Berlin/Brandenburg –

Längst nicht zu alt für den Führerschein

Fahrcheck des ADAC für Senioren: Unser Autor wagtden Selbstversuch

Berlin/Brandenburg.  Mein Führerschein ist grau und ziemlich zerfleddert. Ich hab ihn vor fünf Jahrzehnten bei der Bundeswehr gemacht, als diese noch als Fahrschule der Nation galt und es nicht unüblich war, dass der künftige Lenker eines Militärfahrzeugs, wenn er während der Schulungsfahrt ein Verkehrszeichen übersah, aussteigen und dieses putzen oder auch mal das Reserverad abmontieren und ein paar Meter entlang der Straße rollen musste. Alles lange her. Und deshalb ist es vielleicht angebracht, meine heutigen Fahrkünste einmal durch einen neutralen Fahrlehrer kritisch beäugen zu lassen. Ich hab’s gewagt.

Die Gelegenheit dazu bietet seit ein paar Jahren der ADAC Berlin-Brandenburg mit seinem „FahrFitnessCheck“ für Senioren am Steuer. Ein freiwilliger Test hinsichtlich Einschätzung der Verkehrslage, des Reaktionsvermögens, Kenntnis der immer neuen Verkehrsregeln und Verkehrsschilder. Das Ergebnis samt möglicher Konsequenzen ist allein für den Fahrer bestimmt, für die Behörden tabu. Gefahren wird im eigenen Auto. Der Gutachter auf dem Beifahrersitz ist ein mit dem ADAC zusammenarbeitender Fahrlehrer. Von diesen „Moderatoren FahrFitnessCheck“ gibt es im Großraum Berlin sechs.

Die täglichen Aufreger im Berliner Straßenverkehr

Meiner heißt Uwe Bocher, Inhaber einer Fahrschule in Lichterfelde. Sein vorgegebener Fahrplan für unsere gut eineinhalb Stunden dauernde Begegnung: Vorgespräch, Testfahrt, Auswertung und Ratschläge zur eigenen Sicherheit und der anderer Verkehrsteilnehmer. Also auf geht’s. Wir fahren an einem Werktag zur Mittagszeit über Kantstraße und Theodor-Heuss-Platz zum Vorplatz des Olympiastadions. Reger Verkehr, mehrspurige Straßenführung, viele Ampeln und Stoppschilder, Raser, Schleicher und Zweitspur-Parker: die täglichen Aufreger im Berliner Straßenverkehr eben. Ich bin ob meines Mitfahrers weder angespannt noch aufgeregt. Und provozieren lasse ich mich von meinem Umfeld draußen schon gar nicht. Ich fahre, wie ich immer fahre. Dazu trägt auch bei, dass Herr Bocher neben mir eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt. Meist schweigt er. Zu Wort meldet er sich nur, wenn er die Fahrtrichtung vorgibt oder ich von mir aus etwas sage.

Den Hauptstraßen folgen auf der Rückfahrt ein paar Nebenstraßen wie die Preußenallee, die wegen des Wochenmarkts zusätzlich verengt und verstopft ist, später die Knesebeckstraße und der fast zugeparkte Savignyplatz.

Nach gut 45 Minuten ist die Senioren-Fahrstunde beendet. Herr Bocher hat nichts wirklich Bedenkliches beobachtet. Der generell positiven Einschätzung meiner Fahrkunst folgen – wie könnte es anders sein – ein paar Mahnungen: eine bisweilen etwas zu offensive Fahrweise, an dem einen oder anderen Stoppschild sei nicht hundertprozentig erfolgt, was vorgeschrieben ist. Alles weitere – positiv wie negativ – bleibt hier unerwähnt. Wichtig allein: Ich bin kein Verkehrsrisiko und kann beruhigt weiter und sicher am Lenkrad sitzen. Sich dies für sich selbst, seine Familie und letztlich für alle Verkehrsteilnehmer bestätigen, in ganz seltenen Fällen auch zur Abgabe des Führerscheins raten zu lassen, ist ein lohnenswerter Test. Auch empfehlenswert, obwohl die Senioren am Steuer ganz generell viel besser sind als ihr Ruf. Wer es nicht wahrhaben will, schaue in die Statistik. Im vergangenen Jahr betrug der Anteil älterer Menschen an Unfällen mit Personenschäden 12,6 Prozent; unterproportional, gemessen am Anteil der Senioren an der Gesamtbevölkerung. Am größten ist die Unfallwahrscheinlichkeit bei jungen Menschen um die 20. Nicht das Lebensalter ist laut ADAC entscheidend für unfallfreies Fahren. Neben Gesundheit sind es vor allem Fahrroutine und Fahrstil.

Am häufigsten wird der Schulterblick vergessen

Eine Erfahrung, die auch Fahrcoach Uwe Bocher macht. Als häufigste Fehler beobachtet er den ausbleibenden Schulterblick vor dem Überholen oder einem Spurwechsel und die Missachtung der Tempo-30-Zonen. „Beide Fehler sind wohl damit zu erklären, dass es die älteren Fahrer nicht bewusst gelernt haben. Als sie ihren Führerschein machten, war der Blick nach links weder gefragt noch üblich, um damit den ‚toten Winkel‘ abzusichern. Damals reichte der Blick in den linken Seitenspiegel. Und Tempo-30-Zonen gab es damals kaum. Die meisten fahren in den Wohngebieten zu schnell; aus Gewohnheit und weil ihnen nicht bewusst ist, wie unterschiedlich lang der Bremsweg zwischen 30 und 50 Kilometer pro Stunde ist: Bei 30 km/h steht das Auto nach 13,5 Metern, bei Tempo 50 beginnt da erst der Bremsvorgang.“ Da habe ich wirklich noch etwas gelernt.

Also keine Angst vor Autofahrern ab Mitte 60. „Durch ihre Fahrpraxis sind sie im Straßenverkehr routiniert und sicher. Geringeres Reaktionsvermögen gleichen sie durch Erfahrung und vorausschauendes, wenn nötig langsameres Fahren aus“, beruhigt und bilanziert Uwe Bocher nach seinen Testfahrten.

Dies neutral und fachkundig bestätigt zu bekommen, ebenso wie Hinweise auf Schwächen tun der eigenen Fahrweise gut. Und damit auch der motorisierten Mobilität, die ja gerade im Alter Teil eines selbstbestimmten Lebens bleibt.

FahrFitnessCheck: 69 Euro, ADAC-Mitglieder: 49 Euro. Anmeldung: Klaus-Ulrich.Haehle@bbr.adac.de oder Tel. 868 64 75