Video-Verleih in Berlin

Spiel mir das Lied vom Tod der Videotheken

Filme und Serien sind online schnell und bequem zu haben. Immer mehr Geschäfte, die in Berlin DVDs verleihen, müssen schließen.

Die Kunden blieben aus: Die Videothek „Video Inn“ in der Jonasstraße in Moabit muss Ende Januar schließe

Die Kunden blieben aus: Die Videothek „Video Inn“ in der Jonasstraße in Moabit muss Ende Januar schließe

Foto: Reto Klar

Ab und an betritt man einen Laden, in dem es sich anfühlt, als wäre die Zeit stehen geblieben. Auch in Videotheken ist das inzwischen so. H&M mag einem Fundus für 90er-Jahre-Mode gleichen, doch das echte Nineties-Revival ist der Gang zur Videothek. Man muss dafür nur weiter laufen als früher.

Laut Interessenverband des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) ist die Zahl der Videotheken seit dem Jahr 2000 von 4591 auf 1544 gesunken (Stand 2014), so auch in Berlin. Allein an der Torstraße in Mitte machten in den vergangenen zwölf Monaten zwei Videotheken zu.

Diese Entwicklung nahm ihren Lauf, lange bevor Streaming-Dienste in Deutschland starteten. Sie tragen nun aber dazu bei, dass Spielfilme und Serien online nicht nur schneller und bequemer zu haben sind, sondern sogar legal geschaut werden können. Statt Videoabend heißt es jetzt „Netflix and chill“, und die Videotheken verschwinden allmählich aus dem Stadtbild.

Die meisten Kunden kommen freitags und sonnabends

In denen, die noch übrig sind, wirkt auf den ersten Blick alles wie gehabt: geflieste Böden, durchnummerierte Regale mit laminierten Ausleihkärtchen, Menschen in Couch-Outfits. Die meisten Kunden kommen am Freitag- oder Sonnabendabend.

Sogar die Erotikabteilung im hinteren Ladenbereich gibt es in den meisten Fällen noch. Im Zeitalter der Analogtechnik, als es Internet nur mit Modem gab und das Herunterladen eines Films 18 Stunden dauern konnte, spielte der Verleih von Pornos rund ein Drittel der Einnahmen in die Kasse. „Aber die waren als Erstes nicht mehr gefragt, als man sie auch online bekommen konnte“, erzählt ein Mitarbeiter.

Manche Läden versuchen, die rückläufigen Einnahmen aus dem Verleihgeschäft mit einer Erweiterung ihres Angebots zu kompensieren: Chips, Popcorn, Eis, Tabakwaren und Getränke, darunter auch „US-Importe“. In einer Kreuzberger Videothek steht ein Slushed-Ice-Automat. „Manche wissen halt nicht, wie das schmeckt“, sagt der freundliche Mann am Tresen.

Das Videothekensterben als Betriebsgeheimnis

Seit die sogenannten Spätis sonntags geschlossen bleiben müssen, würden mehr solcher Zusatzartikel verkauft. Helfen tut es nicht. Der Angestellte kann seit Jahren dabei zusehen, wie immer weniger Kundschaft kommt. Genannt werden möchte er aber lieber nicht: „Sonst dreht mein Chef durch.“ Fast klingt es, als sei das Videothekensterben ein Betriebsgeheimnis.

Auch wenn die Vorzeichen dieselben sind, trifft man im Videodrom an der Kreuzberger Friesenstraße auf gemütliche Behaglichkeit. Im Fenster leuchten zwei Lavalampen, die Playlist spielt „I’m a Loser“ von Beck. Hier wird kein Geheimnis aus der Lage gemacht: „Wir dachten schon mehrmals, dass wir das schlimmste Jahr überstanden hätten“, sagt Christine P., eine langjährige Mitarbeiterin. „Und dann wurde es im nächsten noch enger. So ist es auch jetzt wieder.“

Die Programmvideothek, die seit 1984 existiert, hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wie lange die noch weitergeht, ist unsicherer denn je. Lange war ihr Alleinstellungsmerkmal die Nische, die sie gefunden hatte. Die Auswahl von 30.000 DVDs kann locker mit der einer durchschnittlichen Filiale mithalten, nur ist sie vielfältiger. Neben neuen Blockbustern stehen Ordner mit allen erdenklichen Genres, von Blaxploitation über Queer Cinema bis hin zu selbstgewählten Kategorien wie „Filme mit Außerirdischen“ oder „Outdoor Thriller“.

Publikum ist jünger als beim Frühschwimmen im Bad

Vor Kurzem schloss eine Videothek an der nahen Bergmannstraße, was dem Verleihgeschäft ein paar Besucher mehr bescherte, letztlich aber so wenig ändert wie ein bunter Slushed-Ice-Automat. Zwar ist das Publikum deutlich jünger als beim Frühschwimmen im Bezirksbad. „Aber es wachsen einfach keine neuen Kunden nach“, sagt P. Wenn man erst mal hingefunden hat, entdeckt man schnell, was man bei iTunes, Amazon Prime oder Netflix vergeblich sucht: japanische Kuriositäten, Filme der Berliner Schule oder eine Chantal-Akerman-Gedenkkollektion. Wer mag, bekommt dazu Hintergrundwissen und eine differenzierte Filmkritik.

Und auch die Kinderfilme, die die Mitarbeiterin einem Vater am Telefon empfiehlt, hat sie alle selbst gesehen: „‚Shaun das Schaf‘ geht natürlich immer, ich fand auch ‚Home‘ und den Lego-Film super. Sehr empfehlenswert ist ‚Ernest und Celestine‘, ein französischer Film.“ Es sind Informationen und Tipps von denen man nicht einmal wusste, dass man sie haben wollte und für die Notizzettel ausliegen, damit man sie zwei Regale später nicht wieder vergessen hat.

Doch man muss nicht Nostalgiker oder Filmstudent sein, um an solch einem Angebot Gefallen zu finden. Vielleicht schaffen es am Ende ja einige wenige, als Archiv zu überstehen. Wenn nicht, bleibt die Erinnerung an eine Zeit, in der man die Wohnung abends manchmal nur verließ, um einen Film zu besorgen.