Kommentierte Neuausgabe

Bildungsbehörde: Berliner Schüler können "Mein Kampf" lesen

Berliner Lehrer können möglicherweise künftig Hitlers "Mein Kampf" im Unterricht verwenden. Die Bildungsverwaltung ist dafür offen.

Der Buchrücken von Adolf Hitlers Schrift „Mein Kampf“

Der Buchrücken von Adolf Hitlers Schrift „Mein Kampf“

Foto: Matthias Balk / dpa

Die Berliner Bildungsverwaltung ist offen für den Einsatz der kommentierten Neuausgabe von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ im Schulunterricht. „Wenn diese Quellen entsprechend in den Geschichts- oder Ethikunterricht eingebettet werden, können sich Lehrer dieser kommentierten Fassung bedienen“, sagte eine Sprecherin von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

In Berlin gelte ohnehin die Lehr- und Lernmittelfreiheit. Wichtig sei nur, dass diese kommentierte Fassung eingeordnet werde, und das Unterrichtsziel - Bekämpfung des Rechtsextremismus oder Entlarvung der NS-Ideologie - klar definiert seien, sagte die Sprecherin.

Lehrerverband „Mein Kampf“ lesen lassen

Der Deutsche Lehrerverband will die kommentierte Neuausgabe von Hitlers „Mein Kampf“ bundesweit im Schulunterricht einsetzen. „Eine professionelle Behandlung von Textauszügen im Unterricht kann ein wichtiger Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus sein“, sagte Verbandspräsident Josef Kraus dem „Handelsblatt“. Er forderte die Kultusministerkonferenz auf, „didaktisch-methodische Rahmenempfehlungen“ zu finden.

Die Schulen könnten Adolf Hitlers Propagandaschrift nicht ignorieren, betonte Kraus. Denn was für Schulen verboten sei, erfreue sich erfahrungsgemäß im Internet großer Nachfrage. „Da ist es besser, die Rezeption von ,Mein Kampf’ wird durch versierte Geschichte- und Politiklehrer angeleitet.“

Hitlers Propaganda soll erst ab 16 erlaubt sein

Infrage kommt die Behandlung von „Mein Kampf“ seiner Ansicht nach nur für die Oberstufe, also für Schüler ab 16 Jahren, sagte Kraus der Zeitung. „Es sind nur Auszüge zu behandeln, an denen nach dem Prinzip ,Wehret den Anfängen’ deutlich gemacht werden kann, wohin mit einem solchen Pamphlet die Reise gehen kann.“

Zum Jahresende waren die Urheberrechte an „Mein Kampf“ ausgelaufen, die beim Freistaat Bayern liegen und mit denen ein Nachdruck in Deutschland bislang verhindert wurde. Im Januar 2016 will das Institut für Zeitgeschichte (IfZ) in München eine kommentierte Ausgabe herausbringen.

Experten kritisieren neue Veröffentlichung

Die Veröffentlichung ist höchst umstritten. Der Würzburger Historiker Wolfgang Altgeld etwa hält nichts von einem Verbot. Er sei da „vor allem als Staatsbürger“ skeptisch, sagte der Inhaber des Lehrstuhls für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg. Die deutsche Gesellschaft habe drei Generationen lang Demokratie, Freiheit und die Distanzierung von Rassismus und Antisemitismus eingeübt: „Die heutige junge Generation käme mit einer solchen Literatur durchaus zurecht, man muss sie nicht davor schützen.“

Eine sehr kritische Stimme ist dagegen die von Charlotte Knobloch, der Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Sie habe zwar Verständnis für das wissenschaftliche Interesse an einer kommentierten Ausgabe, aber: „Das Buch ist eine Büchse der Pandora, die für immer im Giftschrank der Geschichte verschlossen sein sollte“, sagte sie. „Man kann nicht vorhersehen, was dieser Text bewirkt. Manch einer könnte Hitlers Worte wieder ernst nehmen.“

Die Justizminister der deutschen Bundesländer haben inzwischen entschieden, dass die unkommentierte Verbreitung von „Mein Kampf“ auch nach dem Auslaufen der Urheberschutzfrist in Deutschland verboten bleiben soll.

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