Rockstar

400 Berliner Fans feiern Bowies neues Album "Blackstar"

Ein neues Album und der 69. Geburtstag: Im Kreuzberger Meistersaal feiern 400 Gäste den Mann, der einst um die Ecke lebte.

Zum ersten Mal im Meistersaal, wo ihr Idol einst sang: Diane und Dominique  Wolf

Zum ersten Mal im Meistersaal, wo ihr Idol einst sang: Diane und Dominique Wolf

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Finanzbeamtin hat für den Anlass eine schwarze Lederjacke gewählt. Hinter ihr trägt eine Dame im Seniorenalter, die später ein erotisches Geheimnis enthüllen wird, ein wallendes Kunstsamt-Oberteil zu enger schwarzer Hose. Andere haben mit Make-up experimentiert oder zeigen schon in der Warteschlange trotz winterlicher Kälte kühn nackte Haut mit Tattoos ihres Idols.

Passanten könnten meinen, Darstellern für eine Revue über das Berlin der 70er- und 80er-Jahre zu begegnen. Doch es sind Fans, die anstehen, um in den Sälen, wo David Bowie einst das Album „Heroes“ aufnahm, zu seinen Ehren eine Party zu feiern. Die Unauffälligen werden bei Lieblingstiteln lautlos die Lippen bewegen, die Herausgeputzten durch prunkvolle Räume schreiten wie auf einem Hollywood-Ball. Heute sind sie die Helden. Für eine Nacht.

„Manchmal muss ich weinen“

„Wenn ich seine Musik höre“, sagt Diane Wolf, „kehren Erinnerungen zurück. Von meiner Jugend. Von meiner ersten Liebe. Manchmal muss ich weinen.“ Die Frau von der Steuerbehörde ist Jahrgang 1961 und hat sich heute für Hotpants entschieden. „Daran, wie die Leute auf meinen Stil reagieren, merke ich, wie sie drauf sind“, sagt sie.

Gut 400 Menschen haben 20 bis 50 Euro bezahlt. Geladen ist zur offiziellen Veröffentlichung des Bowie-Albums „Blackstar“. Daneben jährt sich zum 69. Mal des Meisters Geburtstag. „In aller Welt feiern gerade die Fans“, sagt Diane Wolf. An den Songs, die er Mitte der Siebziger in Berlin auf LP brachte, misst ihn die Musikkritik bis heute. So gibt es außer seinem New Yorker Penthouse heute wohl keinen passenderen Ort für Bowies Birthday Party.

Dianes Tochter Dominique, die um die Ecke von Bowies ehemaliger Schöneberger Wohnung lebt und wegen des besonderen Abends tagsüber noch einmal ordentlich die Haare nachgefärbt hat, blickt ins Halbdunkel des „Meistersaals“, wo man in stillen Gesprächen darauf wartet, dass jemand die neue CD anstellt. „Hier hat er ,Heroes’ gesungen?“, fragt sie 24jährige Studentin.

Nach dem Interview durfte Sarah bei ihm einziehen

1913 als Verbandshaus der Baugeschäfte von Groß-Berlin fertiggestellt, wurden im Saal anfangs die Meisterbriefe der Bauhandwerker verliehen. Eine Galerie zeigte Bilder von George Grosz, einmal las Kurt Tucholsky im Haus. 1943 schlugen Bomben ein und noch 1977 war die Decke über David Bowie mit einem Stahlnetz bespannt, damit er seine Lieder von Steinschlag unbeeinträchtigt singen konnte.

Im stuck- und messingverzierten Foyer, wo nun Platten und Souvenirs verkauft werden, steht Bowies einstiger Tonmeister Eduard Meyer. „Draußen vor der Tür lagen zu meiner Zeit noch Stahlträger des abgerissenen Hauses Vaterland“, sagt der 72-Jährige. Wie er als Zugereister Nordrhein-Westfale seine neue Heimat fand? „Hier war tote Hose“, sagt er. „Mauerstadt, eben.“ Im Meistersaal brandet indes Applaus auf. Veranstalter Thilo Schmied holt Gewinner einer Tombola auf die Bühne.

„Seit einiger Zeit“, sagt Meyer, „antwortet David nicht mehr auf meine Emails.“ Sarah, 63, die sich bei unserem Gespräch einfach mal dazu gestellt hat, kommentiert: „Dem geht’s nicht gut.“ Dann erzählt sie drauflos. Wie sie 1970 als Musikjournalistin Bowie für ein Teeniemagazin daheim in London interviewen sollte und dann gleich für zehn Tage bei ihm einzog. „In Berlin waren wir auch ein Paar“, sagt die kräftig gebaute dreifache Mutter. „Sein Saxofon-Sound auf der ,Heroes’-Platte? Damit wollte er in einem Lied den Sound der Klospülung meiner Wohnung nachstellen.“

100.000 Euro für Enthüllungen ausgeschlagen

Später habe sie ein Restaurant geleitet, im Reisebüro gearbeitet und sogar 100 000 Euro für ihre Enthüllungen ausgeschlagen. „Für Bettgeschichten und so“, sagt sie in Berliner Tonfall.

Gefragt, was er davon hält, raunt Thilo Schmied, der mit „Berlin Music Tours“ Bowie-Touren anbietet und restlos alle Anekdoten kennt: „Als ich mit Eduard 2014 bei der Berliner Bowie-Ausstellung war, kamen ständig Frauen auf uns zu und erzählten, dass sie mit Bowie ein Verhältnis gehabt hatten.“

Im Meistersaal lauschen die Gäste, die Bowie-Doppelgänger, der Mann, der sich wie Sänger Boy George kleidet, Diane und Dominique Wolf, einem Tontechniker aus der Berlin-Ära. „Ich bin 1955 geboren“, sagt Peter Burgon auf der Bühne. „Und ich kann nur hoffen, dass in vielen Jahrzehnten, wenn ich längst tot bin, hier noch immer Fans zusammen kommen, um sich Geschichten von David in Berlin zu erzählen.“ Das sorgt natürlich für Riesenjubel, und mittenhinein spielt der DJ nun auch noch „Heroes“. Mehr Bowie-Präsenz spürt man in diesem Moment, außer vielleicht in einem bestimmten New Yorker Penthouse, wohl nirgendwo auf der Welt.

Am Sonntag, den 10. Januar, gibt es die Hansa Studio Tour als Bowie-Special. Toningenieur Eduard Meyer ist dabei und erzählt: 11.30-13.30, Köthener Straße 38, Kreuzberg, Kontakt: www.musictours-berlin.de/de/tickets