Kälteeinbruch

Berlin friert bei bis zu minus 10 Grad

Während hartgesottene Spaziergänger mit Schals und Mützen spazieren gingen, ist die Kälte für Flüchtlinge und Obdachlose eine Gefahr.

Am verkaufsoffenen Sonntag waren am Kurfürstendamm viele Menschen trotz der Kälte einkaufen - gut geschützt mit dicker Winterkleidung

Am verkaufsoffenen Sonntag waren am Kurfürstendamm viele Menschen trotz der Kälte einkaufen - gut geschützt mit dicker Winterkleidung

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Mit Temperaturen von bis zu minus zwölf Grad hat der Winter am ersten Januarwochenende sein eisiges Gesicht in Berlin und Brandenburg gezeigt. „Das hat sich angekündigt und kam nicht überraschend“, sagte Meteorologe Stefan Hahn vom Deutschen Wetterdienst am Sonntag.

Verantwortlich für das frostige Wetter erstmals in dieser Saison ist heranströmende sibirische Kaltluft des Hochs „Christine“ aus Osteuropa. In der Nacht sanken in Ost-Brandenburg die Quecksilbersäulen der Thermometer auf bis minus zwölf Grad. „Die gefühlte Temperatur lag wegen des starken Windes bei minus 26 Grad im Osten des Landes, bei minus 24 Grad im Westen“, so der Meteorologe.

Bei Frankfurt (Oder) trieben bereits erste Eisstücke auf dem Fluss. Sie werden aber nicht von Dauer sein: mit steigenden Temperaturen tauen sie schnell weg. Von einer Eisschicht überzogen zeigte sich auch der Madlitzer See in Alt Madlitz im Landkreis Oder-Spree. Stockenten und Schwäne suchten Zuflucht an einer eisfreien Stelle.

Nach den teilweise milden vergangenen Tagen bot sich vielerorts in Vorgärten, Balkonkästen und Parks in der Region ein bizarres Schauspiel. Zum Teil noch in voller Blüte stehende Geranien waren am frühen Morgen erfroren und splitterten bei der kleinsten Berührung wie Glas. Primelblüten, die sich schon vorfristig gezeigt hatten, schmückten sich mit Eiskristallen.

Am Berliner Alexanderplatz wurden minus zehn Grad registriert. Fahrradfahrer - sonst ein alltäglicher Anblick in der Stadt - machten sich rar. Die in den vergangenen Tagen bei Sonnenschein noch gern genutzte Terrassenplätze vor Cafés in der Hauptstadt waren nur noch etwas für Hartgesottene.

Kälte bedeutet große Gefahr für Obdachlose

Besonders zu leiden hatten Obdachlose unter der Kälte. Ein kleiner Raum am Innsbrucker Platz. Darin: ein Geldautomat. Und drei obdachlose Männer. Nicht gemütlich, aber immerhin warm. Zumindest tagsüber entkommen die drei der Kälte.

Wie ihnen ergeht es geschätzten 5000 bis 6000 Obdachlosen in Berlin. Der Frost hat die Hauptstadt im Griff„Eine finstere und auch lebensgefährliche Situation für alle Menschen ohne ein Dach über dem Kopf“, sagt Dieter Puhl, Leiter der Bahnhofsmission am Zoo. Doch für nicht mal jeden sechsten Obdachlosen gibt es einen Schlafplatz in einer Notunterkunft. Zum Vergleich: Hamburg konnte im letzten Winter jeden zweiten unterbringen. Puhl bittet deshalb um Sachspenden, vor allem Schlafsäcke: „Jeder ist aufgerufen, auf wirklich hilflose Menschen zu achten.“ Bei Gefährdungen sollte man den Notdienst rufen, zudem gibt es den Kältebus der Stadtmission, der unter 0178 / 523 58 38 erreichbar ist.

Flüchtlinge benötigen Winterjacken und dicke Socken

Auch die freiwilligen Helfer am Landesamt für Gesundheit und Soziales in Moabit hoffen auf Spenden. „Wir brauchen Winterjacken, Schuhe, Socken und Thermounterwäsche“, sagt Diana Henniges von der Initiative „Moabit hilft“. Bereits am Sonntagmittag standen die ersten Flüchtlinge an der Behörde Schlange, um am Montagmorgen an die Reihe zu kommen. Zwar sind die Wartezelte beheizt, was jedoch nicht immer zuverlässig funktioniert. Zudem können sie nicht alle Menschen aufnehmen.

Der Berliner Senat rechnet unterdessen mit weniger neuen Flüchtlingen. Am Sonntagmorgen waren es nach Angaben der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales 243 Menschen. Das seien deutlich weniger als die je 400 Neuankömmlinge der vergangenen Tage.

Spaziergänger lockte der Sonnenschein

Mützen, dicke Schals und Handschuhe gehörten zum Outfit der Spaziergänger und Jogger. Der Sonnenschein lockte nach draußen, wenigstens für einen kurzen Spaziergang. Hundebesitzer haben auch bei Frost keine Wahl, sie müssen sich ins Freie begeben und ihr Tier ausführen. Im Treptower Park und im Grunewald tollten die Vierbeiner begeistert umher und schnupperten die frische Winterluft.

Im Tiergarten konnte man, passend zur Jahreszeit, das Eisstockschießen üben und sich anschließend im Café am Neuen See bei Kaffee und Tee aufwärmen. Auch der Teufelsberg zog Berliner und Touristen an. Wer die Stufen erklommen hatte, dem pfiff ein eisiger Wind um die Ohren. Dennoch, der Blick in die Weite, zur einstigen Abhörstation, zum Glockenturm am Olympiastadion und zum Messegelände faszinierte auch bei Minusgraden.

Dass der Berg auch ein beliebter Ort zum Feiern ist, war an den Überbleibseln der Silvesternacht zu sehen. Reste von Silvesterknallern und Feuerwerks-Verpackungen lagen umher. Auf dem Gendarmenmarkt in Mitte wurden die weißen Hütten des Weihnachtsmarktes abgebaut. Auch an diesem kalten Sonntag zog der Platz mit dem Konzerthaus, dem Deutschen und dem Französischen Dom, Touristen an, die zum Sightseeing nach Berlin gekommen waren.

Wer es lieber warm haben, aber den Tag nicht im Hotel oder in der Wohnung verbringen wollte, auch der konnte geeignete Aufenthaltsorte finden: die vielen Geschäfte und Kaufhäuser, die am Nachmittag geöffnet hatten.