Arbeitsmarkt

Flüchtlingsheime schaffen Tausende Arbeitsplätze

Der Bedarf an Betreuern öffnet Arbeitslosen und auch Asylbewerbern selbst neue Berufschancen, wie bei der Volkssolidarität in Marzahn.

Fluechtlingsheim der Volkssolidaritaet in Marzahn: Carmen Becker und Loay al-Hamedi

Fluechtlingsheim der Volkssolidaritaet in Marzahn: Carmen Becker und Loay al-Hamedi

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Carmen Bäcker muss erst noch etwas regeln. Ein Junge hat einen anderen so doll aufs Ohr gehauen, dass er bewusstlos war. Zwar kann der Rettungswagen wieder abfahren, aber die blonde Frau muss noch mal mit den Familien verhandeln und sie besänftigen, um keinen Dauerkonflikt im Haus zu haben. „So“, sagt Carmen Bäcker und lächelt, „alles geklärt“.

Das Flüchtlingsheim der Volkssolidarität in einem Bürohaus an der Bitterfelder Straße im Marzahner Gewerbegebiet mag ein unwirtlicher Ort sein. Für die 39-Jährige gelernte Kauffrau im Gesundheitswesen sind die Unterkunft und die Flüchtlinge generell ein Segen. Denn nach langer Arbeitslosigkeit hat die Mutter dreier Kinder hier als Verwaltungsfachkraft und Mädchen für alles einen festen Job und auch ihre Bestimmung gefunden. „Das ist wie für mich gemacht“, sagt sie, „ich habe jahrelang auf diese Chance gewartet“.

Die Betreuung der Asylbewerber erweist sich als Job-Maschine. Die Faustformel lautet, dass jedes Heim mit ein paar Hundert Menschen etwa 10 Betreuer benötigt, plus dem je nach Baulichkeit sehr unterschiedlich großen Sicherheitsdienst. Bei aktuell rund 130 Unterkünften in der Stadt kommt eine vierstellige Zahl von neuen Arbeitsplätzen zusammen.

>>> Hilfe für Flüchtlinge - Help for refugees <<<

Und auch die ersten Asylbewerber schaffen als Betreuer ihrer Schicksalsgenossen den Sprung aúf den deutschen Arbeitsmarkt. So wie Loay Al Hamedi, der ebenfalls an der Bitterfelder Straße für die Volkssolidarität arbeitet. „Ein echter deutscher Job“, freut sich der 22-Jährige Syrer aus Rakka, wo heute der Islamische Staat seine Hauptstadt unterhält.

Carmen Bäcker hatte lange auf die Empfehlung des Jobcenters vertraut und sich weiter qualifiziert. Auf ihre kaufmännische Ausbildung sattelte die Marzahnerin eine Weiterbildung als Pflegeberaterin drauf. Aber dafür gab es doch keinen Bedarf, die junge Mutter kassierte nur Absagen. Obwohl das Jobcenter sie gerne noch einmal umgeschult hätte, bestand sie nach einiger Zeit darauf, einen Ein-Euro-Job anzunehmen. „Ich wollte arbeiten“, sagt sie. Im Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte bekam sie eine „Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung (MAE). Sie konnte sich dort beweisen und die richtigen Kontakte knüpfen.

Betten aufgebaut, Essen ausgegeben, Spenden organisiert

Denn das von der Volkssolidarität betriebene Stadtteilzentrum bekam vom Senat den Auftrag, das ehrenamtliche Engagement für Flüchtlinge in der Region zu organisieren. Am nahen Blumberger Damm eröffnete das erste Flüchtlingsheim. Es gab Demos von Rechten dagegen und Konflikte. „Damals bin ich zum ersten Mal mit Flüchtlingen konfrontiert worden“, sagt Carmen Bäcker nachdenklich. Und mit Diskriminierung. Ihr dunkelhaariger Sohn, der einen türkischen Vater hat, wurde in der S-Bahn angepöbelt.

Sie hat dann die Unterstützer organisiert, hat Flüchtlinge willkommen geheißen und gegen die Rechten demonstriert. Dann habe sie mitgeholfen, eine weitere Unterkunft am Glambecker Ring mit einzurichten. Sie hat Betten aufgebaut, Essen ausgegeben, die Kleiderkammer organisiert, Spenden von Ikea eingeworben. Es folgte die Bitterfelder Straße. Zum Aufbau des Hauses richtete sich die Task Force im benachbarten Drive-In-Restaurant ein und ging an die Arbeit.

„Das ist hier insgesamt alles stimmig für mich“

Ihr Engagement blieb nicht verborgen. Und so fragte sie der Chef der Volkssolidarität André Lossin, ob sie nicht sozialversicherungspflichtig arbeiten wolle. Die Wohlfahrtsorganisation hatte kurzfristig Notunterkünfte übernommen und brauchte dafür zuverlässiges Personal.

Carmen Bäcker wollte. Zwar ist ihr Job an die Betriebserlaubnis des Wohnhauses im Gewerbegebiet gekoppelt, die im März ausläuft. Aber Sorgen macht sie sich nicht. Sie weiß: Berlin wird noch lange viele Flüchtlinge zu versorgen haben. Und Leute, die im Gang zwei dunkelhaarige Mädchen mit langen Zöpfen freundlich in den Arm nehmen und gleichzeitig im Formularkrieg mit den immer wieder wechselnden Anforderungen des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) bestehen, werden weiterhin gebraucht. „Das ist hier insgesamt alles stimmig für mich“, sagt Carmen Bäcker.

„Ich kenne viele, die machen seit einem Jahr nichts“

Eine wichtige Hilfe für sie ist der junge Syrer Loay Al Hamedi. Mit kurzem Zopf, Vollbart und hippem T-Shirt könnte der 22-Jährige auch als Tourist oder Kreativer durchgehen. Und tatsächlich ist er auch Netzaktivist. Er unterstützt eine Gruppe, die Nachrichten aus der IS-Hauptstadt Rakka herausschleust. Er kennt die Aktivisten, die die Islamisten kürzlich in der Türkei regelrecht hingerichtet haben. Das überschattet die Freude über einen Einstieg in Deutschland, von dem die meisten Flüchtlinge nur träumen können. „Ich kenne viele, die machen seit einem Jahr nichts“, sagt Loay in ordentlichem Englisch. Deutsch lernt er gerade.

Er selbst kam im März 2015 nach Deutschland, als Kontingentflüchtling holte ihn die Bundesregierung direkt aus der Krisenregion heraus. Vorher hatte er sich in Syrien und in der Türkei schon für seine Leidensgenossen engagiert, ihnen bei der Ankunft geholfen. Jetzt hat er in Deutschland ein humanitäres Bleiberecht für ein Jahr. Sein eigentlicher Asylantrag ist in Arbeit, es geht aber nicht voran. Er lebt im Heim am Blumberger Damm.

„Niemand spricht hier Arabisch"

Bei einer Party traf er Asli Peker-Glaubert vom Stadtteilzentrum. Zwei Monate später rief sie ihn an. Sie brauche Hilfe. „Niemand spricht hier Arabisch“. Er kam zunächst als Freiwilliger. Dann stellte ihn die Volkssolidarität fest an. Meistens sagt die Ausländerbehörde in solchen Fällen Nein. Bei ihm sagte sie Ja. Jetzt dolmetscht er, berät, hilft den Flüchtlingen, deren Hauptproblem nach seinen Worten das Lageso ist, das tagelange Warten, die verschobenen termine, die unverständlichen Formulare.

Er selbst verdient jetzt Geld und sieht sich nach einer eigenen Wohnung um. „Ich hatte Glück“, sagt der junge Mann.

In Syrien hatte Loay bis zu seiner Flucht an der Universität das Fach Wirtschaft belegt. Jetzt möchte er in Berlin Psychologie studieren. „Ich möchte weiter mit Flüchtlingen arbeiten, auch nach dem Studium“, sagt Laoy. Denn wer aus dem Krieg komme, brauche viel psychologische Betreuung. Und für die Deutschen hat er auch noch einen Rat: „Wenn ihr mehr Flüchtlinge haben wollt, müsst ihr euch besser darauf vorbereiten.“