Immaterielles Kulturerbe

Herstellen statt Ausstellen

Die „Manufakturelle Schmuckproduktion“ im Technikmuseum gehört zum immateriellen Unesco-Kulturerbe. Gefertigt wird traditionell wie innovativ.

Andrea Grimm (r.) leitet die „Manufakturelle Schmuckproduktion" im Berliner Technikmuseum, Goldschmiedin Katharina Gisch nutzt die historisch nachempfundene Werkstatt.

Andrea Grimm (r.) leitet die „Manufakturelle Schmuckproduktion" im Berliner Technikmuseum, Goldschmiedin Katharina Gisch nutzt die historisch nachempfundene Werkstatt.

Foto: Reto Klar

Das Deutsche Technikmuseum steht eigentlich für materielles Kulturerbe. Schwere Maschinen, Dampfloks, Schiffe und sogar ein Flugzeug kann man in den Kreuzberger Hallen besichtigen und viel über ihre Entwicklung und Geschichte erfahren. Dass man auch lernt, die Exponate zu bedienen, ist in einem Museum eigentlich nicht vorgesehen. Die langjährige Kuratorin der Abteilung Schmuckproduktion hat die Museumsleitung zu einer Ausnahme bewegt und in 30-jähriger Arbeit – auch gegen Widerstände – eine Schmuckwerkstatt mit historischen Maschinen aufgebaut.

Den Erfolg erlebt Gabriele Wohlauf nun als Rentnerin und kann es noch gar nicht richtig fassen. Gerade ist die "Manufakturelle Schmuckgestaltung" als erstes Berliner "Beispiel guter Praxis" in das Unesco-Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe Deutschlands aufgenommen worden. Das Technikmuseum zeigt eine voll funktionsfähige Werkstatt samt Maschinen, wie sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert in Schmuckmanufakturen zu finden waren. Werkbänke mit Walzen und Prägemaschinen, filigranes Handwerkszeug, Platten und Schnurrollen mit goldglänzendem Messing (Gold wäre dann doch zu teuer) auf Kettenmaschinen oder bei den Gravourbeispielen an der Wand.

Alte Handwerker zeigen ihre oft geheimen Fertigkeiten

Sie alle stehen für Techniken wie Guillochieren, Prägen und Pressen, Ziehen und Walzen, Sandguss- und Zinnschleudergussverfahren, die in Vergessenheit gerieten, weil die Maschinen für einen Goldschmied zu teuer und für die industrielle Fertigung zu aufwendig zu bedienen wurden. Guillochieren etwa ist eine Gravourtechnik, mit der Zigarettenetuis, Taschenuhren, Schmuckdosen oder Füller verziert wurden. Sie wird heute noch für Fabergé-Schmuck verwendet. Mit dem Sandpressverfahren stellten die Museumsleute filigranen Jugendstilschmuck her, der im Bröhanmuseum ausgestellt wurde.

Bedienungsanleitungen für die Maschinen gab es nicht. "Die Meister gaben das Handwerk nie schriftlich, sondern in der Praxis weiter, von Mensch zu Mensch", sagt Projektkoordinatorin Andrea Grimm. Wegen der großen Konkurrenz hüteten sie ihr Wissen oft auch als Geheimnis. Für das Museum gaben einige der wenigen alten Meister, die die Techniken noch beherrschen, ihr Wissen weiter, um es zu bewahren. Das Projektteam holte die Maschinen aus dem ehemaligen Deutschen Schmuckzentrum Pforzheim nach Berlin und lud die Handwerker zu Workshops und Seminaren ein. "Unser ältester Meister ist 80 Jahre alt und hat großen Spaß daran, mit jungen Leuten zu arbeiten", sagt Andrea Grimm. Sie selbst war 2010 dazugekommen und musste ebenfalls lernen, mit den Maschinen umzugehen.

Wer hier gelernt hat, darf wiederkommen

Inzwischen wurde die Arbeitsgruppe "Schmuck verbindet" gegründet, sowie Kooperationen mit der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Pforzheim und mit der Zeichenakademie Hanau. Ein Stipendienprogramm ermöglicht den Hochschulabsolventen, für drei bis sechs Monate im Technikmuseum mit den historischen Maschinen an neuen Entwürfen zu arbeiten. Ausgebildeten Schmuckschaffenden bietet Andrea Grimm Einzelworkshops an. Laien oder Hobbygoldschmiede dürfen den Experten bei der Arbeit zuschauen.

Wer hier gelernt hat, darf wiederkommen und die Maschinen nutzen, sagt Andrea Grimm. "Wir haben ihren Originalzustand dokumentiert und die Techniken auf Filmen festgehalten." Es gehe nicht darum, historische Vorlagen nachzufertigen. Neben Restaurierungsarbeiten sind Innovation, Weiterentwicklung und neue Designs ausdrücklich erwünscht. Die alten Techniken serieller Schmuckproduktion werden für Einzelstücke oder für kleine Auflagen neuer Entwürfe von einzelnen Goldschmieden genutzt, die auch Materialien wie Leder oder Kunststoff einführen. Grimm: "Einige unserer Schüler sind damit international sehr erfolgreich."

Initiatorin wird vom Erfolg des Projektes überrascht

"Es ist ein Missverständnis zu glauben, der Mensch sei in der Zeit der Industrialisierung nur ein Sklave der Maschinen gewesen", sagt Gabriele Wohlauf, die dem Team weiter beratend zur Seite steht. "Es war gerade das Zusammenspiel von Mensch und Maschine, das in den Manufakturen zählte. Ohne jahrelange Erfahrung wäre diese Art der Produktion nicht denkbar." Nicht ohne Stolz blickt sie auf ihre Nachfolgerin Andrea Grimm. Die 29 Jahre alte Reinickendorferin ist Gold- und Silberschmiedemeisterin in fünfter Generation und Teil der Erfolgsgeschichte des Projekts, sagt Wohlauf.

Dieses soll als "Beispiel guter Praxis" nicht nur immaterielles Kulturerbe bewahren, sondern dieses auch nachhaltig als lebendiges Kulturgut an folgende Generationen weitergeben und dabei zum Nachahmen anregen. "Dass das einmal so gut aufgeht, hätte ich mir am Anfang nicht träumen lassen", sagt Gabriele Wohlauf. "Der Zeitgeist hat sich gedreht, die Manufaktur erlebt ganz allgemein eine neue Wertschätzung." Das zeige sich besonders am Interesse der vielen jungen Goldschmiede und Designstudenten, die im Projekt lernen und wiederkommen. "Dass der Funke einmal so überspringt, war auch für uns lange nicht absehbar."

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