Berlin

Mehr Angebote für leistungsstarke Schüler

Schulleiter wollen weitere Gymnasien ab der fünften Klasse. SPD hält die Zahl für ausreichend

Sollen Kinder so lange wie möglich gemeinsam lernen oder sollen leistungsstarke Schüler so früh wie möglich am Gymnasium gefördert werden? In der Berliner Bildungspolitik ist das seit Jahren eine Glaubensfrage. Mit dem beginnenden Wahlkampf gerät das Thema nun wieder auf die Tagesordnung.

Die CDU fordert mehr Angebote von fünften und sechsten Klassen an Gymnasien. Stefan Schlede, Bildungsexperte der Partei, sagte der Berliner Morgenpost, dass diese Forderung Teil des Bildungsprogramms der CDU sei und somit zum Wahlprogramm seiner Partei gehören werde. Ziel sei es, Eltern eine größere Wahlfreiheit zu schaffen. „Voraussetzung dafür ist natürlich eine vorhandene Nachfrage auf Seiten der Eltern und die Tatsache, dass das jeweilige Gymnasien über genügend Räumlichkeiten verfügt“, sagte Schlede.

Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Oberstudiendirektoren, sagte, dass es in Berlin seit 1952 keine derartige Forderung einer politischen Partei mehr gegeben hat. „Dort, wo Eltern und Schule sich einig sind, muss es aber das Angebot geben, das Gymnasium ab Klasse fünf besuchen zu können“, sagte Treptow der Berliner Morgenpost. Die Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur habe dazu geführt, dass Schülerinnen und Schüler in Berlin nur noch sechs Jahre an einem Gymnasium lernen, wenn es kein grundständiges Gymnasium ist. Das sei zu wenig Zeit, so Treptow.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hält das Berliner Angebot an grundständigen Gymnasien hingegen für ausreichend. Sie ist auf Linie ihrer Partei, die sich für ein langes gemeinsames Lernen aller Schüler einsetzt. „An der sechsjährigen Grundschule werden wir festhalten“, sagte sie der Berliner Morgenpost. Außerdem sei die Nachfrage nach grundständigen Gymnasien längst nicht so groß wie behauptet. Vorhandene Angebote würden gar nicht immer ausgeschöpft. Im laufenden Schuljahr seien von 2088 Plätzen an den grundständigen Gymnasien nach bisherigem Stand noch 328 Plätze frei.

Oberschulen sollen selbst über Klassenzüge entscheiden

Gymnasialschulleiter dagegen unterstützen die Forderung der CDU. Die Berliner Vereinigung der Oberstudiendirektoren hat auf ihrer Mitgliederversammlung im November dafür plädiert, dass die Entscheidung darüber, wie viele Züge ab Klasse fünf und wie viele ab Klasse sieben eingerichtet werden, den Gymnasien selbst überlassen wird.

Die Schulleiterin des Dathe-Gymnasiums, Helmke Schulze, hält den Vorschlag für sinnvoll. Sie sagte der Berliner Morgenpost, wenn eine Schule das wolle und ein entsprechendes Konzept habe, sollte das genehmigt werden. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Schüler besser auf das Abitur vorbereitet werden, wenn sie bereits nach der vierten Klasse an ein Gymnasium wechseln“, sagte sie. Wichtig sei allerdings, dass es an den grundständigen Gymnasien genug Lehrer gebe, die über ein gewisses Maß an Grundschulpädagogik verfügten. Die Schulleiterin geht davon aus, dass es gar nicht so viele Eltern sind, die einen früheren Wechsel ihrer Kinder an die Oberschule wünschen. Eltern sollten aber die Wahlfreiheit haben.

In Berlin gibt es bereits 44 Gymnasien, die grundständige Züge ab der fünften Klasse anbieten, dazu gehören die sieben Schnelllerner-Gymnasien, sowie weitere Gymnasien, die größtenteils ein Sprachprofil oder einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben. Erziehungswissenschaftler Rainer Lehmann hält den Wechsel nach der vierten Klasse an das Gymnasium für eine kleine Gruppe von Schülern für durchaus vernünftig. Vor einigen Jahren hatte der Professor der Humboldt-Universität mit seiner Element-Studie für heftige Diskussionen gesorgt.

Die Studie hatte gezeigt, dass die Sechstklässler am Gymnasium ihren Altersgenossen an den Grundschulen gegenüber einen Lernvorsprung von zwei Jahren haben. Allerdings hatten sie diesen Vorsprung auch schon in der vierten Klasse der Grundschule. Am Gymnasium konnten sie den Abstand dann trotz Zusatzbelastung halten. „Für besonders leistungsstarke Schüler, die sich an der Grundschule nicht ausgelastet fühlen, ist der vorzeitige Wechsel an das Gymnasium nach wie vor sinnvoll“, sagte Lehmann. Die individuelle Förderung von Begabungen an der Grundschule habe sich seit seiner Studie im Jahr 2008 nicht grundlegend geändert. Es gebe Kinder, die würden unter Langeweile in der Grundschule leiden. Die Zahl sei allerdings begrenzt. Lehmann geht davon aus, dass maximal zehn Prozent der Schüler eines Jahrganges zu dieser Gruppe zählen.

Früher Wechsel kann aber auch zu einer Belastung werden

Für Kinder, die weniger leistungsstark sind, könne der Wechsel in die grundständigen Gymnasien zur Belastung werden, denn immerhin müssten sie dort zusätzliche Fächer, wie Sprachen oder Naturwissenschaften belegen. Die Eltern sollten die Entscheidung deshalb sorgfältig abwägen, sagte Lehmann.

Der Landeselternausschuss plädiert dafür, die Zahl der Plätze an grundständigen Gymnasien nicht zu begrenzen, sondern am Bedarf auszurichten. Das gemeinsame Lernen an den Grundschulen sehe er dadurch nicht gefährdet, sagte Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses. Schließlich würden häufig schon Aufnahmetests dafür sorgen, dass nur besonders begabte Schüler dieses Angebot nutzen können. „Wenn diese Schüler in der fünften Klasse keinen Platz am Gymnasium bekommen, konkurrieren sie in den siebten Klassen mit den anderen durchschnittlichen Bewerbern und verringern dadurch deren Chancen an gefragten Schulen“, sagte Heise.