das Schild zuständig ist Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD). Neu ist die ganze Angelegenheit für ihn nicht. „Das Schild steht schon seit 2010 dort“, klärt er im Gespräch mit der Berliner Morgenpost auf. „Und wie es aussieht, wird es auch noch eine ganze Weile dort stehen.“

Warum das so ist? „Naja“, sagt Blesing, „wir stellen so ein Schild ja nicht auf, weil wir es lustig finden. Sonst weil es tatsächlich einen ganz ernsten Grund dafür gibt.“ Seine Behörde sei schließlich für die Verkehrssicherheit zuständig. „Und wir tun, was wir tun müssen, um Verletzungen auszuschließen“, sagt er.

Ein weiterer wichtiger Grund sei aber auch juristische Absicherung. Gerade in letzter Zeit komme es immer häufiger vor, dass Menschen, die sich wegen einem Schlagloch eine Macke in ihr Auto gefahren haben, ihren Anwalt konsultieren. Und den Bezirk verklagen. Wenn es keinerlei Warnhinweise gibt, haben sie vor Gericht mitunter Erfolg. „Und um diese Dinge auszuschließen, stellen wir eben die Schilder auf“, so Blesing.

Eine Inflation von Warnschildern

Deshalb prophezeit er, dass in Zukunft immer mehr solcher Schilder geben wird. „Es wird überall dort eine Inflation dieser Schilder geben, wo man als Tiefbauamt befürchten muss, haftbar gemacht zu werden.“

So weit, so verständlich. Doch eine Frage bleibt: Warum saniert man die Straßen nicht einfach? Ja, sagt Blesing, punktuell werde ja auch mit Kaltasphalt und anderen Methoden repariert. „Das Geld für eine richtige Straßensanierung habe ich aber nicht“, gibt der SPD-Politiker zu. Sein Etat für alle Neuköllner Straßen betrage zwei Millionen Euro im Jahr. Da bleibe auf den einzelnen Kilometer gerechnet nicht mehr viel übrig. „Und wenn man ehrlich ist, gibt es in Neukölln auch wichtigere Straßen als diesen Teil der Weserstraße.“ Na gut.

Fazit also: Das Neuköllner Schild ist keine Ausnahme – und wird auch in nächster Zeit reichlich Zuwachs bekommen. Gerade nach Frostphasen gibt es oft neue Schäden an den Straßen. Baustadtrat Blesing warnt schon einmal vor. „Überall, wo sich eine Gefahrenquelle ergeben könnte, stellen wir ein Schild auf“.

Am besten immer schön vorsichtig fahren.