Obdachlose

Die "Unsichtbaren" werden in Köln sichtbar

Die Ausstellung "Die Unsichtbaren" der Berliner Morgenpost über Obdachlose kommt nach Köln – und unterstützt die Bahnhofsmissionen.

Die Ausstellung "Die Unsichtbaren" kommt nach Köln. Der Fotograf Reto Klar und die Autorin Uta Keseling

Die Ausstellung "Die Unsichtbaren" kommt nach Köln. Der Fotograf Reto Klar und die Autorin Uta Keseling

Foto: Pressebild.de/Bertold Fabricius

Als wir im Dezember am Brandenburger Tor unsere Weihnachtsreportage machten, stand plötzlich ein Mann vor uns und winkte fröhlich in die Kamera. Fast hätten wir ihn nicht erkannt. War das nicht... ? Doch, er war es. Der junge Mann hat sich verändert. Vor fast zwei Jahren hatten wir ihn noch als Ronny, den Punk mit buntem "Irokesen" an der Bahnhofsmission am Zoo kennengelernt. Als einen jungen Mann, der auf der Straße lebte und oft ziemlich verzweifelt war. Damals recherchierten wir für eine Reportage, aus der dann ein Buch und eine Ausstellung wurden: In "Unsichtbar – vom Leben auf der Straße" erzählen 52 Obdach- und Wohnungslose von ihrem Leben. Was ist aus ihnen geworden?

Ronny ist älter geworden, reifer, 29 Jahre ist er jetzt alt. Immer noch taucht er ab und zu in der Bahnhofsmission auf, dort hat er Freunde, nicht nur unter den Gästen, sondern auch unter den Helfern. Die geben ihn nicht auf, seit Jahren nicht. In der Einrichtung an der Jebensstraße werden täglich bis zu 600 Bedürftige versorgt. Neben den vielen Ehrenamtlichen kümmern sich auch Sozialarbeiter um Gäste in besonders schwierigen Lebenssituationen. Menschen, deren gesundheitliche, juristische und finanzielle Probleme oft extrem verfahren und kompliziert sind. Wenn Menschen sich selbst aufgegeben haben und niemand mehr durchschaut, wo man überhaupt anfangen soll zu helfen, sind die Mobilen Einzelfallhelfer da, um Menschen wie Ronny aufzufangen, der seit seiner Kindheit immer wieder auf der Straße lebte.

Weg zurück ins Leben

Manchmal gelingt es dann tatsächlich, jemandem auf dem Weg zurück ins Leben zu helfen. Klaus W. war schwer alkoholabhängig und bereits mehrmals im Entzug. "Bei mir war es fünf nach Zwölf", sagt er rückblickend. Heute lebt er nicht mehr in Berlin, sondern in einer Einrichtung für Suchtkranke in Brandenburg. Er plant die Rückkehr in ein Leben mit Arbeit und eigener Adresse (wir berichteten).

Von anderen "Unsichtbaren" gibt es dagegen nur Trauriges zu berichten. Mindestens zwei sind gestorben. Einige waren zwischenzeitlich inhaftiert, meist wegen Delikten wie Schwarzfahrens – wer seine Strafe nicht zahlt, muss in den Knast. Von manchen unserer "Unsichtbaren" haben weder die Helfer noch wir je wieder gehört.

Unsichtbare mitten in der Stadt

Woher wir das wissen? Die "Unsichtbaren" leben zwar am Rand der Gesellschaft, aber mitten in der Stadt. Gerade am Bahnhof Zoo, in dessen Nähe auch die Berliner Morgenpost ihre Redaktionsräume hat, halten sich oft hunderte Menschen auf, die keine Wohnung mehr haben. Die einen leben unter Brücken oder an Bushaltestellen. Manche sind verwahrlost, andere würde man im Alltag höchstens dann als Obdachlose erkennen, wenn einem auffällt, dass sie sich rund um die Uhr am Bahnhof Zoo aufhalten.

Bahnchef Rüdiger Grube engagiert sich

"Unsichtbar" bleiben viele dieser Menschen aber auch deshalb, weil man als Passant oft einfach über sie hinwegsieht. Auch dies war die Idee der Ausstellung und des Buches: Diesen Menschen ihr Gesicht und den Namen zurückzugeben, ihnen im Wortsinn auf Augenhöhe zu begegnen. Unterstützung fand die Idee bei der Deutsche Bahn Stiftung, deren Beiratsvorsitzender Bahnchef Rüdiger Grube ist. Er eröffnete im Herbst 2014 persönlich die Wanderausstellung im Berliner Hauptbahnhof, die die Stiftung ermöglichte und die seitdem durch ganz Deutschland unterwegs ist. Wohlfahrtsorganisationen, sagte Grube damals, hätten ein Experiment gemacht, bei dem Menschen sich auf der Straße als obdachlos ausgaben "und teilweise nicht einmal von ihren engsten Vertrauten erkannt wurden". Die Fotoausstellung solle diesen Bann brechen. "Ich freue mich, dass in diesen Bildern ,Unsichtbare' sichtbar werden."

15. Station der Ausstellung in der Domstadt

Seitdem sind die Bildtafeln durch 14 Bahnhöfe von Großstädten getourt, haben dort zu Nachdenken und auch Diskussionen geführt. Als 15. Station werden die großformatigen Tafeln ab 14. Januar im Kölner Hauptbahnhof zu sehen sein. Zur Eröffnung hat sich die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker angekündigt.

30.000 Obdachlose in Deutschland

Die Zahl der Obdachlosen wird in ganz Deutschland auf etwa 30.000 geschätzt, in Berlin leben bis zu 6000 Menschen auf der Straße. Zwar bieten die Einrichtungen der Berliner Kältehilfe in diesem Jahr rund 700 Notübernachtungsplätze an. Doch das reiche nicht aus, befürchten die Mitarbeiter. In dem Bündnis, das regelmäßig mit Spenden von Berliner helfen unterstützt wird, kümmern sich rund 30 soziale Einrichtungen wie Kirchen, Nachtcafés und Tagesstätten um Menschen auf der Straße. Außerdem sind die Kälte- bzw. Wärmebusse der Stadtmission und des Roten Kreuzes unterwegs zu Menschen, die trotz der Witterung draußen übernachten.

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