Lieblingsbauten

Graft: Warum das Jüdische Museum in Berlin bewegt

Mit Lars Krückeberg, Thomas Willemeit und Wolfram Putz von Graft Architekten im Jüdischen Museum von Daniel Libeskind.

Ein Rundgang mit schauen Sie mal dort oder gucken Sie mal hier? Nein! Die Präsentation des „Lieblingsbaus“ von Graft Architekten läuft nicht in der üblichen Art ab. Das würde dem Neubau des Jüdischen Museum, den die drei Gründungspartner des angesagten Berliner Büros ausgewählt haben, auch nicht entsprechen. Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willlemeit sind begeistert von dieser Architektur Daniel Libeskinds. „Das Jüdische Museum ist ein Haus, das nicht nur Hülle für das Museum, sondern in seiner besonderen Architektur vielmehr auch selbst Teil der Ausstellung ist. Auch das Gebäude erzählt und symbolisiert jüdische Geschichte“, wie Thomas Willemeit sagt. Ganz so, wie es die Devise des Architekten Daniel Libeskind ist, der selbst sagt: „Gute Architektur erzählt auch immer Geschichten.“

Unser Treffen mit dem entspannten Trio der Architekten, die, wenn möglich, gern gemeinsam öffentlich agieren, avanciert denn auch eher zu einer Art philosophischer Spaziergang. Krückeberg, Willemeit und Putz geht es dabei um Chancen und Möglichkeiten herausragender Architektur. Und über das Narrative und das Wesenhafte von Gebäuden. Eben über das, was Architektur über das Gebaute an sich hinaus auch schaffen und bewirken kann: unter anderem die Menschen bewegen und berühren.

So, wie es dieser herausragenden Architektur von Daniel Libeskind gelingt. Der 1959 mit seinen Eltern in die USA emigrierte Architekt hat das Jüdische Museum unterstützt von seiner Frau Nina gegen überaus große Widerstände Berliner Politiker nach seinem Wettbewerbssieg 1989 als seinen allerersten großen Entwurf überhaupt realisiert und damit ein international beachtetes Museumsgebäude geschaffen. Kürzlich erst wurde der 10 Millionste Besucher begrüßt.

Der erste große und beachtete Wurf von Graft Architekten in Berlin war die amorphe und poppige Gestaltung des Hotels „Q“. Sie haben aber auch mit dem Hollywoodstar Brad Pitt unter anderem Wohnhäuser für die Opfer der Flutkatastrophe in New Orleans realisiert oder am Wannsee mit nachhaltigen Plusenergiehäusern für Aufmerksamkeit gesorgt. Aktuell entwickeln sie mit Jan Kleihues bezahlbaren Wohnraum in einem Holzhochhaus an der Spree. Das Architekten-Trio ist sich einig: das Jüdische Museum an der Kreuzberger Lindenstraße „ist Berlins einzige Architektur von Weltgeltung“, wie Lars sagt. „Es ist das erste Gebäude des 21. Jahrhunderts in Berlin. Ein Gebäude, das Architektur nicht nur als eine autonome Kunstform versteht, sondern sich vielmehr auch als Teil des Inhaltes und des Themas des Museums begreift.

Ein mutiges Bauwerk, das Geschichten erzählt

Das Gebäude selbst erzählt davon“, sagt Thomas Willemeit. Und Lars Krückeberg ergänzt: „Es ist ein Gebäude, das Geschichten erzählt, die zugänglich und für viele Menschen auch verständlich sind, es ist ein Gebäude, das mutig ist, das anders ist und trotzdem absolut zu Berlin gehört. Gerade weil es mit seiner Architektur einen Schritt weiter geht als alle anderen Bauten und besser ist,“ so Krückeberg. Ja, und es verkörpere die selbstverständliche Gelassenheit einer Moderne in Berlin, stimmt auch Wolfram Putz in den Chor der Begeisterung seiner zwei Kollegen und Freunde zu. Der Gleichklang hat Tradition, die Gründungspartner von Graft lernten sich während ihrer Studentenzeit in Braunschweig in einem Chor kennen.

Die Architektur des Jüdischen Museum begeistert zweifellos. Schon nach der Fertigstellung kamen allein 350.000 Menschen um den noch leeren Bau zu sehen. Und der Andrang ist ungebrochen. Auch heute. Wir blicken uns um, im Treppenhaus, das vom Eingangsbereich im barocken Altbau unterirdisch in Libeskinds Neubau führt, herrscht Andrang: Schulklassen, ältere Paare, junge Besucher - Menschen aus aller Welt. Wir gehen weiter.

„Das Untergeschoss ist wie eine Landkarte komponiert, die die drei unterschiedlichen Wege der deutschen Juden symbolisiert“ sagt Thomas Willlemeit. Der Weg, der zum Holocaust-Turm führt – ein eindringlicher Ort, den wir heute nicht besuchen -- der Weg ins Exil und der Weg - auch „Achse der Kontinuität“ genannt, der über eine auffallend lange Treppe auf verschiedene Ebenen zu Ausstellungen der jüdischen Kultur führt. Die letzten acht Stufen allerdings enden an der Wand. „Diese Treppe führt ins Nichts. Das symbolisiert, dass der Weg für viele jüdische Menschen in Berlin plötzlich nicht mehr weiter ging“, erläutert Willemeit. Auch das, so Willemeit, sei wieder so ein starker Moment der narrativen Architektur, die Daniel libeskind geschaffen habe. Fragen nach Details wie die der Materialien verbieten sich da. „Man muss auch nicht immer alles interpretieren. Die Wände sind weiß, der Boden ist dunkel“, sagt Lars Krückeberg. Diese Architektur von Daniel Liebeskind sei einfach physisch erlebbar. Beispielsweise auch dank des schrägen Bodens.

„Das ist ungewöhnlich und es ist zugleich von überaus großer Bedeutung“, betont Krückeberg, während wir auf den Weg zu dem Ort sind, den die Graft-Architekten uns heute beispielhaft für das ganze Bauwerk präsentieren; Den Garten des Exils Der Weg führt vom Untergeschoss auf einer Schräge nach oben durch eine schwere Tür ins Freie.

Im Garten des Exils gerät der Besucher aus der Balance

Wir stehen im Garten des Exils vor den 49 Betonstelen auf einer tiefer liegenden Fläche. „Daniel Libeskind hat hier keine Box gebaut, in dem ein Kurator etwas über das Exil ausstellt, sondern einen Wald aus geometrisch angeordneten Stelen geschaffen, in dem man sich verliert. Denn die Stelen stehen leicht schräg auf einem schrägen Boden“, so Willemeit. Hier zu stehen , sei ein pysisches Erlebnis. „Das Wesen dieser besonderen Architektur verstehe ich hier nicht durch den Kopf, sondern durch das unmittelbare Erleben und Fühlen. Und genau das ist das, was uns hier fasziniert.“

Allein die schrägen Böden. Das seien wir nicht gewohnt. „Aber das ist hier eben total anders und das hat eine enorme Wirkung“ sagt auch Lars Krückeberg Die Besucher seien quasi gezwungen, ihre übliche Komfortzone zu verlassen. „Die geordenete Welt gerät aus den Fugen, die Menschen sind irritiert und denken nach“. Diese Architektur rege jeden zur eigenen Deutung an. „Und wenn ihr das gelngt, dann ist Architektur besonders stark.“

Auch Thomas Willemeit betont, dass das Jüdische Museum „in seiner Architektur keinem genormten axialen Regelwerk folgt, so wie das Leben eben auch keine bestimmte einfache Wahrheit hat. Libeskinds Architektur des aus den Fugen geratenen Hauses spielt mit dieser Komplexität, sein Bau wirft Fragen auf, statt verlässliche und klare Antworten zu geben.“ Damit habe Libeskind auch wieder das Erzählerische in die Architektur eingeführt, so Willemeit, der nach seinem Studium in Braunschweig unter anderem auch bei Libeskind gearbeutet hat. Eine der Fragen sei beispielsweise, wie stelle ich dar, dass ein großer Teil deutsch-jüdischer Kultur verloren gegangen ist, wie stelle ich dar, dass jüdische Existenz in Deutschland zerstört wurde?

„Aus vielen Vorträgen von Daniel wissen wir, dass ihm bei der Suche nach der Darstellung des Unsagbaren die Idee der Leere, der sogenannten Voids, gekommen ist“. Das sei ein radikaler Ansatz, in der heutigen Zeit, in der von Architekten etrwartet werde, jeden Quadratmeter pragmatisch auf seine Kosten und Effizienz hin zu begründen. Platz für Leere, auch wenn sie wie im Jüdischen Museum äußerst sinnhaft sei, gebe es da in der Regel nicht. „Das hat Daniel durchgesetzt“, sagt Willemeit bewundernd.

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