Wirtschaftspolitik

Mr. Adlershof gibt den Stab weiter

Hardy Schmitz verlässt die Management-Firma Wista nach 14 Jahren. Das Erfolgsmodell soll unter Roland Sillmann exportiert werden.

Neuer Adlershof-Chef Roland Sillmann mit Vorgänger Hardy Schmitz (links)

Neuer Adlershof-Chef Roland Sillmann mit Vorgänger Hardy Schmitz (links)

Foto: Massimo Rodari

Als die Solarindustrie zusammen- brach, da stellte Hardy Schmitz fest, dass das Werk gelungen war. Denn trotz mehrerer Pleiten 2011, unter anderem von Solon, kam der Technologiepark Adlershof mit nur kleinen Dellen durchs Jahr. „Wir konnten den Verlust sehr schnell ausgleichen“, sagte Schmitz, der als Chef der landeseigenen Gesellschaft Wista (Wissenschafts- und Technologiestandort Adlershof) seit 2002 das Gebiet im Berliner Südosten managte: „Das hat uns gezeigt, wie stabil der Standort inzwischen ist.“

Zum Jahreswechsel ist „Mr. Adlershof“ in den Ruhestand getreten. Den Stab des Wista-Chefs hat er nach einigen Monaten der Co-Geschäftsführung an Roland Sillmann übergeben. Unter der Regie des früheren Software-Managers und Vertriebsspezialisten hat sich das Gebiet der früheren Akademie der Wissenschaften der DDR zum Wachstumsmotor der Berliner Wirtschaft entwickelt.

Mittlerweile 1000 Unternehmen in Adlershof

1000 Unternehmen und Institute mit 16.000 Beschäftigten arbeiten inzwischen auf 4,2 Quadratkilometern, das sind doppelt so viel wie zum Amtsantritt von Schmitz. Fast die Hälfte davon sind in Hochtechnologie-Branchen aktiv in engem Austausch mit Naturwissenschaftlern der Humboldt Universität mit 6000 Studierenden und zehn großen Forschungsinstituten.

Die 1000 Firmen stünden inzwischen nicht mehr in Frage. „Es geht um die Methoden, die wir hier über die Jahre entwickelt und erprobt haben“, beschreibt Schmitz den wahren Nutzen des Experiments Adlershof. Sie wissen dort, wie man Wissenschaftler, Unternehmer und Start-ups zusammenbringt, welche Laborgebäude, welche Büros oder andere Infrastruktur junge Firmen brauchen, wie man Gründerzentren aufbaut und wie man Geschichten über einen Standort weltweit bekannt macht. Selbst die Verzögerung mit dem Flughafen BER hat den Aufstieg Adlershofs zum 1-A-Standort allenfalls bremsen können.

Modell Wista auf andere Standorte übertragen

Nach seinem Abschied drängt Schmitz noch vehementer als zuvor als indirekter Landesbediensteter darauf, das Modell Wista auf andere Standorte mit Entwicklungspotenzial zu übertragen. Er warnt den Senat davor, neben der Wista andere Entwicklungsgesellschaften zu gründen. „Die graben sich dann gegenseitig das Wasser ab“, befürchtet er eine ungesunde Konkurrenz. Auf keinen Fall dürften zwei Senatsressorts für die Entwicklung von Standorten zuständig sein. Genau das werde aber derzeit geplant.

Das hat auch politische Gründe. Die Wista untersteht der Wirtschaftsverwaltung der CDU-Senatorin Cornelia Yzer. Aber auch das vom Sozialdemokraten Andreas Geisel geführte Stadtentwicklungsressort möchte beim Aufbau von Standorten aktiv werden.

Die Ferne zur Politik ist ein wichtiges Erfolgskriterium

Dabei bezeichnet Schmitz die Ferne zur Politik als wesentliches Erfolgskriterium. „Wir konnten die Politik überzeugen, von Adlershof die Finger zu lassen“, sagt Schmitz und lobt das „geniale Finanzierungskonzept“. Denn die Wista bekam vom Land Grundstücke und andere Vermögenswerte übertragen. Deswegen kann die Firma selbst planerisch tätig werden, kann Schulden aufnehmen und Ausbau von Infrastruktur finanzieren. Der Beitrag des Landes durch direkte Subventionen ist im Laufe der Jahre deutlich gesunken.

Sein Nachfolger Roland Sillmann will den Weg fortsetzen. „Die Aufgabe ist, das Modell zu multiplizieren“, sagt der Manager, der bisher die Gründerzentren der Wista führte. Auch er war früher Unternehmer, jetzt vergleicht er seine Aufgabe mit der eines „Fußballtrainers“, der seine Erkenntnisse weitergeben möchte.

Umbau des Flughafens Tegel ist größtes Projekt

Die Wista ist mit Tochterfirmen vielerorts in der Stadt bei der Standortentwicklung aktiv. Größtes Projekt ist der Umbau des Flughafens Tegel zu einem Gewerbepark für urbane Technologien. Hier ist das Modell ähnlich, auch in Tegel soll die Entwicklungsgesellschaft eigenes Vermögen erhalten und damit wirtschaften. „Solche Orte brauchen die gleiche Infusion von Gestaltungsenergie wie sie Adlershof bekommnen hat“, sagt der neue Wista-Chef. Aber es bestehe in der Politik die Angst vor Kontrollverlust.

Dabei ist die Wista mit ihren Ablegern längst der wohl wichtigste operative Akteur einer Wirtschaftsentwicklung von unten. Das Gründerzentrum der Freien Universität im alten US-Militärhospital an der Fabeckstraße in Dahlem bauen die Adlershofer auf, an der Technischen Universität ist das bereits mit Erfolg geschehen.

Sillmann erklärt die Rolle, die die Wista einnehmen kann in der in Adlershof erprobten Wachstumskette. So wollen die ersten Unternehmen nach zwei, drei Jahren das Gründerzentrum Chic an der Bismarckstraße verlassen und suchen Räume in der Umgebung von TU und Universität der Künste. Die Immobilienbesitzer hätten aber wenig Interesse, 200 Quadratmeter mit kurzen Laufzeiten zu vermieten. Hier kann die Wista einspringen, größere Flächen mieten und längere Mietverträge abschließen, um dann kleinere Räume an die wachsenden Mini-Firmen weiterzugeben. Um solch ein unternehmerisches Risiko eingehen zu könne, braucht es neben Erfahrung auch eine gewisse Budget-Freiheit. „Wir müssen auch mehr dafür tun, dass die Firmen am Standort wachsen können“, sagte Sillmann.

Unternehmen brauchen Freiheit

„Wir tun Dinge, für die bisher so etwas wie Marktversagen vorlag“, sagt Schmitz und rechnet eine Entwicklungsgesellschaft wie die Wista damit der zuletzt gerade von der SPD viel beschworenen Daseinsvorsorge zu. Aber damit das Modell funktioniere, müsse man den Unternehmern an der Spitze Freiheiten lassen. Konflikte zwischen Senatsressorts müssten in den Aufsichtsgremien der Landesgesellschaften ausgetragen werden, nicht im politischen Raum, rät „Mr. Adlershof“. Dann sei es möglich, in Berlin weitere Gebiete zu schaffen, die wie Adlershof hoch attraktiv sind und bei Außenstehenden einen „Wow-Effekt“ auslösen nach dem Motto: „Wir wussten ja gar nicht, dass es in Berlin so leistungsstarke Unternehmen gibt“. Berlin bringe in der letzten Zeit viele Leute zum Nachdenken, sagt der scheidende Wista-Chef: „Das bringt Rückenwind.“

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