Bowie in Berlin

David Bowie: Von der Rock-'n'-Roll-Hölle in die Mauerstadt

| Lesedauer: 3 Minuten
Patrick Goldstein

Zum Tod von David Bowie veröffentlichen wir eine dreiteilige Serie, die das Leben der Pop-Ikone in Berlin zeigt. Der erste Teil.

Die Nachricht vom Tod David Bowies war allgegenwärtig in Berlin. Ob man auf der UKW-Skala hoch oder herunterfuhr: Immer erklang auf einem Sender eines seiner Stücke. Im Internet verabredeten sich Fans zu Trauerfeiern. Vor der Gitarre Bowies im Hard Rock Café am Kurfürstendamm blieben immer wieder Fans vor Signatur und Beschreibung stehen.

Viel Musik ist 1976 und 1977 während seiner Aufnahmen in den Berliner Hansa Studios entstanden. An seiner in der Zeit sogenannte Berlin-Trilogie der Alben „Low“, „Heroes“ und „Lodger“ wurde auch seine jüngste, letzte, am Freitag erschienene Platte „Blackstar“ gemessen.

Berliner trauern um David Bowie
Berliner trauern um David Bowie
Video: BM Video

Es waren Jahre, in denen er der Dauerbedröhnung mit Kokain, Zeichen schwerer Paranoia und einem neben den psychischen auch physischen Verfall entfliehen wollte. Seitdem er mit John Lennon an der Seite mit der Disko-stomper „Fame“ einen Nummer-eins-Hit gelandet hatte, war der blasse Boy aus Brixton neuer King of America.

Das bekam ihm nicht. In seinem Haus in Los Angeles studierte er bei zugezogenen Vorhängen die mystische Lehre der Kabbala, Freimaurertum, Okkultistische Vorlieben der Nazis und einmal ließ er einen Exorzisten rufen, damit jemand dem Pool den Teufel austreibt. „David war nicht wirklich verrückt“, schreibt seine damalige Frau Angela. „Die verrückten Sachen passierten erst, wenn er enorme Mengen Kokain, Alkohol und wer weiß was noch einnahm.“ Den Bowie von damals zeigt die Dokumentation „Cracked Actor“ von 1975, nachzusehen auf YouTube. Als ein Regisseur den irgendwie außerirdisch wirkenden Rockstar im Fernsehen sieht, beschließt er, den Hauptdarsteller für seinen Film „Der Mann der vom Himmel“ fiel gefunden zu haben. Bowie als weltfremder Marsianer. Das passte, fand Roeg. Später wird Bowie erzählen, dass er mehrfach dem Tod sehr nahe gekommen sei. Gerade noch genug Kraft hat er, um nach der nächsten Tour die Rock ‘n’ Roll-Hölle von L.A. für immer zu verlassen.

Vielleicht, so vermutet der Berliner Fotograf Jim Rakete, habe Bowie an Berlin Geschmack gefunden, als sein Zug 1973 auf dem Rückweg aus Asien Stopp auf dem Bahnhof Zoo machte. Fans versammelten sich vor dem Abteil. Auf Rakete machte Bowie einen charmanten Eindruck: „Das war ein ganz höflicher junger Mann, der uns die Passagiere neben sich vorstellte, ein älteres Ehepaar, das gar nicht genau wusste, wer er ist“, so Rakete. Das seien Herr und Frau Schulze, habe Bowie erklärt, er habe gerade seine Vitaminpillen gegen ihre Zigaretten getauscht. Vielleicht hatte ihn auch die Begegnung im Januar 1976 mit Christopher Isherwood inspiriert. Der zwischen den Weltkriegen in Schöneberg gelebt hatte. Aus den Erinnerungen wurde später das Musical „Cabaret“.

Am 18. Mai 1976 ging mit einem großen Fest in Paris Bowies aktuelle „Isolar“-Tour zum Album „Station to Station“ zu Ende. Bowie-Biograf Paul Trynka schreibt, Bowie habe den größten Teil der Party damit verbracht, „mit Romy Haag herumzuknutschen“.